Wir setzen uns dafür ein, dass Genitalverstümmelung (FGM) weltweit beendet wird! © Armstrong Too
Wir setzen uns dafür ein, dass Genitalverstümmelung (FGM) weltweit beendet wird! © Armstrong Too
03.02.2021 - von Barbara Wessel

Edell, FGM-Expertin bei Plan: „Es erfordert viel Mut, mit der eigenen Tradition zu brechen“

Weibliche Genitalverstümmelung ist eine Praktik, mit der wir auch in Deutschland konfrontiert sind. Seit bald einem Jahr ist Edell Otieno-Okoth bei Plan International Deutschland Referentin für das Thema weibliche Genitalverstümmelung. Die Mutter zweier Kinder ist in Kenia aufgewachsen, hat in Deutschland Jura studiert und lebt mit ihrer Familie in Niedersachsen.


Edell, wann bist Du das erste Mal mit weiblicher Genitalverstümmelung in Berührung gekommen?

Im Alter von etwa neun Jahren. Meine beste Freundin in Kenia war damals ein Mädchen aus unserer Nachbarschaft. Ich bin in ihrem Haus ein- und ausgegangen. Ihre Familie gehörte einer anderen Volksgruppe an, die auch weibliche Genitalverstümmelung praktiziert. Nach Ankündigung, dass sie an einer Zeremonie im Dorf teilnehmen wird, ist sie plötzlich völlig abgetaucht. Von heute auf morgen war kein Kontakt mehr zu ihr möglich. Ich wurde von ihrer Familie weggescheucht und als unrein beschimpft. Abends konnte ich ihre Schreie hören, wenn ihre Wunden gereinigt wurden. Ich habe das damals nicht verstanden, erst im Nachhinein konnte ich es mir erklären.

Was ist weibliche Genitalverstümmelung?

Kurz: Alle Eingriffe, die an den weiblichen Genitalien aus kulturellen Gründen vorgenommen werden, ohne einen medizinischen Zweck zu erfüllen. Dazu gehören alle Praktiken, welche die teilweise oder vollständige Entfernung der äußeren Genitalien zum Ziel haben. Wir sprechen von FGM, das ist die Abkürzung für female genitale mutilation, wobei parallel auch von weiblicher Genitalbeschneidung gesprochen wird: FGC, die Abkürzung von female genital cutting. Am Ende dieses Interviews kann man auf einer Weltkarte sehen, wo FGM durchgeführt wird.

Warum diese unterschiedlichen Begriffe für denselben Eingriff?

In der Regel verwenden wir den Begriff Verstümmelung, um diesen drastischen Eingriff für alle nachvollziehbar zu machen. In der Beratung und in Gesprächen mit betroffenen Frauen ist es jedoch ratsam, von Beschneidung zu sprechen. FGM ist ein sehr sensibles Thema, das im Umgang mit den Betroffenen viel Herz und Verstand erfordert. Wenn wir mit den Frauen reden, ist absolute Sensibilität gefragt. Keinesfalls wollen wir, dass sie sich diskriminiert fühlen. Niemals würde ich eine Frau fragen, ob sie verstümmelt ist.

Was sind die Motive, bei Mädchen und Frauen diesen Eingriff vorzunehmen?

Frauen, die nicht beschnitten sind, gelten in den praktizierenden Gemeinden als unrein. FGM ist eine tief verankerte kulturelle Tradition, die auf der Ungleichheit von Frauen und Männern basiert. Das ist eine extreme Form der Benachteiligung von Mädchen und Frauen. Es geht darum, die Sexualität von Frauen zu kontrollieren. Am Ende sind die Frauen nur da, um die Männer zu befriedigen und Kinder zu gebären.

Warum lassen Mütter diese Prozedur bei ihren Töchtern überhaupt zu?

Weil sie es nicht anders kennen. Sie möchten, dass auch ihre Töchter „rein“ bleiben. Die Durchführung ist in ihrer Gesellschaft eine soziale Pflicht. Frauen, die nicht beschnitten sind, werden nicht geheiratet und zu Außenseiterinnen. Dabei ist die Zugehörigkeit zur Familie und zur Gemeinschaft in diesen Kulturkreisen ganz besonders wichtig. Die meisten Menschen in den praktizierenden Gemeinden würden sich nicht trauen, diese Tradition zu hinterfragen.

Und was unternimmt Plan International gegen FGM vor Ort?

Plan ist seit vielen Jahren in Ägypten, Äthiopien, Burkina Faso, Guinea, Guinea-Bissau, Mali und Sierra Leone gegen FGM aktiv. In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern – und auch der EU – führen wir dort Projekte durch, die die Abkehr von dieser Praktik zum Ziel haben. Unser Ansatz ist es, die Menschen nicht zu zwingen, sondern sie zu überzeugen und ihnen Alternativen anzubieten, auch finanzielle. Zum Beispiel durch alternative Initiationsriten, das sind Zeremonien, bei denen die Mädchen nicht beschnitten werden. Auch sorgen wir dafür, dass Beschneiderinnen auf andere Weise ein eigenes Einkommen erwerben können.

Welche Rolle spielen dabei die Männer?

Eine wichtige: Uns liegt viel daran, auch die Männer einzubinden, ob nun Dorfälteste, Gemeindevorsteher oder Ehemänner, denn sie haben einen großen Einfluss in den Gemeinden. Viele Männer können FGM nicht in Zusammenhang mit dem Unbehagen ihrer Frauen beim Sex bringen. Wenn sie diesen erkennen, ist schon viel gewonnen.

Was bedeutet es für von FGM betroffene Frauen in Deutschland zu leben? Warum machen die wenigsten auf ihr Leiden aufmerksam?

Erst in Deutschland wird den Frauen bewusst, dass FGM nicht die Regel ist. Die meisten Frauen um sie herum sind nicht beschnitten. Das stellt ihr ganzes Weltbild auf den Kopf. Sie wurden erzogen, Schmerzen zu ertragen – und nicht über sie zu sprechen. Bei uns dagegen werden sie mit schockierten Reaktionen konfrontiert. Ich kenne Frauen, die sagen: Ich gehe erst zum Frauenarzt, wenn es nicht mehr anders geht. Es erfordert sehr viel Mut, sich gegen seine Familie zu stellen und ein solches Thema anzusprechen. Außerdem ist es ein sehr intimes Thema: Wer von uns ist schon bereit, mit Fremden über seine Genitalien zu sprechen?!

Wie hast Du von FGM betroffene Frauen bisher in der Beratung erlebt?

Die Beschneidung stand eigentlich nie im Vordergrund, aber die Probleme der Frauen waren oft damit verbunden. Nehmen wir das Beispiel häusliche Gewalt: Die Frau hat keine Lust auf Sex, der Mann kann das nicht verstehen, ist frustriert und wird handgreiflich. Oder auch die Sorge um den Aufenthaltsstatus. Die Zahl der Probleme ist vielfältig.

Was tut Plan, um Mädchen in Deutschland gegen FGM zu schützen?  

Die Gefahr, dass der Eingriff bei den Mädchen im Ausland vorgenommen wird, ist sehr viel größer. Die fehlende Logistik und die Tatsache, das FGM in Deutschland verboten ist, führt dazu, dass Eltern mit ihren Töchtern in die Heimat reisen, um sie dort beschneiden zu lassen. Erfahren wir von einer geplanten Genitalverstümmelung und haben die notwendigen Informationen, informieren wir die zuständigen Behörden, so dass gemeinsam mit diesen nach einer Lösung zum Schutz des Mädchens gesucht werden kann. Unser Ansatz ist, die Menschen nicht zu belehren, sondern sie dazu bewegen, diese Tradition zu hinterfragen. So haben wir in Deutschland in den vergangenen Jahren sogenannte Multiplikator:innen ausgebildet – Frauen wie Männer – die die Menschen in ihren jeweiligen Communities für das Thema sensibilisierten und bei vielen ein Umdenken bewirkten.

Was ist Deine Aufgabe bei Plan International in Deutschland?

Derzeit überprüfe ich, was wir aus den langjährigen Erfahrungen unserer Arbeit mit den Mutipliktor:innen übernehmen und welche weiteren Ansätze es gibt, um FGM praktizierende Gemeinschafen in Deutschland zu einer Abkehr von FGM zu bewegen. Außerdem baue ich die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen aus, die sich in Deutschland ebenfalls gegen FGM engagieren. Und ich biete Schulungen für Menschen an, die im sozialen oder im Gesundheitsbereich arbeiten, wie zum Beispiel Sozialarbeiter:innen, Frauenärzt:innen oder Hebammen, so dass sie Gefährdungen besser erkennen und mit den Familien angemessen umgehen können.

Was macht den Kurzfilm #TheOtherVulva in Deinen Augen so besonders?

Es ist ein starker Film, der auf beeindruckende Weise auf das Thema weibliche Genitalverstümmelung aufmerksam macht, ohne den Betroffenen zu nahe zu treten. Es ist für uns immer wieder eine Herausforderung, die Öffentlichkeit über ein solch sensibles Thema aufzuklären. Das ist Sarah Fürstenberg hervorragend gelungen. Hier gehts zum Film!

Plan International engagiert sich dieses Jahr gemeinsam mit NALA e.V. gegen FGM. Was hat es mit dieser Kooperation auf sich?

Sarah hat uns mit ihrem Film zusammengebracht. Dabei sind NALA e.V. und Plan International Deutschland sehr unterschiedlich. NALA arbeitet unmittelbar mit betroffenen Frauen zusammen, während Plans Fokus zu FGM in Deutschland vor allem auf der Advocacy-Arbeit liegt. Dennoch haben wir das gleiche Ziel und auch den gleichen Ansatz: Wir wollen praktizierende Communities, aber auch die Öffentlichkeit für das Thema weibliche Genitalverstümmelung sensibilisieren. Dabei ergänzen wir uns sehr gut.

 

Edell hat auch in unserem Podcast Menschenskinder über das Thema Genitalverstümmelung gesprochen:

Hier gehts zum Podcast!

Weltkarte: Verbreitung von Mädchenbeschneidung


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