Ukraine: Katys Flucht in die Sicherheit

Mehr als 1,7 Millionen Menschen sind laut UN bereits vor den Kampfhandlungen in der Ukraine geflohen – so auch die 16-Jährige Katy, die unser Einsatzteam im rumänischen Bukarest traf.

Katy schaut sich um. Der Bahnhof in Bukarest ist voller Menschen. Vor zwei Tagen ist sie mit ihrer Mutter in der rumänischen Hauptstadt angekommen – so wie in den letzten Tagen viele Zehntausend weitere Menschen aus der Ukraine. Übernachtet haben Mutter und Tochter in einem leerstehenden Haus, das jemand für sie organisiert hat. Für die 16-Jährige ist es das erste Mal, dass sie ihre Heimat verlassen hat – und Katy weiß nicht, wann sie zurückkehren wird. „Ich bin mit Meiner Mutter nach Bukarest gekommen, in unserer Familie gibt es nur sie und mich“, erzählt sie. Sieben Stunden saßen sie im Zug. „Wir hatten glücklicherweise Sitzplätze, aber viele andere nicht. Die Menschen standen die ganze Fahrt über. Aber immerhin sind sie jetzt sicher.“

Eine Teenagerin mit Rollkoffer steht neben einer Frau auf einem Bahnhof
Katy und ihre Mutter am Bahnhof in Bukarest.George Calin / Inquam Photos

Eineinhalb Wochen nach dem Beginn von Russlands militärischer Operation in der Ukraine sind laut UN mehr als 1,7 Millionen Menschen (Stand: 7.3.2022) über die Grenzen in die europäischen Nachbarländer geflohen. Die meisten von ihnen sind Frauen, Kinder und ältere Menschen. Ihre Ehemänner, Väter und Söhne mussten zurückbleiben, denn sie dürfen die Ukraine zumeist nicht mehr verlassen. Erkundungsteams von Plan International machen sich derzeit in Rumänien, Polen und Moldawien ein Bild von der Lage vor Ort, um zu klären, welche Bedarfe die Menschen dort haben.

„Meine Mama hatte Angst, dass bald die Bomben kommen würden, also beschlossen wir, zu gehen.“

Katy, 16, floh mit ihrer Mutter aus der Ukraine

UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, warnt davor, dass die humanitäre Krise in der Ukraine gerade erst beginnt. Es schätzt, dass mindestens vier Millionen Menschen bei einer Verschärfung der Lage in andere Länder fliehen könnten, während in der Ukraine weitere Millionen Menschen als Folge des bewaffneten Konflikts aus ihren Heimatstädten und -dörfern vertrieben werden.

Die Sorge um Freund:innen, die noch in der Ukraine sind, ist groß

Katy kommt aus Czernowitz, einer Stadt im Südwesten der Ukraine, die in der Nähe der Grenze zu Rumänien liegt. „Es gab Sirenen in der Stadt, auch in der Umgebung. Orte in der Stadt wurden angegriffen“, so die 16-Jährige. „Meine Mama hatte Angst, dass bald die Bomben kommen würden, also beschlossen wir, zu gehen.“ Ihren Kater musste Katy zurücklassen. Er lebt jetzt bei ihrem Freund. „Er heißt Cat“, erzählt die junge Ukrainerin. 

Ein Transportkäfig für Kleintiere steht auf dem Boden neben Menschen und Koffern
Eine ukrainische Familie kommt mit ihrem Haustier am Bahnhof in Bukarest an.George Calin / Inquam Photos

Die 16-Jährige macht sich große Sorgen um ihre Freund:innen und ihren Freund, die noch immer in der Ukraine sind und von denen sie nicht weiß, wann sie sie wiedersehen wird: „Meine beste Freundin ist in unserer Stadt geblieben. Ihr Bruder und ihr Vater dürfen das Land nicht verlassen und die Familie hat beschlossen, dass alle zusammenbleiben.“ Auch ihren Freund musste Katy zurücklassen. „Er und sein Vater reparieren Armeefahrzeuge“, erzählt sie. Die Moral unter den jungen Menschen in ihrer Stadt sei sehr hoch: „Alle helfen sich gegenseitig. Wenn jemand hört, dass eine Person Essen, Wasser oder etwas anderes braucht, wird es für sie besorgt.“

Nächste Station: Budapest

Alles, was Katy und ihre Mutter mitgenommen haben, passt in einen Koffer, eine Tasche und ein paar Beutel. „Ich fühle mich okay, alle hier waren sehr hilfsbereit“, sagt die 16-Jährige, die davon träumt, einmal Künstlerin zu werden. „Ich zeichne eigentlich immer“, erzählt sie uns von ihrer Leidenschaft. „Ich würde gerne Kunst studieren und eine Ausbildung zur Tätowiererin machen.“ Während Katy auf das Gepäck aufpasst, steht ihre Mutter in einer langen Schlange für Zugtickets an. „Wir fahren heute Abend mit dem Zug weiter nach Budapest. Wir hatten eigentlich gehofft, nach Amerika gehen zu können, doch die Tickets waren zu teuer. In Budapest kennen wir niemanden“, erklärt die 16-Jährige. Ihre Mutter schneidert Brautkleider und hofft, dass sie in Ungarn Arbeit als Näherin finden kann. „Es ist ein guter Beruf“, sagt Katy, „aber es wird dort schwierig werden, denn meine Mutter spricht kein Englisch.“

Als wir uns von Katy und ihrer Mutter verabschieden, fragen wir sie, ob es noch etwas gibt, was sie den Menschen erzählen möchte. Viel ist es nicht: „Ich will nicht, dass die Menschen in Panik geraten“, erklärt sie. „Ich möchte nicht, dass die Menschen aggressiv zueinander sind.“

Katy schließt mit den Worten: „Es ist seltsam, dass die Ukraine bis jetzt nie für irgendetwas berühmt war, aber jetzt wissen alle, wer wir sind.“

Die Geschichte wurde mit Material von dem Plan-Einsatzteam in Rumänien erstellt.

Eine junge Frau steht mit einem Koffer und einem Beutel im Bahnhof
George Calin / Inquam Photos

Spenden für die Ukraine

Der Bedarf an humanitärer Hilfe für die vom Konflikt in der Ukraine betroffenen Kinder steigt stündlich an. Wir werden mit Organisationen zusammenarbeiten, die bereits vor Ort sind, um sicherzustellen, dass Kindern und ihren Familien sofort geholfen wird, wenn sie die Grenze zur Ukraine überqueren. Unser Fokus wird dabei auf dem Kinderschutz, der psychosozialen Unterstützung, Zugang zu Lern- und Spielmöglichkeiten sowie der Sensibilisierung für die Risiken geschlechtsspezifischer Gewalt liegen.

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