Junge Engagierte gestalten den Sport von morgen
Für Jonas beginnt Führung beim eigenen Verhalten. „Als Trainer oder Verantwortliche im Vorstand sind wir Vorbilder“, sagt er. „Deshalb ist es wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen und sich der eigenen Führungsposition bewusst zu sein.“
Franziska ergänzt einen weiteren Wert: eine offene Fehlerkultur. „Als Führungsperson ist es wichtig, eigene Fehler einzugestehen und offen damit umzugehen“, sagt sie. „So entsteht auch für andere ein Raum, in dem sie Fehler machen, sich weiterentwickeln und voneinander lernen können.“
Beide betonen, wie wichtig Gemeinschaft im Sport ist. Ein Verein könne ein Ort sein, an dem unterschiedliche Menschen zusammenkommen und voneinander lernen.
Franziska und Jonas übernehmen schon heute Verantwortung im organisierten Sport. Franziska ist stellvertretende Vorsitzende der Sportjugend in ihrem Kreissportbund. Sie gehört außerdem dem Jugendvorstand von Special Olympics NRW an und ist als Trainerin aktiv im Eiskunstlauf, Handball und Ski Alpin. Jonas engagiert sich als Trainer, Jugendwart und Social Media Manager in seinem Verein. Bei der Deutschen Volleyballjugend ist er Junior-Teamsprecher. Beide nehmen am Leadership-Programm „Champions of Change“ von Plan International Deutschland und der Deutschen Sportjugend (dsj) teil.
Was ist „Champions of Change”?
Unter dem Motto „Gestalte den Sport von morgen – übernimm Verantwortung heute!“ unterstützt das Programm junge Menschen zwischen 18 und 22 Jahren, die sich bereits im organisierten Sport engagieren. In drei Workshop-Wochenenden, die organisatorisch von der Deutschen Sportjungend und inhaltlich von Plan International Deutschland umgesetzt werden, setzen sie sich mit Führung im Ehrenamt, Persönlichkeitsentwicklung, Vielfalt, Intersektionalität, Anti-Diskriminierung und Geschlechtergerechtigkeit auseinander.
Das erste Workshop-Wochenende in Frankfurt am Main drehte sich vor allem um Selbstreflexion. Die Teilnehmenden beschäftigten sich mit ihrer Rolle im organisierten Sport, ihren persönlichen Werten, Kinderrechten und verschiedenen Formen von Diskriminierung. Beim zweiten Wochenende um den 19. September 2026 in Hamburg standen werteorientierte Führung und Anti-Diskriminierung im Mittelpunkt.
Wie entstehen Vorurteile und Diskriminierung im Sport?
Eine Workshop-Übung zu Stereotypen löste besonders viel Austausch aus. Die Teilnehmenden beschäftigten sich mit den eigenen Vorurteilen und mit gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, wer welchen Sport ausübt oder welche Rolle übernehmen kann. Dabei ging es auch um Erwartungen an Mädchen und Jungen im Sport. Die Gruppe sprach darüber, wie solche Vorstellungen die Teilhabe und das Verhalten von Menschen beeinflussen. Viele Teilnehmende brachten Erfahrungen aus ihren eigenen Vereinen ein.
Franziska nahm aus der Diskussion mit, dass Diskriminierung nicht immer sofort zu erkennen ist. „Diskriminierung passiert manchmal sehr unterschwellig“, sagt sie. Manche Menschen bemerkten erst im Nachhinein, dass sie eine Situation als diskriminierend erlebt hätten. Für Führungskräfte sei es deshalb wichtig, aufmerksam zu sein und einen offenen Austausch zu ermöglichen. „Wir müssen einen Raum schaffen, in dem Menschen Dinge ansprechen können“, sagt Franziska. „Auch durch unsere Sprache können wir darauf achten, andere Menschen nicht zu diskriminieren.“
Für Franziska sind Begegnungen ein wichtiger Weg, um Vorurteile abzubauen: „Wenn unterschiedliche Gruppen zusammenkommen und von ihren Erfahrungen berichten, können wir verschiedene Perspektiven einnehmen und uns selbst reflektieren.“
Welche Barrieren erleben junge Menschen im Sport?
Jonas erlebt, dass jungen Menschen nicht immer genug zugetraut wird. Selbst wenn sie bereits Verantwortung übernommen und sich als zuverlässig erwiesen hätten, werde ihre Rolle mitunter infrage gestellt.
„Gerade unserer Generation wird teilweise wenig zugetraut“, sagt er. „Dabei geht es auch um Entscheidungen, die junge Menschen direkt betreffen. Dann sollte man ihnen Vertrauen schenken und sie einbinden.“
Programme wie „Champions of Change“ können jungen Engagierten mehr Raum und Sichtbarkeit geben. „Es ist wichtig, dass die Jugend eingebunden und gefördert wird“, sagt Franziska. „Junge Menschen kennen ihre Interessen und Themen. Sie können neue Impulse und Ideen einbringen. Und die Generationen können voneinander lernen.
Warum braucht der Sport junge Führungskräfte?
Jonas wurde mit 16 Jahren Trainer. „Ich wäre heute nicht da, wo ich bin, wenn ich nicht Trainer geworden wäre“, sagt er. „Schon früh mit Verantwortung und Problemen umzugehen, hat mir sehr geholfen.“ Sein eigenes Wissen als Volleyballspieler weiterzugeben, war für ihn der Einstieg ins Ehrenamt. Heute möchte er auch andere dazu ermutigen, sich einzubringen: „Vereine werden durch Ehrenamtliche am Leben gehalten. Deshalb sollten wir junge Menschen motivieren, selbst aktiv zu werden.“
Franziska schätzt an „Champions of Change“ vor allem die Verbindung von neuem Wissen, Selbstreflexion und Austausch. Im Programm lernt sie Gleichaltrige aus unterschiedlichen Sportarten und Organisationen kennen. „Es sind bereits Projektideen entstanden, die wir mitnehmen können“, sagt sie. Denkbar seien gemeinsame Veranstaltungen, Netzwerktreffen oder Kooperationen zwischen verschiedenen Sportjugenden.
Sie möchte außerdem genauer prüfen, wie Kinderrechte in den einzelnen Verbänden bereits umgesetzt werden und wo noch Verbesserungen möglich sind.
Frauen in Führungspositionen: Was muss sich im Sport ändern?
Am Abend des Hamburger Workshop-Tages diskutierten Tjorven Steinmeyer von FUSSBALL KANN MEHR, Carolin Giffhorn aus dem Vorstand der Deutschen Sportjugend und Michaela Röhrbein, Vorständin Sportentwicklung im Deutschen Olympischen Sportbund, über Frauen in Führungspositionen.
Die Panellistinnen sprachen über Vorurteile und Strukturen, die Frauen den Zugang zu verantwortlichen Positionen erschweren können. Frauen müssten nicht nur grundsätzlich willkommen sein. Sie müssten auch gesehen, gezielt angesprochen und für Funktionen vorgeschlagen werden.
„Es gibt Frauen im Sport, aber man muss sie auch fragen und sehen“, sagte Carolin Giffhorn. Für die Beteiligung junger Menschen formulierte sie einen ebenso klaren Grundsatz: „Mit ihnen reden, statt über sie.“
Auch vielfältig besetzte Gremien waren Thema. Wenn Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen an Entscheidungen beteiligt sind, können mehr Perspektiven einfließen. Tjorven Steinmeyer betonte: „Wir brauchen mehr Geschlechtergerechtigkeit im Fußball.“
Wie sieht der Sport von morgen aus?
Jonas wünscht sich mehr Transparenz im organisierten Sport. Entscheidungen sollten verständlich erklärt werden. Außerdem sollten Sportarten und Organisationen weniger gegeneinander arbeiten: „Wir sollten den Sport miteinander voranbringen. Unser gemeinsames Ziel ist ein faires Miteinander.“
Wie Sport Menschen verbinden kann, hat er in seinem Volleyballverein erlebt. Als Menschen aus der Ukraine nach Deutschland kamen, spielten einige von ihnen in seinem Verein. Anfangs war die Verständigung schwierig. Doch über den Sport, Gesten und gemeinsames Lachen entstand Kontakt. „Der Sport hat dabei wie eine eigene Sprache funktioniert“, sagt Jonas. „Das ist für mich Vielfalt und Zusammenhalt.“
Franziska sieht den Sport ebenfalls als Ort der Begegnung. „Sport ist viel mehr als Bewegung“, sagt sie. „Wir können Kindern und Jugendlichen Fairness und Verantwortung vermitteln.“ Wenn junge Menschen ein Ehrenamt übernehmen oder ihre Lizenz machen, lernen sie dabei auch für andere Bereiche ihres Lebens.
Die Teilnehmenden wollen ihre Themen im Oktober 2026 zur Vollversammlung der Deutschen Sportjugend in Nürnberg mitnehmen. Gemeinsam entwarfen sie dafür eigene T-Shirts. Damit möchten sie ihre Haltung zu Anti-Diskriminierung, jungem Engagement und der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sichtbar machen.
Jonas formuliert sein Ziel so: „Ich möchte Menschen ermutigen, nicht nur zu kritisieren, sondern Dinge selbst in die Hand zu nehmen und etwas zu verändern.“