Ein Lernzentrum für Kinder in Gaza
Der Gazastreifen verfügte bis 2023 über ein Schulsystem, das formal nahezu alle Kinder erreichte, in der Praxis jedoch schon seit Jahren unter enormem Druck stand. Überfüllte Klassen, chronischer Mangel an Lehr- und Baumaterialien sowie wiederkehrende Konflikte beeinträchtigten den Unterricht erheblich. Seit 2023 ist selbst diese fragile Struktur weitgehend zusammengebrochen: Viele Schulgebäude sind zerstört oder beschädigt, andere dienen als Notunterkünfte. Unterricht findet, wenn überhaupt, nur noch punktuell statt.
Für Kinder im Grundschulalter bedeutet das den Verlust zentraler Lern- und Entwicklungsphasen. In diesen Jahren werden Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben, Rechnen, aber auch soziale Orientierung und emotionale Selbstregulation normalerweise durch schulische Routinen gefestigt.
Inmitten dieser schwierigen Lage hat die lokale Organisation Kotof El-Khair gemeinsam mit Plan International in Gaza-Stadt ein Bildungs- und Unterstützungszentrum ins Leben gerufen. Der Ort, ein ehemaliges Café, steht sinnbildlich für die Not: Kaum ein Gebäude eignet sich derzeit für den Schulbetrieb. Dennoch kommen dort rund 200 Kinder zwischen acht und elf Jahren regelmäßig zusammen, um gemeinsam zu lernen, zu spielen und ein Stück Alltag zurückzugewinnen.
Fast alle dieser Kinder sind innerhalb des Gazastreifens vertrieben. Viele leben in Zelten oder provisorischen Unterkünften, manche haben Angehörige verloren. Sie alle tragen die Erfahrungen von Unsicherheit, Gewalt und wiederholter Flucht in sich.
Lernen nach langer Unterbrechung
Die Kinder, die am Programm teilnehmen, waren seit 2023 nicht mehr in einer regulären Schule. Entsprechend groß sind die Unterschiede im Lernstand. Das Projekt arbeitet deshalb mit einem vereinfachten Lehrplan, der sich an den offiziellen Bildungszielen orientiert, diese aber an die aktuelle Realität anpasst.
„Die Kinder haben sehr unterschiedliche Voraussetzungen“, erklärt Nadosh*, Mitarbeiterin bei Kotof El-Khair. „Viele konnten lange Zeit nicht lernen. Einige haben Grundkenntnisse verloren, andere konnten sie nie vollständig aufbauen.“
*Name zum Identitätsschutz geändert
Unterrichtet werden Arabisch, Englisch und Mathematik. Die Kinder sind in zwei Gruppen aufgeteilt, die an wechselnden Tagen kommen. Innerhalb dieser Gruppen gibt es kleinere Klassen, um individuellere Betreuung zu ermöglichen. Ergänzt wird der Unterricht durch tägliche psychosoziale Aktivitäten, die in den Unterricht integriert sind, etwa durch Geschichten, Gruppenarbeit oder angeleitete Spiele.
Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist diese Kombination entscheidend. Kinder, die über längere Zeiträume unter Stress, Verlust und Unsicherheit leben, zeigen häufig Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Reizbarkeit oder sozialen Rückzug. Lernen ist unter solchen Bedingungen nur begrenzt möglich, wenn emotionale Stabilisierung nicht mitgedacht wird.
Psychosoziale Belastungen als Lernbarriere
Viele der teilnehmenden Kinder zeigen Anzeichen von anhaltender psychischer Belastung. Dazu gehören Aggressivität, sozialer Rückzug, Traurigkeit oder starke Ängste. Diese Reaktionen sind keine individuellen Defizite, sondern nachvollziehbare Folgen von Krieg, Vertreibung und familiären Verlusten.
„Am Anfang waren viele Kinder still und zurückgezogen. Einige hatten Eltern oder Geschwister verloren und wollten mit niemandem sprechen.“
Das Projekt arbeitet deshalb mit Community-Moderator:innen und psychosozial geschultem Personal, die die Kinder begleiten. Ziel ist es nicht, klinische Therapie zu ersetzen, das wäre in diesem Kontext unrealistisch, sondern grundlegende emotionale Sicherheit herzustellen: verlässliche Bezugspersonen, vorhersehbare Abläufe und Räume, in denen Gefühle benannt werden können.
Im Laufe der Zeit zeigen sich Veränderungen. Kinder beginnen, wieder miteinander zu kooperieren, Verantwortung in Gruppen zu übernehmen und sich aktiver am Unterricht zu beteiligen. Diese Entwicklungen sind klein, aber relevant: Sie zeigen, dass Lernen und soziale Stabilisierung sich gegenseitig verstärken können.
Ernährung und körperliche Grundbedürfnisse
Die Lebensbedingungen der Kinder außerhalb des Zentrums sind oft prekär. Viele Familien leben in Zelten oder überfüllten Unterkünften. Der Winter verschärft diese Situation: Kälte, Feuchtigkeit und fehlende Kleidung erhöhen gesundheitliche Risiken.
Auch die Ernährung ist unzureichend. Lebensmittel sind teuer, schwer verfügbar oder unregelmäßig. Für einige Kinder sind die Mahlzeiten im Lernzentrum, einfache, aber regelmäßige Portionen wie Falafel, Obst oder Gemüse, eine wichtige Ergänzung zur häuslichen Versorgung.
Mo*, der Projektkoordinator, beschreibt diese Versorgung nicht als Nebenaspekt: „Wenn ein Kind hungrig oder erschöpft ist, kann es nicht lernen. Deshalb gehört das Essen hier zum Bildungsangebot.“
*Name zum Identitätsschutz geändert
Eltern als Teil des Projekts
Das Zentrum richtet sich nicht ausschließlich an Kinder. Einige Eltern nehmen an begleitenden Sitzungen teil, in denen es um den Umgang mit belasteten Kindern geht: Wie reagiert man auf Angst? Wie auf Rückzug oder Aggression? In einem Kontext, in dem auch Erwachsene selbst stark betroffen sind, ist diese Unterstützung zentral.
Viele Eltern berichten, dass ihre Kinder nach einigen Wochen im Projekt wieder strukturierter werden: Sie stehen morgens auf, um zum Unterricht zu gehen, erledigen kleine Aufgaben zu Hause, zeigen mehr Interesse an Aktivitäten. Diese Veränderungen sind kein Zeichen dafür, dass die Belastungen verschwunden wären, aber sie deuten auf eine teilweise Wiedergewinnung von Alltag hin.
„Es bricht einem das Herz, Familien keinen Platz anbieten zu können, obwohl der Bedarf so groß ist.“
Massive Bedarfslage
Der Bedarf ist erheblich größer als das Angebot. Rund 500 Kinder wollten sich anmelden, 200 konnten aufgenommen werden. Für Mo ist das eine der größten Belastungen.
Das Team würde das Programm gern in andere Teile des Gazastreifens ausweiten. Doch dafür fehlen derzeit Räume, Material, Personal und sichere Transportwege. Das Projekt operiert in einem Umfeld, in dem selbst grundlegende logistische Planung kaum möglich ist.
Würde, nicht Wohltätigkeit
Die Mitarbeitenden betonen, dass es bei ihrer Arbeit um Würde geht. „Die Kinder von Gaza verdienen ein Leben mit Würde“, sagt Mo. „Und dazu gehört Bildung.“
Das Projekt stellt für einige hundert Kinder einen verlässlichen Ort dar – und damit eine Grundlage, auf der Lernen, Entwicklung und soziale Zugehörigkeit zumindest teilweise wieder möglich werden.
Der Artikel wurde mit Material aus Gaza erstellt.