Ein Gesundheitssystem jenseits der Klinikmauern

Foto: Plan International

Wie findet eine Krankheit den Weg ins Gesundheitssystem? In Monrovia beginnt diese Reise oft in der Nachbarschaft. Wer dort Tuberkulose bekommt, begegnet zuerst einem Netzwerk aus Menschen, nicht aus Formularen.

Liberias Gesundheitssystem trägt bis heute die Spuren seiner jüngeren Geschichte. Zwei Bürgerkriege, die sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckten, zerstörten große Teile der staatlichen Infrastruktur. Kliniken wurden geschlossen, medizinisches Personal floh oder kam ums Leben, und ganze Generationen wuchsen mit nur eingeschränktem Zugang zu Gesundheitsdiensten auf. Die Ebola-Epidemie von 2014 verschärfte diese Situation erneut und hinterließ nicht nur physische, sondern auch institutionelle und gesellschaftliche Narben.

In dieser Landschaft ist Krankheit nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein soziales Phänomen. Wer krank wird, ist oft auf Familie, Nachbarschaft und informelle Netzwerke angewiesen. Der Weg in eine Klinik bedeutet nicht selten Kosten, Zeitverlust und die Unsicherheit, ob man dort überhaupt angemessen versorgt werden kann. Für chronische oder langwierige Erkrankungen wie Tuberkulose wird diese Situation besonders komplex.

Wannah vor dem Behandlungszentrum
Wannah steht mit ihrem engagierten Team im Einsatz gegen Tuberkulose Plan International
Straße zwischen Bomi und Monrovia in Liberia
Straße zwischen Bomi und Monrovia in Liberia Vincent Tremeau

Tuberkulose ist in Liberia, wie in vielen Ländern mit begrenzter Infrastruktur, eng mit Armut, beengten Wohnverhältnissen und Unterernährung verbunden. Die Krankheit lässt sich medizinisch gut behandeln, doch nur, wenn die Therapie konsequent und über viele Monate hinweg durchgeführt wird. Unterbrochene Behandlungen erhöhen das Risiko von Resistenzen und Rückfällen. Ein Problem, das vor allem dort entsteht, wo Menschen den Zugang zu Medikamenten oder medizinischer Begleitung verlieren.

Ein Zentrum im Alltag der Stadt

Im Westen von Monrovia liegt das Barnesville Behandlungszentrum. Es ist keine isolierte Klinik, sondern Teil des städtischen Alltags. Menschen kommen hierher, weil sie husten, Gewicht verloren haben oder bereits eine Diagnose erhalten haben. Andere werden von Gemeindefreiwilligen begleitet, die in ihren Vierteln auf Symptome aufmerksam geworden sind.

Das Zentrum ist eingebettet in ein gemeindebasiertes Gesundheitssystem, das von Plan International gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern unterstützt wird. Der Ansatz beruht darauf, dass medizinische Versorgung nicht allein in Gebäuden stattfindet, sondern in Beziehungen zwischen Fachpersonal, freiwilligen Helfenden und den Familien, die sie begleiten.

Mitarbeitende des Tuberkuloseteams
Mitarbeitende des Tuberkulose-Teams arbeiten nah bei den Patient:innen Plan International
Personal vor Handwaschstaion
Das Gesundheitspersonal benutzt die Handwaschstation des Barnesville Behandlungszentrum Plan International

„Unsere Verlässlichkeit bestimmt, ob Tuberkulosebetroffene ihre Behandlung fortsetzen“

Wannah, über die Wichtigkeit einer kontinuierlichen, verlässlichen Betreuung

Wannahs Rolle im Gefüge

Wannah ist Ärztin und Teamleiterin des Tuberkulose-Programms im Barnesville Behandlungszentrum. Ihr Alltag besteht weniger aus spektakulären Eingriffen als aus Koordination, Zuhören und der kontinuierlichen Begleitung eines Systems, das auf vielen Schultern ruht.

Jeden Morgen melden sich die Freiwilligen im Zentrum. Sie kommen aus verschiedenen Vierteln rund um Barnesville, viele von ihnen arbeiten ehrenamtlich oder gegen eine kleine Aufwandsentschädigung. Sie berichten von Hausbesuchen, von Menschen mit anhaltendem Husten, von Familien, die Unterstützung brauchen. Wannah und ihr Team hören zu, prüfen Überweisungen und planen die nächsten Schritte.

Die Arbeit in den Gemeinden

Die freiwilligen Gesundheitshelfenden sind oft die erste Anlaufstelle für Menschen mit möglichen Tuberkulose-Symptomen. Sie gehen von Tür zu Tür, sprechen mit Familien, erklären, warum Tests wichtig sind und begleiten Betroffene in die Gesundheitseinrichtungen. Wannah sieht darin eine der größten Stärken des Programms: „Sie sind Teil ihrer Gemeinden. Die Menschen kennen sie, und sie wissen, dass sie bleiben.“ Diese Arbeit erfordert Geduld und Fingerspitzengefühl, denn Tuberkulose ist in vielen Gemeinschaften mit Scham und Angst verbunden.

Auch Ärzt:innen wie Wannah gehen regelmäßig mit in die Viertel. Diese Besuche dienen nicht nur der medizinischen Einschätzung, sondern auch dem besseren Verständnis der Lebensumstände. Enge Wohnverhältnisse, fehlende Belüftung oder lange Arbeitszeiten beeinflussen, wie gut Menschen eine Therapie einhalten können. Diese Faktoren fließen in die Betreuung ein.

Wannah mit Team
Mit ihrem Team unterstützt Wannah (links) Tuberkulose-Betroffene Plan International

Medizinische Arbeit unter sozialen Bedingungen

Im Barnesville Behandlungszentrum werden täglich im Schnitt rund 15 Menschen betreut – zur Diagnose, zur Nachsorge oder zur laufenden Behandlung. Die Therapie gegen Tuberkulose dauert mehrere Monate. Sie erfordert tägliche Medikamenteneinnahme und regelmäßige Kontrollen.

Das Team arbeitet in Schichten, oft auch nachts. Schwerwiegende Resistenzen sind bislang selten, was Wannah unter anderem auf die enge Begleitung der Patient:innen zurückführt. „Wenn jemand Schwierigkeiten hat, die Medikamente zu nehmen, versuchen wir zu verstehen, warum“, sagt sie. „Manchmal geht es um Nebenwirkungen, manchmal um Essen, manchmal um Arbeit.“

Abhängigkeit von Stabilität

So wirksam dieses System ist, es bleibt fragil. Viele der betreuten Familien leben von informellen Einkommen. Schon kleine Ausgaben können überfordern. Würden die Medikamente oder die Begleitung kostenpflichtig, könnten viele die Therapie nicht fortsetzen.

Wannah spricht offen über diese Sorge. Für sie ist klar, dass die Unterstützung durch Organisationen wie Plan International, den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria und staatliche Stellen nicht als Ergänzung, sondern als struktureller Bestandteil des Systems zu verstehen ist. Ohne sie würden Lücken entstehen, die sich direkt auf die Gesundheit der Menschen auswirken.

Gesundheitsmitarbeiterin des Tuberkuloseteams
Das Tuberkulose-Team unterstützt die Gemeinschaft mit Engagement und Mitgefühl Plan International

„Wir kennen unsere Realität. Aber wir brauchen auch die Mittel, um darauf reagieren zu können.“

Waanah, über Ressourcen für wirksames Handeln

Nähe statt Distanz

Die Arbeit von Wannah und ihrem Team ist Teil eines größeren, stetigen Prozesses: dem Aufbau von Gesundheitsstrukturen, die auf Vertrauen, Wissen und Zusammenarbeit beruhen.

In enger Verbindung mit den Gemeinden entsteht so eine Versorgung, die Menschen erreicht, unterstützt und langfristig stärkt. In dieser täglichen Arbeit wird sichtbar, wie wichtig Beziehungen und lokales Wissen für eine funktionierende Gesundheitsversorgung sind. 

Die Geschichte von Wannah wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Liberia aufgeschrieben.

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