Paulina ist Schulleiterin an einer Schule in Chimborazo und setzt sich dort mit der Hilfe von Plan International für die sexuelle Aufklärung der Kinder ein. © Plan International / Fabricio Morales
Paulina ist Schulleiterin an einer Schule in Chimborazo und setzt sich dort mit der Hilfe von Plan International für die sexuelle Aufklärung der Kinder ein. © Plan International / Fabricio Morales
26.02.2019 - von Lara Betz

Eine Lehrerin kämpft für sexuelle Aufklärung in Ecuador

In Chimborazo, einer ländlichen Provinz in den ecuadorianischen Anden, wurden bis vor kurzem noch viele Mädchen im jugendlichen Alter schwanger. Ein Grund dafür ist, dass das Thema stark tabuisiert ist und deshalb großes Unwissen herrscht. Um das zu ändern, führten Lehrerinnen und Lehrer nun Aufklärungsunterricht an ihren Schulen ein.


Als die Lehrerinnen und Lehrer in einer Schule in Chimborazo begannen, ihren Schülerinnen und Schülern im Unterricht zu zeigen, wie man ein Kondom benutzt, erregte das großes Aufsehen. „Die Mädchen waren so schockiert. Sie wurden knallrot,” erinnert sich Paulina, die Schulleiterin.

Das Verhalten der Jugendlichen war typisch für Teenager, aber insbesondere für Teenager in Chimborazo, denn dort ist Sex ein Tabuthema, über das zu Hause kaum besprochen wird. Bis 2017 bestand das Aufklärungsprogramm von Schulen in Ecuador darin, für Enthaltsamkeit zu werben. Das führte dazu, dass die Jugendlichen sich unvollständige oder falsche Informationen von Gleichaltrigen oder der Pornographie einholten.

Kinder mit Informationen ausstatten

Mit der Unterstützung von Plan International führen nun aber immer mehr Schulen einen verständlichen Aufklärungsunterricht ein, bei dem die Schülerinnen und Schüler alle Informationen erhalten, die sie benötigen, um bewusste Entscheidungen über ihre Gesundheit und Sexualität zu treffen. Die Hoffnung ist, dass dadurch auch die Anzahl an Schwangerschaften bei Mädchen unter 15 Jahren in Ecuador* zurückgeht.

Paulina ist eine der 200 Lehrerinnen und Lehrer in Ecuador, die von Plan International für den Aufklärungsunterricht fortgebildet wurden. Der Dringlichkeit der Aufklärung für die Kinder ist sie sich aus Erfahrung bewusst: „Ich hatte zwei Schülerinnen, die im Alter von 15 Jahren geheiratet haben“, sagt sie. „Ein anderes Pärchen heiratete mit 16 Jahren. Ein oder zwei Jahre später bekamen sie Kinder.“

Die Schülerinnen und Schüler besuchen nun wöchentlich einen Workshop, bei dem sie dazu ermutigt werden, sich mithilfe von Tanz und Mimik mit Fragen rund um Sexualität auseinanderzusetzen und ihre Wertvorstellungen zu diskutieren. Mit der Zeit verlieren sie ihre Schüchternheit, über Sex zu sprechen. Manche der Schülerinnen und Schüler nehmen so enthusiastisch teil, dass sie sich als Kondome oder Antibabypillen verkleiden und Geschichten für Gleichaltrige vorführen.

Darüber hinaus wird in den Schulen immer mehr über sexuelle Gewalt gesprochen. Auch das ist wichtig, denn viele der frühen Schwangerschaften sind die Folge von sexueller Gewalt. Im Durchschnitt bekommen jährlich mehr als 2.000 Mädchen unter 14 Jahren in Ecuador ein Kind, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind - häufig durch ein Familienmitglied.

„Um sie zu stärken, haben wir ein Programm für Kinder jeden Alters unter dem Namen ‚Don’t touch me‘ [dt. etwa: ‚Fass mich nicht an‘] eingeführt“, sagt Paulina. „Bei kleinen Kindern nutzen wir Theater und Literatur, um sie mit ihren Körperteilen bekannt und ihnen deutlich zu machen, dass niemand sie anfassen darf - keine Familienmitglieder, keine Lehrer und keine Fremden.“

„Die Lehrerschaft beobachtet außerdem das Wohlergehen der Schülerinnen und Schüler“, fügt sie hinzu. „Es fällt ihnen auf, wenn Kinder nicht zum Unterricht kommen oder wenn sie zu Hause eine schwere Zeit durchmachen.“

Eltern einbeziehen

Auch die Eltern werden von Lehrerinnen und Lehrern wie Paulina in den Aufklärungsprozess ihrer Kinder einbezogen und dazu ermutigt, die sexuelle Aufklärung ihrer Kinder zu unterstützen. Zuvor wollten viele Eltern, dass junge Pärchen sofort heirateten. Viele Jugendliche hielten ihre Beziehungen deswegen geheim.

„Es ist wichtig, diese Gespräche mit den Eltern zu führen, damit sie uns in dem, was wir lehren, unterstützen. Sie sollen dabei helfen, ihre Kinder zu beraten, damit sie nicht in so jungem Alter Kinder bekommen“, erklärt Paulina.

„Zuerst wurden einige der Mütter rot, als wir über das Thema sprachen. Sie sagten, dass Sex etwas wäre, über das sie nicht sprechen würden, sondern es einfach tun würden. Jetzt gehen sie allerdings offener mit dem Thema um. Sie sprechen mit ihren Kindern fordern sie sie dazu auf, Verhütungsmittel zu verwenden und vorher auch mit uns darüber zu sprechen, wenn sie heiraten wollen. So haben wir die Chance, mit den Jugendlichen zu überlegen, ob dies wirklich die richtige Entscheidung für sie ist.“

Die Zahlen sinken

Die Strategie hat sich bereits bewährt. In dem Gebiet, in dem sich die Schule befindet, gab es im letzten Jahr nur sechs Frühschwangerschaften - verglichen mit einem Durchschnitt von rund vierzig in den Jahren davor.

„Wir erzählen den jungen Leuten: ‚Wenn du Sex hast, schütze dich, sodass du nicht ungewollt schwanger wirst‘ Und die meisten von ihnen hören auf uns“, sagt Paulina. „Es ist wichtig, dass sie erkennen, dass sie sich nicht für ihre Körper und Sexualität schämen müssen und auch das Recht haben, Nein zu sagen.”

*Zwischen 1990 und 2009 stieg die Anzahl der Schwangerschaften bei Mädchen unter 15 Jahren in Ecuador um 78 Prozent (Quelle: UN Women).


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