Kinder
©Annika Büssemeier
14.04.2020 - von Claudia Ulferts

Mangelernährung verhindern: Gemüseanbau in luftiger Höhe

Im peruanischen Andendorf Toqra bauen die Menschen seit kurzem auf 3.700 Metern Höhe Berge von Gemüse an, um Mangelernährung und Blutarmut zu bekämpfen. Toqra hat sich zu einer Art Modelldorf entwickelt, in dem Bewohner ihre Visionen aufmalen und noch viel mehr erreichen möchten.


Mit dem Jeep fahren wir zwei Stunden von Cusco in nordöstlicher Richtung. Vom Reichtum der Weltkulturerbe-Stadt ist hier in den Hochanden auf fast 3.700 Metern nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil, Toqra ist eines der ärmsten Dörfer in dieser Region. Die Menschen sind Nachkommen der alten Inka-Hochkultur, sie sprechen Quechua. Spanisch wird, wenn überhaupt, erst später gelernt.

Vor einem mannshohen, mit Blumen geschmückten grünen Bogen, der von Dorfbewohnern gehalten wird, stehen kleine Kinder in bunter Tracht und schwenken Fähnchen zu unserer Begrüßung. Zwei Männer in Webponchos und Mützen mit Ohrklappen blasen in große Muschelhörner - tiefe, direkt in den Bauch dringende Töne. Als wir durch den Bogen hindurchgehen, haben die Anwohner ein Spalier gebildet. Wir senken die Köpfe und werden händeweise mit Blüten und Konfetti bestreut. Die Mädchen und Frauen tragen schwarze breitkrempige Hüte mit gelben Fransen, die gleichermaßen gegen starke Höhensonne wie Regen schützen.

Im Gemeindesaal wird uns ein Festmahl serviert: gebratene Meerschweinchen, Hühnchenschenkel, „Choclo Gigante“ - Riesenmais - und „Chuños“ - im Frost getrocknete Kartoffeln. Die Vielfalt der peruanischen Kartoffeln ist sagenhaft, einige der vielen Tausend Sorten können noch auf bis zu 5.000 Meter Höhe wachsen. Doch der Stolz auf den Gesichtern der Frauen rührt nicht von den legendären Kartoffeln, er gilt den Tellern mit gekochtem Gemüse, die sie uns vorsetzen: Möhren, große Bohnen, Spinat, Brokkoli und Salat.  In dieser Höhe leidet über die Hälfte der Menschen an Blutarmut. Kinder sind noch häufiger davon betroffen. Das Gemüse, das sie seit einiger Zeit in dieser Vielfalt anbauen, wird daran viel verändern.


Über das Projekt „Allin Mikuna“, das auf Quechua in etwa „gute Ernährung“ bedeutet, hat Plan den Menschen resistentes Saatgut für Gemüse gegeben und Schulungen zu ökologischer Landwirtschaft sowie ausgewogener Ernährung durchgeführt. Und es läuft gut: Armeweise breiten die Frauen frisch geerntetes Gemüse im Gemeindesaal vor uns aus: Mangold, Kohlsorten, Möhren, Frühlingszwiebel und viele Kräuter. Valeria Elo, 38 Jahre, ist dankbar, dass es in diesem Jahr so viel regnet: „Alles wächst und gedeiht. Wir haben nicht nur genug für unsere Familien, wir können jetzt sogar jede Woche Gemüse auf dem Markt verkaufen und dadurch Geld verdienen.“

Wir folgen Valeria und ihrem Mann Daniel in den unteren Teil des Dorfes, wo sie ein winziges Haus aus Adobe besitzen. Stolz wiegt Daniel das erst drei Monate alte Baby in seinem Arm, ihr zweites Kind. Die fünfjährige Areli hält sich aufgeregt trippelnd an der Hand ihrer Mutter fest. Das Haus ist penibel aufgeräumt. Blitzblanke Töpfe im Schrank, Pfannenheber und Schöpfkellen hängen neben dem Lehmofen. Ein zweiflammiger Gasherd, daneben verschieden große Messer an der Wand, akkurat nach Größe in Halterungen sortiert.

„Früher haben wir uns wenig daraus gemacht, wie es bei uns aussah“, erklärt Valeria. „Die Arbeit auf dem Feld war hart genug, wir müssen fast zwei Stunden täglich zu unserem Kartoffelacker auf der anderen Seite der Schlucht laufen, doch jetzt merken wir, dass ein aufgeräumtes Haus unser Leben leichter macht und uns gesund bleiben lässt.“ Sie deutet auf zwei Abfalleimer, einer ist mit organischen Resten für die drei Schweine gefüllt, in dem anderen sammeln sie Restmüll. Neben dem Küchentisch steht ein 10 Liter Bottich mit Zapfhahn für gefiltertes Trinkwasser. Die Küchenutensilien sowie das Hygieneset für Trinkwasser hat die Familie von Plan bekommen.

An der Wand hängt ein Plakat mit einer Ernährungstabelle, daneben ein Plakat mit handgeschriebenen Gerichten, die Valeria und Daniel nun im Wechsel kochen: „Meerschweinchen im Ofen“, „gebackene Brotscheiben mit Gemüse“, „Forelle mit Kartoffeln“, „Quinoa mit Salat“. Daniel zeigt auf zwei selbst gemalte Bilder an der Wand: „So sieht unser Haus jetzt aus“, erklärt er und tippt auf die erste Zeichnung, die ein kleines Haus zeigt. „Und das ist unsere Vision für die Zukunft!“ Er erklärt uns das zweite gemalte Bild. Das Paar spart für ein Gewächshaus, um das Gemüse im Winter vor der Kälte zu schützen, einen Stall für die Schweine und Meerscheinchen und irgendwann wollen sie ein Haus aus Stein gemauert haben. „Wir werden hart arbeiten, um unseren Traum zu erreichen“, sagt er.

Zum Schluss führen Valeria und Daniel uns in ihren Gemüsegarten: Zwiebeln, Möhren, Kohl, Salat und Kräuter wachsen dort. Drei Bienenstöcke im Garten geben Honig: „Den behalten wir für unsere Kinder, damit sie genug Kalzium bekommen“, sagt Daniel. Als wir uns wieder auf den Weg nach Cusco machen, wünsche ich mir nur eines: In fünf Jahren wieder bei Valeria und Daniel zu sein, um zu sehen, wie sich ihr Leben bis dahin verändert haben wird. 

 


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