In vielen Ländern weltweit kommt es durch die Corona-Ausgangssperren zu mehr häuslicher Gewalt. ©Plan International
In vielen Ländern weltweit kommt es durch die Corona-Ausgangssperren zu mehr häuslicher Gewalt. ©Plan International
03.04.2020 - von Viviana Santiago

COVID-19 und das Problem häuslicher Gewalt in Brasilien

Das Vermeiden sozialer Kontakte ist ohne Zweifel eine notwendige Maßnahme, um die Ausbreitung des Coronavirus‘ zu verlangsamen. Doch die mit dem zu Hause bleiben einhergehende Isolation kann weitreichende Folgen haben – wie zum Beispiel häusliche Gewalt. Dazu hat Viviana Santiago, Expertin für Gender und Entwicklungspolitik von Plan International Brasilien, für uns geschrieben.


Corona hat die welt fest im Griff

COVID-19: Wir alle wissen inzwischen was es heißt, mit der Pandemie zu leben.
Für jede und jeden von uns macht sich der Ausnahmezustand auf die ein oder andere Weise im eigenen Alltag bemerkbar - und das weltweit.

Immer mehr Länder schließen ihre Grenzen, um einer weiteren und zu schnellen Ausbreitung vorzubeugen. Angestellte arbeiten im Home-Office, wann immer sie können. Kinos, Bars und Geschäfte haben geschlossen. Schulkinder dürfen weder zum Unterricht noch dürfen sie ihre Freunde sehen. Sämtliche Freizeitaktivitäten in Vereinen, Sporthallen und Fitnesszentren sind bis auf Weiteres abgesagt.

Denn das neue Coronavirus bedeutet vor allem eines: Eine enorme Herausforderung für die Gesundheitssysteme, auf die Milliarden Menschen weltweit angewiesen sind. Daher der globale Aufruf: „Bleibt zu Hause“.

Globaler Aufruf: #stayhome

Zu Hause – das ist für die meisten von uns der Ort, an dem wir uns sicher fühlen. Ein Ort, der uns lieb ist und der uns wie selbstverständlich Schutz bietet. Doch für viele Kinder und Jugendliche ist das eigene Zuhause ein Ort der Angst. In Brasilien werden in einer Stunde drei Mädchen unter 18 Jahren Opfer sexueller Gewalt. Alle vier Stunden trifft es ein Mädchen unter 13 Jahren. Laut Schätzungen des brasilianischen Forums für öffentliche Sicherheit liegt die Dunkelziffer sexueller Gewaltverbrechen bei ca. 500.000 Fällen im Jahr, von denen nur etwa 10 Prozent gemeldet würden.

Studien zufolge kennen die meisten der betroffenen Mädchen den Täter lange vor der Tat. Die große Mehrheit dieser Übergriffe findet daher zu Hause statt, oft innerhalb der eigenen Familie. Die gebotenen Schutzmaßnahmen, um die weitere Ausbreitung der COVID-19-Krankheit zu bremsen – insbesondere das „zu Hause bleiben“ und das Vermeiden sozialer Kontakte außerhalb der eigenen Familie bzw. Wohngemeinschaft – isolieren betroffene Kinder und Jugendliche zusätzlich und bedeuten in diesen Fällen verheerende Folgen: Zu Hause können sie sich (und andere) zwar effektiv vor einer Ansteckung schützen, nicht aber vor gewalttägigen Übergriffen innerhalb der Familie. Das gilt auch für Mädchen und Frauen, die solche Erfahrungen bislang nicht machen mussten, denn Ausgangssperren verschärfen nicht nur die Häufigkeit von häuslicher Gewalt, sondern erhöhen auch das Risiko, ein solches Gewaltpotential erst hervorzubringen.

Hinzu kommt, dass die Isolation den Ausstieg aus solchen gewalttätigen Zuständen erschwert, wenn nicht gar verhindert. Der ist in der Regel nur möglich, wenn die Betroffenen Außenstehende auf ihre Situation aufmerksam machen können – zum Beispiel in der Schule, bei Hausbesuchen ausgebildeter Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder während organisierten Freizeitaktivitäten. Es sind diese Safe Spaces, in denen sie genug Vertrauen und den Mut aufbringen können, sich jemand anderem anzuvertrauen. Die Quarantäne hält Kinder von solchen sicheren Orten fern und kappt somit soziale Kontakte, die in der Erkennung aber auch der Prävention häuslicher Gewalt essenziell sind.

Quarantäne-Maßnahmen sind lebensrettend

Um diese folgenschweren Auswirkungen zu verhindern, müssen die zweifellos notwendigen Quarantäne-Maßnahmen auf eine Weise umgesetzt werden, die bestimmte Mechanismen zum Schutz vor häuslicher Gewalt intakt lässt: So sollten beispielsweise Lehrende mit ihren Schülerinnen und Schülern weiterhin in Kontakt bleiben können. Risikofaktoren müssen beobachtet und klar benannt werden. Nur so können Anlaufstellen aufrechterhalten bzw. geschaffen werden. Ein gesicherter Zugang zum Gesundheitssystem muss für alle zur Verfügung stehen, insbesondere für Gruppen, die aufgrund von Armut, körperlichen Beeinträchtigungen oder hohen Alters besonders gefährdet sind.

Brasilien hat seinem Volk mit dem Artikel 227 der Konstitution das Versprechen gegeben, jedem Kind ein Leben frei von Gewalt zu ermöglichen. Ebenso wie das Recht auf Gesundheit steht das auch in der UN-Kinderrechtskonvention, die Brasilien ratifiziert hat. Doch dieses Versprechen bleibt Brasilien den Kindern seiner Bevölkerung, in der COVID-19 Krise mehr denn je schuldig. Wir müssen daher gemeinsam daran arbeiten, die getroffenen Maßnahmen anzupassen. Nur so kann das in dieser Zeit so wichtige zu Hause bleiben auch der Schutzraum sein, den wir alle brauchen.



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