Gerade unbeteiligte Dorfgemeinschaften wie die Awas sind Überfällen in dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land Mali zumeist schutzlos ausgeliefert © Plan International/Keira Dempsey.
Gerade unbeteiligte Dorfgemeinschaften wie die Awas sind Überfällen in dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land Mali zumeist schutzlos ausgeliefert © Plan International/Keira Dempsey.
30.06.2020 - von Verena Gresz

Heirate mich oder verschwinde!

Seit 2012 herrscht in Mali Bürgerkrieg, der die heute 16-jährige Awa und ihre Familie gleich mehrfach betroffen hat.

Der westafrikanische Binnenstaat Mali ist von einer anhaltenden Sicherheitskrise gezeichnet. Ein Militärputsch spaltete 2012 das Land und seine Bevölkerung in Nord und Süd und zwang die einst stabilen Institutionen zum Rückzug. Der Staatszerfall und die anhaltende Gewalt zwischen ethnischen Gemeinschaften, bewaffneten Rebellengruppen und einfachen Kriminellen trifft die zivile Bevölkerung am härtesten. Gerade Frauen und Mädchen sehen sich dabei zwischen Tradition und den unübersichtlichen Konflikten einer noch größeren Willkür und Formen von Gewalt gegenüber.

Für die heute 16-jährige Awa hat der Konflikt ihr Leben verändert.

Awa war erst dreizehn Jahre alt als sie das erste Mal gegen ihren Willen verheiratet wurde. Sie brach die Schule ab und zog zu ihrem Ehemann, der im Senegal lebte. Nur ein Jahr später wurde Awa jedoch von ihren neuen Schwiegereltern wieder verstoßen und zurück zu ihrer Familie geschickt. Der Vorwurf: Sie sei ungehorsam gewesen und habe sich nicht den Traditionen unterordnen können.

Wieder zurück zu Hause bemerkte Awa, dass sich ihr Dorf verändert hatte. Die Kinder, die immer am frühen Nachmittag unter den Bäumen gespielt hatten, waren verschwunden. Es gab keine laute Musik und Gesänge mehr. Auch die Felder lagen still. Die traditionellen Geschichtsstunden waren nun verboten und die Schulen hatten schließen müssen – im Dorf regierte die Angst.

Nach fast acht Jahren voller Gewalt hat der malische Staat so gut wie keine Mittel mehr, um die Sicherheit seiner Zivilbevölkerung zu gewährleisten. Neben dem aufständischen Militär und den im Norden des Landes aktiven Tuareg-Rebellen hat die unübersichtliche Situation nun auch Raum für jihadistische Kampftruppen gelassen. Alte Landverteilungskonflikte zwischen ethnischen Gruppen wie den Fulani und den Dogon drohen im Schatten der staatlichen Abwesenheit derweil weiter zu eskalieren. Gerade unbeteiligte Dorfgemeinschaften wie die Awas sind Kämpfen und Attacken zumeist schutzlos ausgeliefert – wie Awa am eigenen Leib erfahren musste.

„Als die bewaffneten Männer unser Dorf stürmten, verlangten sie von allen nicht verheirateten Frauen und Mädchen, dass sie einen ihrer Kämpfer zum Mann nähmen. Ich war vor kurzem vierzehn geworden und hatte mich doch gerade erst aus einer Zwangsehe befreien können. Das wollte ich auf keinen Fall ein zweites Mal durchmachen! Den ersten Heiratsantrag lehnte ich einfach ab. Daraufhin wurde der Kämpfer sehr wütend. Er bedrängte mich weiter und drohte mir: Heirate mich oder verschwinde”, erzählt Awa.

Obwohl das Dorf zu verlassen angesichts der Sicherheitslage ebenso lebensgefährlich war, wie einer Zwangsehe zuzustimmen, entschied sie sich dafür zu gehen. Mit der Hilfe ihrer Großmutter floh Awa über Nacht und machte sich auf den Weg in die Hauptstadt Bamako, wo ihr Vater lebte. Weil er nicht in der Lage war, Awa mitzuversorgen musste sie schließlich weiterziehen und fand Zuflucht in einem Flüchtlingslager für Binnenvertriebene, das nicht weit von der Stadt entfernt lag.

Auch Awas ältere Schwestern sind inzwischen dorthin geflohen. Ihr Vater besucht sie einmal im Monat und unterstützt seine Töchter wo er kann. Wie Awa musste auch ihre ältere Schwester Fanta früh heiraten. Erst nach jahrelanger Gewalt und Missbrauch durch ihren Ehemann gelang es ihr, kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes zu fliehen. Um für sich und ihren Sohn allein sorgen zu können, verkauft sie im Camp Lebensmittel auf den regelmäßig stattfindenden Märkten.

Awa ist sich nicht sicher, was die Zukunft bringt. Doch nachdem sie ihre engste Familie nun schon zweimal fast verloren hätte, will sie sichergehen, dass sie ab jetzt nichts mehr voneinander trennt. „Ich werde mein eigenes Geschäft eröffnen, um meine Schwestern und den Rest meiner Familie zu unterstützen“ sagt sie.

Bereits 200.000 Menschen sind vor der anhaltenden Gewalt und Unsicherheit in ihrem Land geflohen, mehr als die Hälfte der Vertriebenen sind Kinder. Sie sind es, die die volle Härte der anhaltenden Konflikte zu spüren bekommen. Plan International hat verschiedene Nothilfen initiiert, um malische Geflüchtete zu unterstützen. Um insbesondere die Situation der jungen Frauen, Mütter und ihren Kindern zu verbessern, verteilt Plan unter anderem Hygiene-Sets sowie Schulmaterialien und hat spezielle Räume geschaffen, wo Kinder sicher spielen und lernen können.

*Um die Sicherheit der beteiligten Personen zu schützen, wurden die Namen geändert.


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