Als ihre Kindheit endete

Foto: Plan International

Jen war erst 15 Jahre alt, als sie glaubte, ihre Zukunft zu kennen. Doch sie sollte sich irren – und beweist heute, dass es nie zu spät für einen Neuanfang ist.

Jen* wiegt ihr Baby im Arm. Seit sechs Monaten ist die 18-jährige Mutter einer Tochter. Drei Jahre zuvor, gerade einmal 15‑jährig, traf sie die Entscheidung, die alles verändern sollte: Sie packte ihre Sachen und zog zu ihrem Partner. Heute weiß sie: Es war der Moment, in dem ihre Kindheit endete. 

Eheliche Pflichten statt Kindheit

Jen lernte ihren späteren Partner kennen, als sie 13 Jahre alt war. Er war damals 20. Sie lebten in derselben Gemeinde in der Küstenprovinz Manabí in Ecuador. Ihre Beziehung hielten sie zunächst geheim, als sie sich schließlich traute, ihrer Familie davon zu erzählen, reagierten die Eltern mit Ablehnung: „Sie mochten ihn nicht, weil er älter war als ich“, erinnert sich Jen.

Junge Frau blickt durch ein vergittertes Fenster nach draußen
Jen zog mit 15 zu ihrem Freund, der sieben Jahre älter ist Plan International

„Ich glaubte, geliebt zu werden, dabei kannte ich nicht einmal die Bedeutung von Liebe.“

Jen (18), wurde als Teenagerin schwanger

Danach nahmen die Spannungen zu Hause zu. Unter dem wachsenden familiären Druck entschied sich Jen, zur Familie ihres Partners, den sie „Ehemann“ nennt, zu ziehen. Verheiratet sind die beiden nicht, doch sogenannte frühe Partnerschaften („early unions“) – eheähnliche Lebensgemeinschaften –, sind in vielen Regionen Ecuadors verbreitet.

Bei der Familie ihres Partners musste die damals 15-Jährige den strengen Schwiegereltern und ihren traditionellen Erwartungen an ihre Rolle gerecht werden. Es erwartete sie ein Leben voller Pflichten: kochen, putzen, sich um alle kümmern. „Ich war noch ein Kind, aber sie sahen mich bereits als Frau“, sagt sie. Mit 17 wurde sie schwanger, nach der Geburt ihrer Tochter musste sie die Schule abbrechen.

Junge Frau sitzt auf einer Steinmauer und blickt auf ihr Grundstück, auf dem Hühner im Sand laufen und Feuerholz aufgestapelt liegt
Jen in ihrem Zuhause in der Provinz Manabí Plan International

„Es war eine impulsive Entscheidung einer 15-Jährigen, die nichts vom Leben wusste.“

Jen (18), junge Mutter aus Ecuador

Zwischen Tradition und Gesetz

In Ecuador ist eine Eheschließung gesetzlich erst ab 18 Jahren erlaubt. Das Strafrecht sieht zudem vor, dass sexuelle Beziehungen mit Mädchen unter 14 Jahren als Vergewaltigung gelten und mit hohen Haftstrafen geahndet werden können. Dennoch sind frühe Partnerschaften ohne rechtliche Eheschließung insbesondere in ländlichen Regionen verbreitet.

Selten entstehen sie aus freier Wahl: Armut, fehlende Aufklärung und gesellschaftliche Erwartungen schaffen ein Umfeld, in dem Mädchen kaum Alternativen sehen. Doch eine frühe Partnerschaft führt oftmals dazu, dass Mädchen ihre Unabhängigkeit und ihre Chancen auf Bildung verlieren – und damit ihre Zukunft.

Auch, wenn Jens Eltern genau vor diesen negativen Folgen für ihre Tochter hatten, akzeptierten sie die Beziehung schließlich. Heute lebt Jen gemeinsam mit ihren Eltern, drei Geschwistern, ihrem Partner und ihrer Tochter unter einem Dach. Die Familie lebt von Landwirtschaft und der Aufzucht kleiner Tiere; zusätzlich verdient ihr Vater Geld mit der Herstellung und dem Verkauf von Holzkohlebriketts.

In der Provinz Manabí ist die Zahl der frühen Schwangerschaften bei Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren besonders hoch. Jede dieser Schwangerschaften drängt Mädchen zu früh in die Erwachsenenrolle. 

Bildung als Schlüssel

Jen kennt die Herausforderungen, die die Betreuung ihres Kindes und die Unterstützung ihres Partners, der lange Stunden als Fahrer arbeitet, mit sich bringen. Dennoch plant sie, die Schule abzuschließen und anschließend zu studieren. „Nachdem ich die Schule beendet habe, werde ich mich an der Universität bewerben – auch wenn ich mein Baby mitnehmen muss“, sagt Jen entschlossen.

Plan International arbeitet in Ecuador daran, frühe Partnerschaften und Teenagerschwangerschaften zu verhindern. Jen nimmt an diesem Programm teil und besucht in dessen Rahmen Workshops, in denen Themen wie sexuelle und reproduktive Gesundheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung behandelt werden. Gleichzeitig werden Eltern und Familien in den Dialog einbezogen, um traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen. Ziel des Programms ist es, Mädchen die Möglichkeit und das Selbstvertrauen zu geben, ihre Zukunft eigenständig zu gestalten.

Jen und ihre Tochter
Jen spielt mit ihrer sechs Monate alten Tochter Plan International

Was Veränderung bedeutet

Rückblickend sagt Jen, dass ihre frühe Partnerschaft weitreichende Folgen für ihr Leben hatte. „Ich hätte nicht so jung mit ihm zusammenleben sollen“, sagt sie. „Ich hätte es vorgezogen, einfach zu daten, getrennt zu leben und von beiden Familien akzeptiert zu werden, statt in einer frühen Partnerschaft zu sein.“

Die junge Mutter sagt, dass sie heute besser versteht, wie verletzlich Mädchen und junge Frauen in solchen eheähnlichen Verbindungen sind, weil sie häufig Verantwortung für Haushalt und Familie übernehmen müssen, noch bevor sie ihre Ausbildung abschließen oder eigene berufliche Perspektiven entwickeln können.

Für ihre Tochter wünscht sich Jen einen anderen Weg. Sie hofft, dass sie lernen, eigene Entscheidungen treffen und ihr Leben selbstbestimmt gestalten kann – ohne den Druck, zu früh erwachsen werden zu müssen.

*Name zum Schutz der Identität geändert

Die Geschichte wurde mit Material als dem ecuadorianischen Plan-Büro aufgeschrieben. 

Mädchen weltweit eine Zukunft bieten

Mädchen und Jungen haben laut der UN-Kinderrechtskonvention dieselben Rechte. Trotzdem erleben Mädchen häufiger Diskriminierung. Plan International macht auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam und gibt mit diversen Projekten einen Anstoß, die Situation von Mädchen weltweit zu verbessern.

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