Im Schatten der unbekannten Hochkultur

von Marc Tornow

Die Khmer herrschten einst über ein Gebiet zwischen dem heutigen Thailand im Westen und dem Süden des jetzigen Vietnams im Osten. Von ihrer Hauptstadt Angkor Thom aus dirigierten sie Bauern und ein mächtiges Heer. Rund 750 Jahre später kennen die unmittelbaren Nachbarn dieses Welt-Kulturerbes kaum mehr seine Bedeutung.

Angkor Wat ziert heute die Nationalflagge von Kambodscha. Was es mit dem Sakralbau auf sich hat, wissen viele Landsleute trotzdem nicht. © Foto: Plan/Marc Tornow

Angkor Wat ziert heute die Nationalflagge von Kambodscha. Was es mit dem Sakralbau auf sich hat, wissen viele Landsleute trotzdem nicht. © Foto: Plan/Marc Tornow

Muon und Ming lachen verlegen, als die Sprache auf die Tempel von Angkor kommt. Jenes 200 Quadratkilometer große Gebiet gespickt mit etwa 1.000 größeren und kleineren baulichen Heiligtümern. Sie stammen aus einer Zeit, in der die Könige Jayavarman und Suryavarman hießen und der Hinduismus die vorherrschende Religion bildete. Im Zentrum dieses sogar vom Weltall aus sichtbaren Areals: Die versunkene Khmer-Kapitale Angkor Thom, in der schon damals Hunderttausende lebten.
Kaum sechs Kilometer sind es vom beschaulichen Holzhaus der beiden Schwestern aus bis dorthin. Der Brennpunkt des Welt-Kulturerbes wird täglich von rund 10.000 Touristen besucht. Ming zuckt mit den Schultern und lacht wieder. Nein, was es mit all den Bauwerken auf sich hat, darauf könne sie sich keinen Reim machen.

Muon (42, links) und Ming (44) können nichts über die benachbarten Tempel sagen. © Foto: Plan/Marc Tornow

Muon (42, links) und Ming (44) können nichts über die benachbarten Tempel sagen. © Foto: Plan/Marc Tornow

Brüskiert sind weder die Schwestern noch ihre Nachbarn, die man über das Angkor-Reich befragt – und ebenfalls keine Auskunft geben können. Knapp vier Jahre nur regierten die Roten Khmer in den 1970er-Jahren über das Königreich am Mekong – und rissen dabei Millionen Landsleute in den gewaltsamen Tod. Mönche, Lehrer, Künstler, selbst schon Brillenträger standen leicht im Verdacht, intellektuell zu sein – und wurden wie die Mitglieder der Königsfamilie auf die berüchtigten „Killing Fields“ geschickt. Mit ihrem gewaltsamen Tod gingen Kultur und Fachwissen verloren.

Viel Wissen um die Bedeutung von Angkor ist versunken – wie die Tempel selbst. © Foto: Plan/Marc Tornow

Viel Wissen um die Bedeutung von Angkor ist versunken – wie die Tempel selbst. © Foto: Plan/Marc Tornow

Die für Außenstehende frappierenden Wissenslücken vieler Menschen bekommen im historischen Kontext eine ganz andere Bedeutung. Sie erscheinen wie ein Echo aus der Finsternis.
Doch allmählich wächst in der gezeichneten Nation wieder ein Bewusstsein für die eigene Geschichte und seine mächtige Vergangenheit. Anstatt zwischen Bürgerkrieg und Mangelernährung ums nackte Überleben zu kämpfen, bleibt der Bevölkerung zunehmend wieder Zeit, die Kinder zur Schule zu schicken. Und dort ist zunehmend die eigene Geschichte wieder ein Thema.

Seit die Waffen schweigen, schicken viele Eltern ihre Kinder wieder in die Schulen. © Foto: Plan/Marc Tornow

Seit die Waffen schweigen, schicken viele Eltern ihre Kinder wieder in die Schulen. © Foto: Plan/Marc Tornow

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