Schutz für Kinder im vierten Jahr der Eskalation
Seit Februar 2022 prägt der bewaffnete Konflikt in der Ukraine Lebensrealitäten im ganzen Land. Für Kinder bedeutet dies nicht nur physische Gefährdung, sondern auch Verluste, Vertreibung, unterbrochene Bildungswege und anhaltende psychische Belastung. Die Auswirkungen zeigen sich häufig zeitversetzt: in Schlafstörungen, Rückzug, erhöhter Reizbarkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten.
Gemeinsam für verlässliche Unterstützung
In der zentralukrainischen Region um Kropyvnytskyj arbeiten Plan International und die örtliche Partnerorganisation Slavic Heart seit Beginn der Eskalation zusammen, um bestehende familiäre und gemeinschaftliche Strukturen zu stärken. Im Mittelpunkt stehen Pflegefamilien sowie kinderfreundliche Räume, in denen psychosoziale Begleitung, Bildungsangebote und Beratung für Eltern organisiert werden. Mit finanzieller Unterstützung unter anderem durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) ist das Vorhaben langfristig angelegt. Denn Stabilität für schutzbedürftige Kinder entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch kontinuierliche Beziehungen und verlässliche Unterstützung.
Ein Haus auf dem Land
Rund 50 Kilometer außerhalb von Kropyvnytskyj ist ein Haus mit fünf Schlafzimmern zu einem Zuhause für neun Kinder geworden. Als sich der Krieg im ganzen Land ausweitete, entschieden sich die Pflegeeltern Yuri (54) und Nadia (49) bewusst für den Umzug in ein größeres Haus im ländlichen Raum. Für sie ist Pflegeelternschaft keine vorübergehende Reaktion auf eine Krise, sondern eine klar formulierte gemeinsame Lebensaufgabe: möglichst viele Kinder zu schützen und ihnen die Voraussetzungen für eine stabile, selbstbestimmte Zukunft zu eröffnen.
Die Kinder im Alter von sieben Monaten bis 16 Jahren bringen unterschiedliche biografische Erfahrungen mit. Einige haben Eltern oder Angehörige durch Kriegshandlungen verloren, andere wissen nicht, wer oder wo ihre leiblichen Eltern sind oder haben wiederholte Beziehungsabbrüche erlebt. Diese Erfahrungen wirken sich auf Vertrauen, Bindungsfähigkeit und Emotionsregulation aus.
Die Pflegefamilie wird durch Plan International umfassend begleitet. Neben regelmäßigen therapeutischen Angeboten für die Kinder umfasst die Unterstützung Schulungen für die Pflegeeltern, Beratung zur Sozialarbeit sowie logistische und finanzielle Unterstützung. Eine mehrdimensionale Struktur, die nachhaltig den Mädchen und Jungen zugutekommt.
„Hier ist immer Lärm. Aber das bedeutet auch, dass hier Freude ist.“
Im Wohnzimmer von Kropyvnytskyj wird gespielt, gelesen, gebaut. Spielzeugeisenbahnen fahren über den Teppich, Märchenbücher liegen aufgeschlagen auf dem Tisch, Spielzeughäuser wachsen Stein für Stein. „Hier ist immer Lärm“, sagt die 16-jährige Veronika, die seit fast fünf Jahren Teil der Familie ist. „Aber das bedeutet auch, dass hier Freude ist.“
Gleichzeitig bleibt der bewaffnete Konflikt im Alltag präsent. In den Wintermonaten führten Angriffe auf die Energieinfrastruktur regelmäßig zu Stromausfällen. Die Kinder hören Drohnen, sie kennen das Geräusch von Explosionen und das Sirren von Luftalarmen. Sicherheit entsteht hier nicht durch Abschirmung von Realität, sondern durch verlässliche Beziehungen innerhalb dieser Realität. Wenn der Strom ausfällt, werden Kerzen angezündet, zusätzliche Kleidungsschichten angezogen und kreativ neue Spiele erfunden. „Wir bewegen uns viel, damit uns warm bleibt“, sagt Veronika und hebt ihre zweijährige Schwester auf den Schoß.
Kontinuierliche psychosoziale Begleitung
„Einige unserer Kinder haben Eltern oder Verwandte durch den Krieg verloren, andere wissen nicht, wer ihre leiblichen Eltern sind“, weiß auch Pflegevater Yuri aus Donetsk. „Die regelmäßige therapeutische Unterstützung und die Schulungen durch Fachleute helfen uns, die Kinder durch besonders schwierige Phasen zu begleiten.“
Etwa den 15-jährigen Vitali, der eines der ältesten Pflegekinder von Oksana und Yuri ist. Nach dem Verlust seiner eigenen Familie wechselte er mehrfach zwischen verschiedenen Betreuungseinrichtungen. Zu Beginn lehnte er familiäre Regeln ab und begegnete Erwachsenen mit Misstrauen. Rückzug, Reizbarkeit und lange Phasen des Schweigens prägten seinen Alltag.
In gezielten Therapiesitzungen arbeitete der Junge an Emotionsregulation und Konfliktlösung. Entscheidend war die schrittweise Erfahrung von Verlässlichkeit im Alltag. Mit der Zeit öffnete sich Vitali und fand sowohl in der Schule als auch im familiären Alltag neue Motivation. Heute übernimmt er sogar Verantwortung für jüngere Geschwister, als Ausdruck für die gewachsene Zugehörigkeit.
Ältere kümmern sich um jüngere Kinder
Die meisten Kinder im Haushalt sind alt genug, um die Gefahren des bewaffneten Konflikts zu verstehen. Sie wissen, was über ihnen fliegt, und sie kennen die Bedeutung von Sirenen. Zugleich erfahren sie im Alltag, dass emotionale und körperliche Fürsorge Kontinuität schaffen kann, selbst unter Bedingungen anhaltender Unsicherheit.
Ein kinderfreundlicher Raum
Während das Haus auf dem Land familiäre Kontinuität bietet, schafft ein kinderfreundlicher Raum in Kropyvnytskyj einen offenen Ort für Begegnung, Spiel und psychosoziale Unterstützung. Hunderte Kinder und Familien nutzen das Angebot regelmäßig.
Der achtjährige Damir leidet seit Jahren unter nächtlichen Angstzuständen. Explosionen und Brände aus seinen Träumen lassen sich für ihn nur schwer von der Realität trennen. In wöchentlichen kunsttherapeutischen Sitzungen wird er dabei unterstützt, Gefühle zu erkennen und zu benennen. „Angst ist komplex“, erklärt die Krisenpsychologin Viktoria, „doch für Kinder ist es wichtig zu verstehen, dass sie auch eine Schutzfunktion hat.“ Mit Malen, Zeichnen und Gesprächen findet Damir schrittweise Wege, um mit seinen Ängsten umzugehen. Er öffnete sich gegenüber anderen Kindern und spricht heute davon, an Sportwettkämpfen teilnehmen zu wollen.
Das Zentrum bietet strukturierte, altersgerechte Programme: Brettspiele, Mal- und Tanzangebote sowie Computerkurse. Dafür treffen sich Jugendliche in einem separaten Raum, auch, um Erfahrungen von Vertreibung und Unsicherheit zu reflektieren und Zukunftsperspektiven zu entwickeln.
Digitale Lernangebote gibt es ebenfalls: In Programmierkursen bauen Kinder virtuelle Dörfer – Orte, die sie selbst gestalten. Die technische Infrastruktur wird bei Stromausfällen durch Generatoren gesichert. Für viele Kinder ist das kreative Arbeiten am Computer sowohl Kompetenzaufbau als auch emotionaler Ausdruck.
Auch Pflegeeltern wie Oksana und Yuri, die 2022 ihr altes Zuhause in Donezk verlassen mussten und heute zehn Kinder betreuen, nutzen das Angebot regelmäßig.
Ein Kind mit Lernschwierigkeiten arbeitet seit mehreren Monaten in psychosozialen Gruppen mit. Die wöchentliche Teilnahme schafft Routine, soziale Einbindung und Entlastung im Familienalltag. „Was wir hier bieten können, ist ein Ort der Geborgenheit, Sicherheit und Unterstützung“, sagt Projektkoordinatorin Hanna. „Und wir wissen, dass der Bedarf weiterhin groß ist.“
Schutz als gemeinschaftliche Aufgabe
Vier Jahre nach Beginn der bewaffneten Eskalation zeigt sich deutlich: Psychosoziale Unterstützung für Kinder ist kein kurzfristiges Projekt, sondern eine Generationenaufgabe. Traumatische Erfahrungen enden nicht mit einem einzelnen Ereignis, sie wirken in Beziehungen, Lernprozessen und Zukunftsvorstellungen fort.
Die Arbeit in und um Kropyvnytskyj basiert deshalb auf einem Ansatz, der familiäre Verantwortung, professionelle Begleitung und zivilgesellschaftliche Solidarität miteinander verbindet. Pflegefamilien, Fachkräfte und lokale Organisationen arbeiten gemeinsam daran, Kontinuität in einer fragilen Umgebung zu ermöglichen.
Der Artikel wurde mit Material aus der Ukraine aufgeschrieben.