HIV-Risiko: Kinderehe – Eine Betroffene kämpft für Schutz und Aufklärung

Foto: Adam Hinton (Symbolbild)

Mit zwölf verheiratet, kurz darauf schwanger – und dann die Diagnose: HIV-positiv. In der Plan Post erzählt Yakoura* ihre Geschichte und wie sie ihr Leben meistert.

Yakoura (20) ist wütend auf ihre Mutter. „Für mich ist sie die Einzige, die für mein Unglück verantwortlich ist“, sagt die junge Frau. „Sie hat mein Leben zerstört und will das Gleiche jetzt mit meiner jüngeren Schwester tun. Sie ist erst 13 Jahre alt! Ich möchte, dass sie weiß, dass ich das nicht zulassen werde.“

„Eines Tages kam meine Mutter zu mir und sagte, dass ich bald heiraten würde. Ich wusste nicht, was mit mir passiert.“

Yakoura (20), wurde als Zwölfjährige verheiratet

Vor mehr als acht Jahren flohen Yakoura und ihre Familie aus ihrer Heimat Nigeria ins Nachbarland Niger. Ihre Familie war spät in der Nacht von bewaffneten Männern in ihrem Haus angegriffen worden. Sie töteten den Vater, der Rest konnte in den Busch fliehen. In den darauffolgenden Tagen überquerten sie die Grenze zur nigrischen Region Diffa. Yakouras Mutter hatte kein Einkommen mehr, um ihre große Familie zu ernähren. Deshalb beschloss sie, ihre Tochter mit einem deutlich älteren Mann zu verheiraten. „Eines Tages, ich spielte gerade mit meiner kleinen Schwester, kam meine Mutter zu mir und sagte, dass ich bald heiraten würde. Ich war schockiert und verstand nicht, was mit mir passieren sollte“, erinnert sich Yakoura. Einige Wochen später fand die Hochzeit statt, ihr Mann – für Yakoura ein Fremder – war so alt wie ihr verstorbener Vater.

Ein Kasten mit Medikamenten steht auf dem Boden
So kann ein HIV-Behandlungs-Kit aussehen. Dieses ist aus einem bereits abgeschlossenen Präventionsprojekt in Uganda. Plan International / Anne Ackermann

Während andere Mädchen zur Schule gehen konnten und davon träumten, Ärztin, Anwältin oder Pilotin zu werden, fand sich Yakoura in einer unglücklichen und missbräuchlichen Ehe gefangen. „Er schlug und beleidigte mich“, so die junge Frau, „und ich habe mehrmals versucht, zu meiner Mutter zu fliehen. Sie hat mich immer wieder in sein Haus zurückgebracht.“ Doch als Yakoura schwanger wurde, beschloss ihr Mann, sie zu ihrer Mutter zu schicken. Er sagte, er könne sie nicht mehr ertragen. „Ich war oft krank zu Beginn meiner Schwangerschaft“, erinnert sich die heute 20-Jährige. Leise fährt sie fort: „Ich ging ins Krankenhaus, um mich untersuchen zu lassen. Das war der Moment, in dem sich mein Leben änderte. Man sagte mir, dass ich HIV habe.“

Krise in der Tschadsee-Region hat schwerwiegende Folgen für Mädchen

Seit Jahren herrscht in der Tschadsee-Region eine humanitäre Krise. Millionen Menschen fliehen vor Armut, den Auswirkungen des Klimawandels und der Terrorgruppe Boko Haram, die grenzüberschreitend agiert. Das hat schwerwiegende Folgen für das Leben vieler Mädchen und Frauen in der Region: Familien sehen sich gezwungen, Töchter gegen eine Mitgift zu verheiraten – um sich und ihnen ein vermeintlich besseres Leben zu ermöglichen. Viele Mädchen hat die Armut zudem zu gefährlichen Entscheidungen gezwungen – von Weglaufen über Prostitution bis hin zu Alkohol- und Drogenmissbrauch und sogar Beitritt zu bewaffneten Gruppen. Yakouras Mutter sagt, sie bedaure ihre Entscheidung, ihre Tochter zur Ehe gezwungen zu haben. Sie ist jedoch auch der Meinung, dass ihr keine andere Wahl geblieben sei. „Ich dachte, es würde ihr ein besseres Leben bieten“, sagt sie.

Eine Frau hockt auf dem Boden und zupft etwas von einer Pflanze ab
Yakoura nimmt Medikamente, die ihre Viruslast auf ein Minimum reduzieren. Dadurch kann sie ein fast normales Leben führen. Plan International

Ihre Tochter akzeptiert dies nicht als Entschuldigung. Yakoura hat Sorge, dass ihrer kleinen Schwester das gleiche Schicksal droht. Sie will sie unbedingt schützen. Unterstützung erhält die junge Frau im Rahmen eines Projekts von Plan International, das vom Auswärtigen Amt finanziert wird. Es hat zum Ziel, Mädchen in der Tschadsee-Region vor Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und Ausbeutung zu schützen. Wir helfen Yakoura zudem mit psychosozialer Unterstützung und antiretroviralen Medikamenten. Durch das Medikament wird die Viruslast unter die Nachweisgrenze reduziert, was auch die Ansteckungsfähigkeit praktisch aufhebt. Bei rechtzeitiger Behandlung haben HIV-positive Menschen so eine fast normale Lebenserwartung und können leben wie alle anderen.

10 Fakten über HIV/Aids

Die Diagnose HIV ist heute längst kein Todesurteil mehr. Betroffene haben durch eine Therapie mit antiretroviralen Medikamenten eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie Menschen ohne HIV. Dennoch kämpfen HIV-positive Menschen auch heute noch mit Vorurteilen und Stigmatisierung, zudem haben nicht alle Menschen weltweit gleichberechtigten Zugang zu Medikamenten. Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember haben wir 10 wichtige Fakten über HIV/Aids und unsere Arbeit in diesem Bereich zusammengestellt.

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Kampf für Schutz und Aufklärung

Yakoura hat ihre HIV-Infektion mit den Medikamenten gut in den Griff bekommen. All ihre Energie steckt sie nun in die Aufklärung – über ihre Krankheit, den Schutz davor und die schädlichen Auswirkungen von Kinderehen. Vor kurzem nahm Yakoura am dritten African Girls Summit in Niamey teil, wo sie ihre Geschichte mit Mädchen aus ganz Afrika teilte. „Ich wusste nicht, dass ich so viele Menschen im Saal zum Weinen bringen würde. Ich war stolz und glücklich dort zu sein und von meinen Erlebnissen berichten zu können. Es war für mich eine Gelegenheit, über die Folgen von Frühverheiratung zu sprechen und die Bedeutung von Arztbesuchen für Mädchen und ihre Partner vor der Heirat, um sie vor Krankheiten wie HIV zu schützen. Die Stille im Raum als ich sprach war eine der unvergesslichsten Erinnerungen meines Lebens“, sagt Yakoura.

Yakouras Geschichte wurde mit Material aus dem nigrischen Plan-Büro aufgeschrieben.

*Der Name wurde zum Schutz der Identität geändert.

Mit einer Patenschaft helfen

Die Sicherheitslage in Niger ist äußerst angespannt. Während terroristische Gruppierungen das Land destabilisieren, führen Konflikte der Nachbarländer dazu, dass Niger trotz der knappen Ressourcen eine Vielzahl an geflüchteten Menschen aufnehmen muss. Starkes Bevölkerungswachstum, Naturkatastrophen und fortschreitende Wüstenbildung führen immer wieder zu Hungerkrisen. Wir von Plan International setzen uns dafür ein, dass Kinder in Niger trotz vieler Probleme sicher und gesund aufwachsen können. Mit einer Patenschaft helfen Sie uns dabei.

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