Engagement nach dem Erdbeben
Andrea (17) und Sara (14) leben im venezolanischen Küstenstaat La Guaira. In den Tagen nach den Erdbeben erleben sie, wie die Nachbarschaften Hilfe organisieren, Familien einander unterstützen und Freiwillige dort anpacken, wo Unterstützung gebraucht wird.
Auch die beiden Schwestern wollen einen Beitrag leisten. Schon wenige Tage später beteiligen sie sich an Hilfsmaßnahmen in ihrer Gemeinde. „Bereits drei Tage nach der Katastrophe waren wir als Freiwillige vor Ort“, sagt Andrea.
„Bereits drei Tage nach der Katastrophe waren wir als Freiwillige vor Ort.“
Wie Andrea und Sara aktiv wurden
Andrea und Sara schließen sich nach den Erdbeben einer Gruppe junger Freiwilliger an, die Familien in ihrer Gemeinde unterstützt. Gemeinsam mit lokalen Hilfsorganisationen helfen sie dabei, wichtige Hilfsgüter zu verteilen und Menschen zu unterstützen, die von den Folgen der Erdbeben betroffen sind.
Dazu gehören unter anderem Lebensmittel, Wasser sowie Hygieneartikel für Frauen, Mädchen und Familien. Außerdem helfen sie bei medizinischen Hilfsangeboten und unterstützen dabei, Informationen über die Situation in den betroffenen Wohnvierteln zu sammeln.
Durch die Begegnungen mit den Menschen vor Ort erfahren Andrea und Sara aus erster Hand, welche Herausforderungen viele Familien nach der Katastrophe bewältigen müssen.
Was die Schwestern vor Ort erleben
In den Wochen nach den Erdbeben begegnen Andrea und Sara Familien, die versuchen, ihren Alltag unter schwierigen Bedingungen neu zu organisieren. „In unserem Viertel sind zwei Wohnblocks eingestürzt, ebenso wie ein kleines Gebäude in der Nähe“, erzählt Andrea.
Viele Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Einige leben vorübergehend bei Angehörigen, andere in Notunterkünften oder provisorischen Unterkünften. Sara erinnert sich besonders an die große Hilfsbereitschaft in den Tagen nach dem Erdbeben. Nachbar:innen unterstützten die Rettungsarbeiten oft stundenlang, um Betroffenen zu helfen.
Bei ihren Gesprächen erleben die beiden Schwestern, wie unterschiedlich Familien mit den Folgen der Katastrophe umgehen. Viele Familien sorgen sich um Wohnraum, die Versorgung ihrer Angehörigen und ihre Zukunft.
Warum Frauen und Mädchen besondere Unterstützung benötigen
Bei ihrer Freiwilligenarbeit fällt Andrea auf, dass manche Bedürfnisse in Notsituationen weniger Beachtung finden als andere. „Die Menschen konzentrieren sich darauf, Grundversorgungsgüter zu beschaffen, vor allem Lebensmittel, sowie andere lebenswichtige Dinge wie Wasser und Taschenlampen“, sagt sie. „Aber sie suchen nicht nach Dingen wie Menstruationsprodukten, Zahnbürsten oder Zahnpasta. Mit dem, was wir ihnen jetzt geben, können wir ihre aktuellen Bedürfnisse und diejenigen, die in den kommenden Tagen entstehen werden, innerhalb einer Woche, wenn nicht sogar früher, decken.“
Besonders beschäftigt Andrea die Situation von Frauen und Mädchen, die in Krisenzeiten oft zusätzliche Herausforderungen bewältigen müssen. „Manche Mütter wurden mit ihren Babys allein zurückgelassen und sind zudem selbst verletzt“, sagt sie. „Neben der Sorge um Nahrung und ihre Kinder müssen Frauen auch ihre Menstruation unter schwierigen Bedingungen bewältigen.“
Auch an Mädchen denkt sie, die während einer solchen Krise neue Erfahrungen machen und dabei oft auf Unterstützung angewiesen sind. „Dann sind da noch die jugendlichen Mädchen, von denen einige erst zehn Jahre alt sind. Vielleicht ist heute der Tag, an dem sie ihre erste Periode bekommen haben, aber sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, weil sie ihre Mutter nicht mehr haben.“
Was sie antreibt, weiterzumachen
Die Freiwilligenarbeit ist für Andrea und Sara nicht immer einfach. Viele Begegnungen mit betroffenen Familien gehen ihnen nahe. Sara erinnert sich besonders an Geschichten von Menschen, die sich während des Erdbebens gegenseitig geholfen haben. „Viele Kinder wurden von ihren Müttern gerettet“, sagt sie. „Zahlreiche Kinder sind heute noch am Leben, weil ihre Mütter sie beschützt haben.“
Andrea hat inzwischen den Spitznamen „Sonrisita“ – „kleines Lächeln“ – erhalten, weil sie versucht, Menschen in schwierigen Situationen Mut zu machen. „Aber es gibt Tage, an denen ich nach Hause komme und denke: ‚Das ist vorbei.‘“ Dennoch möchten die beiden Schwestern ihre Gemeinde weiterhin unterstützen. „Ich möchte mein Leben nicht in einem anderen Bundesstaat oder Land neu beginnen“, sagt Andrea. „Ich glaube, meine Zukunft liegt hier.“
„Viele Kinder sind heute noch am Leben, weil ihre Mütter sie beschützt haben.“
Wiederaufbau braucht Zeit
Die Erdbeben haben das Leben vieler Menschen in La Guaira nachhaltig verändert. Andrea und Sara erleben bei ihrer Freiwilligenarbeit, dass Unterstützung deshalb auch lange nach der akuten Nothilfe wichtig bleibt.
Für Sara steht fest, dass der Wiederaufbau Zeit brauchen wird. „Die Hilfe darf nicht heute oder morgen enden“, sagt sie. „Das ist etwas, das über Monate, vielleicht sogar Jahre hinweg nötig sein wird, um einen ganzen Bundesstaat wieder aufzubauen.“
Die Geschichte von Sara und Andrea wurde mit Material aus dem Regionalbüro von Plan International für Lateinamerika und die Karibik erstellt.