Mädchen können alles erreichen

Foto: Andrea Aragón

Als Kind einer indigenen Volksgruppe erlebte Mayra viel Intoleranz und Diskriminierung in ihrer Heimat Guatemala. Als Aktivistin für Menschenrechte beweist die heute 22-Jährige, was eine gezielte Förderung von Führungskompetenzen bewirken kann. Antje Schröder, Pressereferentin bei Plan International Deutschland, hat die junge Frau in dem zentralamerikanischen Land besucht und ihre erstaunliche Geschichte aufgeschrieben.

Altehrwürdig ist der Bau. Graue, solide Mauern, die auf den Ruinen eines früheren Kolonialzeit-Gebäudes stehen und welche die Macht der hier beratenden Gremien nach außen repräsentieren sollen. Der Kongress in Guatemala-Stadt, mitten im historischen Zentrum gelegen, hat schon viele Erdbeben und einen brutalen Bürgerkrieg überstanden. 158 Sitze hat der Plenarsaal des wichtigen politischen Forums, 158 gewählte Abgeordnete tagen hier.

Ihr Gemurmel verstummt, als Mayra an das Rednerpult tritt. Mayra, ein 15-jähriges Mädchen der indigenen Volksgruppe Q’eqchi des Landes, ist in die guatemaltekische Hauptstadt gekommen, um über ihre Situation und die der Mädchen in ihrer Heimat zu sprechen.

Die Abgeordneten und Gäste auf der Besuchertribüne schauen gespannt auf das Mädchen aus der Provinz. In einem handbestickten Huipil, der traditionellen Maya-Tracht, steht sie vor den Parlamentariern – und berichtet selbstbewusst von den alltäglichen Diskriminierungen. Mayra wählt ihre Worte im Spanischen mit Bedacht. Sie ist gut vorbereitet auf den ersten Internationalen Mädchentag, den Plan International organisiert hat, und scheint die Ruhe selbst zu sein. Besonders entschlossen klingt ihre Stimme, als sie die Politikerinnen und Politiker ihrer Heimat dazu auffordert, endlich mehr in Bildung zu investieren. In die Bildung von Mädchen, ausgegrenzten Mädchen, vor allem aus den indigenen Volksgruppen des zentralamerikanischen Landes. An diesen Auftritt zum Start von Because I am a Girl – der globalen Bewegung von Plan International für Gleichberechtigung – im Oktober 2012 erinnert sich die heute 22-Jährige noch immer ganz genau. Reden zu halten ist ihre große Leidenschaft geworden. Schon seit ihrem zwölften Lebensjahr nimmt sie an den Aktivitäten von Plan International teil, welche die Rechte der Kinder und insbesondere der Mädchen stärken. Ziemlich schnell wird ihr dabei bewusst, dass dies ihre Entwicklung fördert – und auch ein Türöffner ist. „Ich konnte Ideen vorschlagen und mich austauschen, andere Menschen treffen, viel Neues lernen und mein Leben verändern. Mir wurde klar, dass es da draußen eine andere Welt gibt.“

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Foto: Plan International

Früh erwachsen

Mayra lebt in Alta Verapaz, fünf Autostunden nördlich der Hauptstadt. Es ist eine malerische Region mit grünen Nebelwäldern und durchzogen von türkis-farbenen Flüssen. Eine Gegend, in der viele Kaffee-Fincas stehen. Traditionelle Plantagen, auf denen zum Beispiel der weltberühmte guatemaltekische Arabica-Kaffee angebaut angebaut wird. Doch rücksichtslose Abholzung zerstörte vielerorts die Lebensgrundlagen.

Anstelle des typischen Nieselregens gibt es immer längere Trockenphasen, die nur selten von sintflut-artigen Niederschlägen unterbrochen werden. Das kleine Holzhaus, in dem Mayra mit ihrer Mutter, einem jüngeren Bruder, einer älteren Schwester und deren Tochter wohnt, steht an einem steilen Hang. Es ist bedeckt mit Wellblech, um die Familie vor Sturm und Regen zu schützen. Einen Stromanschluss gibt es hier ebenso wenig wie fließendes Wasser. Jeden Morgen läuft Mayra hinunter zu einem nahen Fluss, schöpft und filtert dort Wasser. Neben dem Raubbau an der Natur hat das Schicksal weitere Herausforderungen in das Leben der jungen Frau gebracht. Geboren wird Mayra kurz nach dem Ende des Bürgerkriegs (1960 bis 1996), in dem vor allem die indigene Bevölkerung Ziel grausamer Verbrechen ist. Der Vater verlässt die Familie, da ist Mayra gerade fünf. Früh lernt sie, Verantwortung zu übernehmen und ihre alleinerziehende Mutter zu unterstützen. Mayra ist ihr eine große Hilfe, doch oft ist das Geld knapp.

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Andreas Wemheuer

Starke Zivilgesellschaft

Trotz aller Widrigkeiten beginnt Mayra, ihren Weg zu gehen. Er führt sie über die Teilnahme an den Plan-Projekten in die Selbstständigkeit. Mit zwölf wird sie erstmals zu einem Treffen eines Kinderclubs von Plan International eingeladen. Dort diskutieren die Kinder über die Herausforderungen in ihrem Alltag und welche Rechte sie haben. Schon ein halbes Jahr später wählen 2.000 Mädchen und Jungen Mayra in den regionalen Kinder- und Jugendrat zur Entwicklung des Bezirks. Für die Tätigkeit in diesem Gremium wird die dann 13-Jährige mit Gleichaltrigen geschult und erfährt, welche Rechte und nationalen Gesetze Kinder und Jugendliche schützen sollen. Sie lernt, Verstöße zu erkennen, Strategien und Aktionspläne zu erstellen und mit den erwachsenen Bezirksvertretern nach Lösungen zu suchen. Analog zu den Entwicklungsräten auf kommunaler Ebene, in denen Gemeindemitglieder, staatliche Institutionen und zivilgesellschaftliche Organisationen vertreten sind, ruft Plan International 2010 Kinder- und Jugend-Entwicklungsräte ins Leben. Sie beteiligen sich aktiv an den administrativen Entscheidungen in ihren Gemeinden. Die politische Arbeit im Team und die erworbenen Kompetenzen stärken insbesondere das Selbstwertgefühl der teilnehmenden Mädchen. Und wie der lebende Beweis dafür sitzt Mayra vor dem Haus ihrer Familie und lacht.

Mayra sitzt im Entwicklungsrat und erlebt, dass sie dort gesellschaftliche Prozesse beeinflussen kann. Die übrigen Kinder- und Jugendräte sind beeindruckt von ihrer Tatkraft und Ernsthaftigkeit. Dass Mädchen vor Erwachsenen, insbesondere Männern, ihre Meinung äußern, ist in Guatemala alles andere als üblich. Das kleine Land ist patriarchalisch geprägt, Gewalt gegen Frauen ist weit verbreitet. „Als indigene Mädchen werden wir auf der Straße oft von Männern belästigt und können uns nicht so frei bewegen wie Jungen“, sagt Mayra. „Wir leben nicht an einem Ort, an dem wir uns sicher fühlen.“

Sprecherin und Vorbild

Weil sie dies ändern möchte, engagiert sie sich ab 2012 als Sprecherin für Because I am a Girl. In einer achtmonatigen Schulung erwirbt sie Führungskompetenzen. Sie versteht es, andere zu motivieren – wie ihre Rede im nationalen Parlament zum ersten Welt-Mädchentag schließlich zeigt. Ihr Auftritt in Guatemala-Stadt bleibt nicht ohne Folgen. 2014 wird sie von der britischen Botschafterin zum Weltgipfel gegen sexuelle Gewalt in Konfliktgebieten nach London eingeladen. Es ist ihre erste Auslandsreise und sie ist besonders stolz auf ein Projekt, welches sie kurz zuvor selbst entwickelt hat und nun vorstellen darf. Es handelt sich um ein Training gegen geschlechtsspezifische Gewalt, welches sie mit Expertinnen und Experten staatlicher Institutionen sowie engagierten Jugendlichen binnen zwei Monaten umgesetzt hat. Es sorgt dafür, dass 1.500 Minderjährige und Gemeindeautoritäten in ihrem Bezirk über das Thema aufgeklärt werden. Entschlossen ist sie auch im Einsatz gegen Kinderehen. Es macht sie traurig, dass jedes dritte Mädchen in ihrer Heimat bereits mit 18 Jahren verheiratet ist und es so viele Teenager-Schwangerschaften gibt. „In meiner Gemeinde brechen viele Mädchen ihre Ausbildung nach der Grundschule ab. Ihre Eltern wollen, dass sie zu Hause bleiben. Und sie glauben, dass Mädchen einfach heiraten, Hausarbeiten erledigen und Kinder haben sollten“, sagt Mayra, die sich selbst mit der Gründung einer eigenen Familie Zeit lassen will.

Gründe, stolz zu sein

Gemeinsam mit Freundinnen ruft sie Angehörige, Nachbarn und Bekannte auf, sich für ein Verbot von Kinderehen einzusetzen, und bittet sie, eine Petition für eine Gesetzesänderung zu unterschreiben. Die jungen Frauen organisieren Diskussionsrunden und informieren über traurige Fakten und ihre Folgen. Denn wenn Kinder Kinder kriegen, ist dies für alle Beteiligten kein Gewinn. Es kann sogar lebensbedrohliche Folgen für die werdende Mutter und ihr Kind haben. Deshalb rufen die jungen Aktivistinnen auch in den sozialen Medien dazu auf, ihr Anliegen zu unterstützen.

Im Mai 2017 ist es so weit. Der Kongress von Guatemala, vor dem Mayra knapp fünf Jahre zuvor gesprochen hat, hebt das Mindestalter für Eheschließungen auf 18 Jahre an. „Als ich hörte, dass sie das neue Gesetz angenommen hatten, fühlte ich so viel Glück“, erklärt Mayra. Sie sammelte genau für diese Gesetzesvorlage Unterschriften, war monatelang in den Dörfern ihrer Heimatregion unterwegs. Sie war Teil eines Teams von Menschen, das genau diese Veränderungen herbeigeführt hat. „Ich war so stolz.“

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Andrea Aragón

Mayras Zukunftspläne

Aus dem einst stillen Maya-Mädchen ist eine engagierte Aktivistin für Mädchenrechte geworden. Mayra weiß, dass sie im Leben erreichen kann, was sie sich vorgenommen hat. Und das ist einiges. Mit Unterstützung von Plan International konnte sie die weiterführende Schule besuchen und ihr Abitur machen. Jetzt möchte sie studieren. Sie träumt von einer eigenen Anwaltskanzlei und möchte Leute unterstützen, die sich wie sie für die Menschenrechte einsetzen. Leute, die für den Schutz der Umwelt und den Erhalt der natürlichen Ressourcen arbeiten. Eifrig lernt sie für die Aufnahmeprüfungen der Universität und hofft, eine längerfristige Beschäftigung zu finden. Dadurch könnte sie die Lebenshaltungskosten und Studiengebühren bezahlen. Auch eine Fremdsprache wie Englisch oder Französisch will sie lernen. Seit dem Weltgipfel in London hat sie Freunde in aller Welt – andere Aktivistinnen und Aktivisten, aber auch Kunstschaffende, mit denen sie in Kontakt bleiben möchte. „Nichts ist einfach“, weiß die 22-Jährige. „Aber das Wichtigste ist, den Willen, die Absicht, die Initiative zu haben und an sich selbst zu glauben. Denn wenn man das nicht tut, wird es auch niemand anderes tun.“

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