Rund 100.000 philippinische Kinder werden jährlich in die Kinderprostitution gezwungen. Mit der Kampagne #NotForSale will Plan International die Ausbeutung von Kindern auf den Philippinen bekämpfen. © Plan International / Karen Alcober
10.01.2019 - von Pia Sophie Arndt

Kinderhandel: „Ich kämpfe, um andere zu schützen.“

Die 24-jährige Philippinerin Carmela wurde von ihrer Mutter misshandelt und verkauft. Heute setzt sie ein starkes Zeichen gegen Kinderhandel: Als Sozialarbeiterin und Aktivistin engagiert sie sich gemeinsam mit Plan International gegen Missbrauch und Ausbeutung von Frauen und Kindern.


Carmela berichtet von dem schicksalhaften Tag vor zehn Jahren, als sie und ihre Schwestern von den örtlichen Behörden gerettet wurden, nachdem ihre Mutter versuchte, ihre Töchter an einen pädophilen Ring in Manila zu verkaufen: „Draußen dämmerte es. Meine Schwestern und ich fuhren mit dem Bus zum Flughafen, unsere Mutter saß ein paar Plätze hinter uns. Während der Fahrt habe ich so stark dafür gebetet, dass wir unseren Flug nach Manila verpassen würden. Dann hielt der Bus plötzlich an. Polizeibeamte stiegen ein und suchten jemanden. Ein Polizist blieb vor mir stehen und fragte: „Bist du Carmela? Wo ist deine Mutter?"

Eine gewaltvolle Kindheit

Carmela und ihre beiden jüngeren Schwestern hatten keine leichte Kindheit. Ihre Mutter zog sie alleine auf, sodass es niemanden in ihrer direkten Umgebung gab, der sie vor ihrem gewalttätigen Verhalten hätte schützen können. „So lange ich mich erinnern kann, wurde ich körperlich und psychisch missbraucht. Vor anderen spielte sie immer die liebevolle Mutter", sagt Carmela. Sie wurde gewürgt, geschlagen, über den Boden gezerrt und die Treppe hinuntergestoßen. „Mich zu verletzen wurde schließlich zu ihrem Hobby."

Rund 100.000 philippinische Kinder werden jährlich in die Kinderprostitution gezwungen. Mit der Kampagne #NotForSale will Plan International die Ausbeutung von Kindern auf den Philippinen bekämpfen. © Plan International / Karen AlcoberDie eigenen Kinder verkauft

Ablenkung fand Carmela beim Lernen. So wurde sie bereits in der Grundschule zur Klassenbesten. Während ihrer High School Zeit, wurde Carmela immer misstrauischer gegenüber ihrer Mutter, die plötzlich viel Geld zu haben schien für jemanden, der keinen festen Job hatte. Ihre Mutter behauptete jedoch, dass Carmelas Vater Geld für ihre Ausbildung schicken würde. Ihr Misstrauen wuchs, als ihre Nachbarn - meistens Mütter - häufiger zu Besuch kamen und mit ihrer Mutter geheime Unterhaltungen führten. „Die Mädchen aus meiner Nachbarschaft, davon einige meiner Freundinnen, bekamen auf einmal Jobangebote in Manila.“ Ihre Mutter wurde daraufhin von jemandem aus ihrem Dorf beschuldigt, Kinder gezwungen zu haben, als Prostituierte in der Stadt zu arbeiten. Das bestritt Carmelas Mutter jedoch vehement und Carmela glaubte ihr. Wochen später erzählte ihre Mutter Carmela, dass ihr Vater sie zusammen mit ihren Schwestern in Manila treffen wollte. Ein paar Tage vor ihrem planmäßigen Flug dorthin las ihre jüngere Schwester unabsichtlich den E-Mail-Austausch zwischen ihrer Mutter und einem ausländischen Mann und erfuhr: Carmela und ihre Schwestern sollten nicht ihren Vater in der Stadt treffen, sondern einen ausländischen Pädophilen. „Dieses Mal verkauft sie uns. Unsere Mutter verkauft ihre eigenen Kinder.“ Verängstigt wendete sich Carmela an ihre Schule, die sofort Plan International kontaktierte, die zu dieser Zeit ein Projekt zur Bekämpfung von Menschenhandel in der Region durchführten. Gemeinsam mit den örtlichen Behörden organisierte Plan die Rettung von Carmela und ihren Schwestern.Am 13. Dezember 2008, an dem Tag an dem sie nach Manila fliegen sollten, wurden Carmela und ihre Schwestern von der örtlichen Polizei gerettet.

Carmelas Leben danach

Nach der Verurteilung ihrer Mutter wegen Kinderhandel, wurde das Leben von Carmela und ihren Schwestern jedoch nicht einfacher. Da sie sich nicht selbst versorgen konnten und der Kontakt zu ihrem Vater nur vorgetäuscht war, kümmerte sich das Jugendamt um sie. Dabei wurde Carmela von ihren Geschwistern getrennt und brach daraufhin die Schule ab. Sie entschied sich dennoch ihren Abschluss auf anderem Wege nachzuholen. „Ich habe die Abschlussprüfung im ersten Anlauf bestanden und habe mich sofort an der Uni eingeschrieben.“ Carmela studierte soziale Arbeit und beendete ihr Studium erfolgreich im Alter von 19 Jahren. Es dauerte zwei weitere Jahre, bis sie schließlich das Sorgerecht für ihre jüngeren Schwestern erhielt. Carmela arbeitet jetzt als Sekretärin des Inter-Agency Council Against Trafficking, einem regionalen Regierungsbeirat, der dafür sorgt, dass Gesetze zur Bekämpfung von Menschenhandel im Land eingeführt und befolgt werden. Carmela hilft heute Frauen und Kindern dabei, für ihre Rechte einzutreten und sich gegen Missbrauch und Ausbeutung zu schützen. Sie unterstützt außerdem die Kampagne #NotForSale von Plan International, die gegen die kommerzielle Ausbeutung von Kindern kämpft. "Ich bin dem Kinderhandel glücklicherweise entkommen und jetzt will ich anderen helfen, die immer noch in dieser Hölle leben und denken, dass es keinen Ausweg gibt", sagt sie entschlossen.


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