Leben mit Überschwemmungen
Im nordöstlichen Nigeria prägt das Klima seit jeher das Leben der Menschen. Die Regenzeit bringt Hoffnung auf gute Ernten und zugleich das Risiko von Überschwemmungen. Im Bundesstaat Yobe, nahe der Grenze zum Niger, ist dieses Spannungsverhältnis besonders deutlich spürbar. Der Yobe-Fluss, Lebensader für viele Bauerngemeinden, tritt während starker Regenfälle regelmäßig über seine Ufer. Was früher als seltene Naturereignisse galten, hat sich in den vergangenen Jahren zu wiederkehrenden Krisen entwickelt.
Halima kennt diese Dynamik seit ihrer Kindheit. Die 20-Jährige lebt mit ihren Eltern und acht Geschwistern in einer kleinen Bauerngemeinde unweit des Flusses. Überschwemmungen sind für sie keine abstrakte Bedrohung, sondern Teil ihrer Biografie. „Unsere Gemeinde leidet jedes Mal sehr, wenn es zu Überschwemmungen kommt“, sagt sie. Wenn das Wasser kommt, nimmt es nicht nur Ernten und Vorräte mit sich. Häuser werden beschädigt oder unbewohnbar, Wege unpassierbar, Gesundheitsstationen überflutet. Krankheiten können nicht behandelt werden, weil die Straßen fehlen, auf denen man sie erreichen könnte. Besonders hart trifft es Familien, die ohnehin am Rand ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten leben. Viele beginnen nach jeder Regenzeit erneut von vorn.
„Es ist schmerzhaft zu sehen, wie Familien während der Hochwassersaison alles verlieren.“
Überschwemmung als strukturelle Realität
Nigeria ist eines der am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffenen Länder Afrikas. Steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und extreme Wetterereignisse treffen auf ein rasches Bevölkerungswachstum und fragile Infrastrukturen. Überschwemmungen gehören inzwischen zu den größten humanitären Herausforderungen des Landes. Allein im Jahr 2024 kamen rund 1.200 Menschen ums Leben, mehr als zwei Millionen wurden vertrieben.
Im Nordosten Nigerias, wo Yobe liegt, verschärfen sich diese Effekte durch lange Trockenperioden, gefolgt von intensiven Regenfällen. Der Boden kann das Wasser kaum aufnehmen, Flüsse schwellen schnell an. Für viele Gemeinden bedeutet das: wenig Zeit zur Vorbereitung, kaum Ressourcen zur Vorsorge.
Lernen, bevor das Wasser kommt
Halima wollte diese Ohnmacht nicht hinnehmen. Als sich die Möglichkeit ergab, an einer dreitägigen Schulung zu Katastrophenvorsorge und vorausschauendem Handeln teilzunehmen, zögerte sie nicht. Die Schulung wurde von Plan International in Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen unterstützt und richtete sich gezielt an junge Menschen aus betroffenen Gemeinden.
Auf dem Programm standen Frühwarnsysteme, Evakuierungsplanung und psychologische Erste Hilfe. Es ging nicht um abstrakte Konzepte, sondern um konkrete Handlungsoptionen: Wann ist eine Warnung ernst zu nehmen? Wie organisiert man eine Evakuierung, ohne Panik auszulösen? Wie unterstützt man Menschen, die gerade alles verloren haben? „Die Schulung hat mir geholfen, meine Sicht auf mich selbst und meine Rolle in der Gemeinde zu ändern“, sagt Halima.
Gemeinschaftlich handeln
Zurück in ihrer Gemeinde begann Halima, das Gelernte weiterzugeben. Sie arbeitet heute eng mit den Gemeindevorstehern zusammen. Gemeinsam entwickelten sie einen Evakuierungsplan, der sich an den realen Gegebenheiten vor Ort orientiert. Ein Treffpunkt wurde festgelegt, auf höher gelegenem Gelände, erreichbar für Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen.
Halima sieht ihre Rolle dabei nicht als führend im klassischen Sinne. Vielmehr versteht sie sich als Verbindung: zwischen Wissen und Alltag, zwischen Warnsystemen und gelebter Praxis. Sie informiert ihre Nachbar:innen über Frühwarnmeldungen und spricht mit ihnen darüber, warum es wichtig ist, diese ernst zu nehmen. „Früher haben die Menschen diesen Meldungen nicht viel Beachtung geschenkt“, sagt sie. Vertrauen wächst langsam, durch Gespräche, Wiederholung und sichtbare Vorbereitung.
„Als junge Frau kenne ich die Wege und die Menschen in meiner Gemeinde, so kann ich während Überschwemmungen sofort handeln und Hilfe koordinieren.“
Junge Menschen als Akteur:innen
In vielen ländlichen Gemeinden Nigerias tragen junge Menschen früh Verantwortung: in der Familie, in der Landwirtschaft, im sozialen Gefüge. Halima ist überzeugt, dass genau darin ein Schlüssel für wirksame Katastrophenvorsorge liegt. Sie kennt die Wege, die Menschen, die Bedürfnisse. Sie weiß, wer Hilfe braucht und wer helfen kann. Dabei geht es nicht nur um physische Sicherheit. Psychologische Erste Hilfe ist ein oft übersehener Aspekt nach Naturkatastrophen. Angst, Verlust und Unsicherheit wirken lange nach, besonders bei Kindern. Auch hier versucht Halima, unterstützend präsent zu sein – zuzuhören, zu erklären, zu beruhigen.
Vorsorge als langfristige Aufgabe
Halimas Engagement steht exemplarisch für einen Ansatz, den Plan International in Nigeria verfolgt: Katastrophenvorsorge nicht als kurzfristige Maßnahme zu verstehen, sondern als kontinuierlichen Prozess, der lokale Strukturen stärkt. In den Bundesstaaten Yobe, Borno und Adamawa arbeitet die Kinderrechtsorganisation mit Gemeinden und Behörden zusammen, um Widerstandsfähigkeit aufzubauen.
Dazu gehören Schulungen von Frühwarnkomitees, die Reinigung von Entwässerungssystemen und die Vorabbereitstellung von lebensrettenden Hilfsgütern wie Hygieneartikeln und anderen Non-Food-Produkten. Insgesamt erhalten rund 21.000 besonders gefährdete Menschen Unterstützung, darunter 10.500 Mädchen und Frauen. 160 Gemeindevorsteher:innen, viele von ihnen junge Menschen, wurden in Evakuierungsplanung und Schutzmaßnahmen geschult.
Wissen weitertragen
Für Halima war die Schulung kein Abschluss, sondern ein Anfang. Sie spricht von Verantwortung, nicht von Heldentum. „Wenn es nächstes Jahr zu einer Überschwemmung kommt, werde ich die Frühwarnmeldungen befolgen und diese Informationen weitergeben“, sagt sie. Ziel sei es, Schäden zu begrenzen, Leben zu schützen und vorbereitet zu sein.
In einer Region, in der das Wetter zunehmend unberechenbar wird, ist Resilienz kein abstrakter Begriff. Sie entsteht aus geteiltem Wissen, aus Vertrauen und aus Menschen, die bereit sind, ihre Rolle im Gefüge der Gemeinschaft neu zu denken.
Die Geschichte von Halima wurde mit Material aus dem nigerianischen Plan-Büro aufgeschrieben.