„Ihr seid nicht vergessen“
Hinweis: Dieser Artikel enthält Berichte über sexualisierte Gewalt im Kontext bewaffneter Konflikte. Außerdem wird Harriet aus Sicherheits‑ und Schutzgründen in diesem Artikel nicht auf Fotos gezeigt.
Als Harriet durch die staubigen Straßen von Tawila geht, begegnen ihr fast nur Frauen und Kinder. Viele sind zu Fuß unterwegs, andere sitzen erschöpft auf Eselskarren. Immer wieder stellt sie sich dieselbe Frage: Wer wird sie beschützen? Doch Harriet ist nicht als Beobachterin in Tawila. Die Humanitarian Response Managerin von Plan International für Sudan ist im Dezember 2025 nach Nord-Darfur gereist, um Teams zu unterstützen, die unter extremen Bedingungen für den Schutz von Mädchen und Frauen arbeiten.
Was sie sieht, trifft sie tief. „Ich sah ein etwa zwölfjähriges Kind reglos auf einem Esel liegen. Ich wusste nicht, ob es schlief, krank war oder einfach vor Erschöpfung nicht mehr konnte“, berichtet sie.
Was für viele Menschen weit entfernte Schlagzeilen sind, ist für Harriet und die Menschen in Sudan Realität. Seit drei Jahren herrscht dort Krieg. Besonders Mädchen und Frauen sind der Gewalt schutzlos ausgeliefert. Vergewaltigungen werden gezielt als Kriegswaffe eingesetzt, auf der Flucht wie auch in den umkämpften Gebieten.
Kaum Schutz, Wasser und Nahrung
In Tawila trifft Harriet auf riesige Camps für Binnenvertriebene. Dort zeigt sich das ganze Ausmaß der Krise. Es gibt kaum Schutz vor Kälte in der Nacht oder Hitze am Tag, zu wenig Wasser, kaum Nahrung. „Wir sehen extrem viele unbegleitete und von ihren Familien getrennte Kinder“, berichtet sie. Einige sind verletzt, andere noch sehr klein. „Die Realität ist: Alle sind verletzlich – und es gibt schlicht nicht genug Unterstützung.“
Besonders eindrücklich ist für Harriet eine Begegnung mit einem Mädchen, das ihr erzählt, dass die Kleidung, die es trägt, geliehen ist – und jederzeit zurückverlangt werden kann. Dann stellt das Mädchen eine Frage, die Harriet nicht mehr loslässt: „Wenn wir nicht einmal Kleidung haben – wie sollen wir dann mit unserer Periode umgehen?“
Für Harriet steht diese Frage stellvertretend für das, was Mädchen und Frauen in diesem Krieg verlieren: Sicherheit, Würde und Kontrolle über den eigenen Körper. „Wenn selbst grundlegende Dinge zur Belastung werden, zeigt das, wie tief diese Krise reicht“, sagt sie.
Die Macht, gesehen zu werden
Die Reise nach Tawila ist beschwerlich, die Sicherheitslage angespannt. Trotzdem stand für Harriet fest, dass sie kommen musste. „Unsere Teams vor Ort waren tief traumatisiert. Einige hatten Familienangehörige verloren, andere waren selbst direkt betroffen. Unsere Präsenz ist nicht optional – sie ist notwendig.“
Es gibt Momente, in denen Harriet nichts geben kann: kein Essen, kein Wasser. Und doch erlebt sie, wie wichtig und mächtig Nähe und Zuhören sind. „Wir trafen eine Gruppe von Frauen. Ich sagte ihnen: Ich weiß, ihr habt alles verloren, aber ihr habt noch euer Leben. Darin liegt ihre Hoffnung“, erklärt Harriet. Die Frauen klatschten. Nicht, weil sich ihre Situation verbessert hatte, sondern weil sie hören mussten, dass jemand an sie und ihre Zukunft glaubt.
In einem Konflikt, in dem Gewalt systematisch gegen Frauen eingesetzt wird, ist jede Frau, die bleibt, zuhört und handelt, ein Zeichen von Solidarität und Widerstand.
Das stille Leiden der Frauen
Viele Frauen sprechen nicht über das, was sie erlebt haben. Aus Angst, aus Scham, aus Sorge vor Ausgrenzung. Sexualisierte Gewalt ist in diesem Konflikt allgegenwärtig – und bleibt doch oft unsichtbar.
Plan International betreibt in Sudan und in angrenzenden Ländern sogenannte Safe Spaces. Dort erhalten Betroffene notfallmedizinische Hilfe, psychosoziale Betreuung und einen geschützten Raum. Doch angesichts der massiven Unterfinanzierung erreichen diese Angebote nur einen Bruchteil der Frauen und Mädchen, die dringend Hilfe benötigen.
Hinschauen – und handeln
Um das stille Leiden von Mädchen und Frauen sichtbar zu machen, hat Plan International Deutschland die Petition „#SilentSuffering stoppen“ gestartet. Sie fordert die Bundesregierung auf, mehr humanitäre Hilfe zu leisten und den Schutz von Mädchen und Frauen in Sudan zu stärken.
„Zu wissen, dass Menschen außerhalb Sudans hinschauen und handeln, macht einen Unterschied“, sagt Harriet. „Für die Frauen hier bedeutet jede Unterstützung: Ihr seid nicht vergessen.“