Menstruation: Trans Perspektiven im Fokus

Foto: Henrike Resch

Neben der Veröffentlichung der deutschlandweiten repräsentativen Umfrage gibt dieser Artikel auch Einblicke in das Erleben, die Herausforderungen und die Bedürfnisse von Menstruierenden aus der trans Community.

Menstruation betrifft alle Menschen, die die dafür notwendigen Organe und Hormonhaushalte haben: Das schließt viele, aber nicht alle cis Mädchen und Frauen, und auch einige Mitglieder der trans Community ein, zum Beispiel trans Männer oder nicht-binäre Menschen. 

Der Begriff „trans“ bezieht sich in diesem Artikel auf Menschen, die eine andere Geschlechtsidentität haben als die, die ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Das schließt auch nicht-binäre Menschen ein, also Menschen, die sich außerhalb eines männlichen oder weiblichen Geschlechtsidentitätsspektrums einordnen, oder sich mit beiden Ausprägungen identifizieren. Dem Begriff „trans“ gegenübergestellt ist die Bezeichnung „cis“, die für Menschen steht, die sich ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlen. 

Alexander Hahne ist trans Mann und arbeitet unter anderem als Sexualpädagoge. Er weist darauf hin, dass die Art und Weise, wie Menschen ihre Geschlechtsidentität leben und gestalten, ganz individuell ist. Manche trans Männer oder nicht-binäre Menschen entscheiden sich für Operationen oder die Einnahme von Testosteron, um gewisse Geschlechtsmerkmale zu verändern. Testosteron stoppt aber nicht unbedingt den Menstruationszyklus. Das hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, unter anderem der Dauer der Einnahme oder der Dosierung. 

„Ich möchte als stolze nicht-binäre Person meine Periode haben können. Es ist oft eine Herausforderung, bei diesem Denken zu bleiben, da man sehr oft an die Gleichsetzung von Menstruation und Frausein erinnert wird.“

Kim (17), Mitglied in Plans Jugendbeirat

Dysphorie - Das Unbehagen der Geschlechter

Für viele trans Menschen ist die Menstruation mit starkem Unbehagen verbunden. Für einige sind die Blutung und die damit verbundenen Symptome ein Zeichen dafür, dass ihr Körper nicht mit der eigenen Geschlechteridentität übereinstimmt. Das kann eine Vielzahl von physischen oder psychischen Reaktionen hervorrufen, die unter dem Begriff Dysphorie zusammengefasst werden. 

Alex* ist nicht-binär und berichtet von den Problemen, die im Zusammenhang mit der Menstruation aufgekommen sind: „Die Menstruation im Zusammenspiel mit der Dysphorie war auch einer der Gründe, weswegen sich bei mir ein enormer Ekel vor meinem eigenen Körper entwickelt hat. Jahrelang konnte ich mich selbst im Spiegel nicht anschauen, ohne angewidert zu sein. Erst nachdem ich die Möglichkeit hatte, über meinen Körper und in diesem Zusammenhang auch über meine Menstruation zu entscheiden, konnte ich beginnen, ihn kennenzulernen und ihn auch als meinen anzusehen.“ 

Diese Abneigung gegen die eigenen Körperfunktionen birgt gesundheitliche Risiken: „Ich wechselte erschreckend selten meine Tampons, nach dem Motto ‚aus den Augen aus dem Sinn‘. Aus heutiger Sicht hatte das viel mit Dysphorie zu tun, damals machte es das ganze einfach am erträglichsten“, erzählt Sam* (23), Mitglied in Plans Jugendbeirat in der Expert:innengruppe für Gender und Gleichberechtigung. 

Verstärkt wird das Ganze durch die Tatsache, dass auch in der öffentlichen Wahrnehmung die Menstruation sehr stark mit Weiblichkeit und Frausein zusammenhängt. Kim* (17) ist ebenfalls Mitglied im Plan Jugendbeirat und versucht, sich von der Gleichsetzung von Menstruation und Weiblichkeit zu lösen: „Ich möchte als stolze nicht-binäre Person meine Periode haben können. Für mich selbst funktioniert das ganz gut, aber es ist oft eine Herausforderung, bei diesem Denken zu bleiben, da man sehr oft an diese Gleichsetzung erinnert wird.“ Menstruationsprodukte sind weiblich gegendert und adressieren oft ausschließlich Frauen und Mädchen, nur Frauentoiletten sind für das Management der Menstruationshygiene ausgelegt und auch im medizinischen Bereich und in Aufklärungskontexten wird die Periode im Regelfall als Frauensache angesehen. 

Menstruation in der Öffentlichkeit: Trans Menschen müssen mitgedacht werden

Der Umgang mit der Periode in der Öffentlichkeit ist für alle menstruierenden Menschen mit einem gewissen Stress verbunden: Viele haben Sorge davor, dass Blutflecken auf der Kleidung sichtbar sind, die Beschaffung und das hygienische Wechseln von Menstruationsprodukten muss geplant werden, und der Umgang mit doofen Sprüchen oder Blicken begleiten den Alltag einer Person während ihrer Menstruation. Für trans Menstruierende kommt noch die zusätzliche Sorge hinzu, dass ihre Geschlechtsidentität von anderen Menschen infrage gestellt werden könnte, sobald ersichtlich wird, dass sie ihre Tage haben. Ganz extrem ist dieser Konflikt beim Kauf von Menstruationsprodukten, die in Design und Vermarktung häufig extrem feminin sind.

„Männer, die menstruieren, werden in diesem Rahmen nicht bedacht. Sollen sie ihre benutzten Hygieneprodukte dann in der Tasche bei sich umhertragen?“

Alex

Ein Faktor, der das Management der Periode im öffentlichen Raum sehr grundsätzlich einschränkt, ist die Gestaltung von Toiletten. Diese sind meist in Männer- und Frauentoiletten getrennt, was nicht-binäre Menschen außen vor lässt und auch für viele binäre trans Menschen eine große Herausforderung ist. Kim zieht es vor, während der Menstruation auf die Damentoilette zu gehen, wegen der Hygiene-Bedingungen. „Das ist aber auch immer wieder ein unangenehmes Gefühl, da ich mich gerade im privatesten Bereich kategorisiert fühle. Also vermeide ich es, in der Öffentlichkeit auf die Toilette zu gehen und gehe sowieso am liebsten gar nicht erst raus, wenn ich meine Periode habe.“ 

Für trans maskuline Menschen ist die Menstruationshygiene in der Öffentlichkeit ein großes Problem, da die Männertoiletten überhaupt nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet sind. Alex weist darauf hin, dass es keine Mülleimer für die Entsorgung benutzter Binden oder Tampons gibt: „Männer, die menstruieren, werden in diesem Rahmen nicht bedacht. Sollen sie ihre benutzten Hygieneprodukte dann in der Tasche bei sich umhertragen?“ 

Maxi* (21) ist auch Mitglied im Plan-Jugendbeirat, wohnt gerade in Schweden und schwärmt vom Design der öffentlichen Toiletten vor Ort: „Die Toiletten hier sind selten geteilt in Männer und Frauen. Die einzelnen Klos sind in eigenen Räumen und jede hat ihr eigenes Handwaschbecken, was die Menstruationshygiene viel einfacher macht. Ich bin gerade echt in einer Oase.“ 

Barrieren im (Menstruations-)Gesundheitssystem

Auch die medizinische Versorgung rund um die Menstruationsgesundheit ist selten auf trans Menschen ausgelegt. Im Gegenteil: Viele Gynäkolog:innen kennen sich nicht mit trans Körpern und ihren gesundheitlichen Bedürfnissen aus und sind in ihrer Ansprache an ihre Patient:innen unbeholfen oder sogar transfeindlich. „Es ist einfach grundsätzlich unglaublich unangenehm Gynäkolog*innen aufzusuchen, denn nichts ist an mich adressiert. Alles, von der Website über die Anrede im Anamnesebogen zeigt mir: Das ist ein Frauenraum, du gehörst hier nicht hin“, berichtet Sam. 
 

„Bei Gynäkolog:innen ist nichts an mich adressiert. Alles, von der Website über die Anrede im Anamnesebogen zeigt mir: Das ist ein Frauenraum, du gehörst hier nicht hin.“

Sam (23)

Maxi erzählt, dass der Arztbesuch die Dysphorie enorm verstärken kann: „Es ist doch noch mal schwieriger, sich vor einer Frauenärztin auf einen Stuhl zu setzen und als Frau betrachtet zu werden.“ Wenn man dann mit Beschwerden rund um die Menstruation bei Gynäkolog:innen auftaucht, ist häufig die Pille die einzige Behandlungsoption – und die ist nicht für alle eine gute Lösung, erklärt Maxi: „Ich hab‘ jetzt nicht so das Bedürfnis, meinem Körper noch extra Östrogen hinzuzufügen.“ 

Sam arbeitet selbst im Gesundheitswesen und ist enttäuscht, wie wenig Wissen dort vorhanden ist. „Ich habe viele, zum Teil sehr unangenehme Gespräche mit Kolleg:innen im Krankenhaus geführt, wo ich im Prinzip erstmal grundlegend aufklären musste, was Transsein bedeutet – und in dem Zuge eben auch, dass Menstruation, Schwangerschaft und Co. kein rein weibliches Thema sind.“

„Proaktives Informieren und Beschäftigen mit dem Thema sind eine gute Basis um im Patient:innenkontakt gut reagieren zu können ohne auf Kosten der trans und nicht-binären Menschen zu lernen.“

Alexander Hahne
Alexander Hahne

Alexander Hahne sieht viele Möglichkeiten, wie Ärzt:innen ihre Praxis auf alle Menschen ausrichten können: „Proaktives Informieren und Beschäftigen mit dem Thema durch Teilnahme an Fort- und Weiterbildungsangeboten sind eine gute Basis um im Patient*innenkontakt gut reagieren zu können ohne auf Kosten der trans und nicht-binären Menschen zu lernen.“ Denn die Ignoranz und fehlende Sensibilisierung fällt häufig den trans Personen zur Last, die selbst als Aufklärer:innen fungieren und sich unangemessene Fragen und Kommentare anhören müssen.

All diese Umstände führen dazu, dass trans Menschen der Zugang zum Gesundheitssystem extrem erschwert wird. Das hat schwerwiegende Konsequenzen, wenn Krankheiten nicht erkannt und behandelt werden oder wichtige gynäkologische Krebsvorsorgen nicht stattfinden.  

Aufklärung: Mit trans Personen reden, nicht über sie

Es muss also noch viel passieren, damit wirklich alle Menschen den sicheren und unbeschwerten Zugang zu Menstruationshygiene und -gesundheit haben, der ihnen zusteht. Eine große Baustelle ist das fehlende Wissen über die Bedürfnisse von trans Menstruierenden: im Gesundheitswesen, an Schulen, in der medialen Berichterstattung und bei den Menschen, die die Räume gestalten, die Menschen während ihrer Periode navigieren müssen.

„Diese Aufklärung kann am besten in Schulen passieren, aber auch durch Änderung von Werbung, neutrale Gestaltung von Hygiene Artikeln und sensibilisierte gynäkologische Einrichtungen, die deutlich auch nicht-weibliche Menstruierende willkommen heißen, kann viel erreicht werden“, sagt Kim. Samgibt zu bedenken, dass diese Aufklärung von trans Menschen mitgestaltet werden muss, „so dass nicht immer cis Menschen entscheiden, was über trans Menschen gelernt werden soll. Es gibt deutschlandweit und darüber hinaus viele Gruppen und Organisationen von trans Menschen, die sich schon lange mit Aufklärungsarbeit engagieren. Einige davon bieten Schulungen für Lehrer:innen, Therapeut:innen und Co. an. Grundsätzlich gilt: mit trans Personen reden, nicht nur über sie.“ 

Diese Aufklärung wird dadurch erschwert, dass das Thema Menstruation an sich schon tabuisiert ist. Deshalb fordert Sam: „Grundsätzlich muss sich gesellschaftlich ändern, dass über Menstruation reden normalisiert wird. Dass es kostengünstige (oder kostenfreie) Menstruationsprodukte gibt, die sichtbar positioniert sind und nicht versteckt werden. Auch auf allen öffentlichen Toiletten – unabhängig vom Geschlecht, das an der Tür steht. Und: Es muss aufgehört werden, Menstruation zu gendern – und zwar flächendeckend.“

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von Alexander Hahne Mitgliedern des Plan-Jugendbeirats erstellt.

* Name wurde zum Schutz der Identität geändert.

Menstruation im Fokus

Deutschland ist noch weit davon entfernt, eine vorurteilsfreie, aufgeklärte und periodenfreundliche Gesellschaft zu sein. Das zeigen die Ergebnisse eine repräsentative Umfrage von Plan International. Alle Ergebnisse und Forderungen, die wir in Zusammenarbeit mit WASH United abgeleitet haben, sowie Informationen über unsere Arbeit als Kinderrechtsorganisation mit Fokus auf Mädchen und junge Frauen in Bezug auf sichere Menstruation in unseren Programmländern in Afrika, Asien und Lateinamerika gibt es hier:

zum Bericht

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