Willkommen in der Klasse 3c

Foto: Nobert Latim

An sechs Hamburger Grundschulen ist das Plan-Projekt „Stark in die Zukunft!“ angelaufen, das die mentale Gesundheit von Kindern fördert. Wir waren bei einem Workshop dabei.

Aufgeregte Stimmen dringen aus dem Klassenzimmer der 3c. „Coole Socken“ steht an der Wand neben der Tür – das Motto der Klasse. Daneben hängen bunte Bilder von Socken, jedes Kind hat eine gestaltet. So bunt wie die Socken ist auch die Zusammensetzung der Klasse, die sich außerdem den Namen „Weltenbummler-Kids“ gegeben hat. Denn die Kinder stammen aus vielen verschiedenen Ländern, einige sind erst seit Kurzem in Deutschland, haben Fluchterfahrungen gemacht und beherrschen die Sprache noch nicht sicher. 

Wir sind zu Besuch in einer Grundschule im Osten von Hamburg, an der aktuell das Plan-Projekt „Stark in die Zukunft!“ umgesetzt wird. Die Schule hat den Sozialindex 1, viele der Schüler:innen leben in herausfordernden sozio-ökonomischen Verhältnissen. Das heißt, sie wachsen in Familien mit geringem Einkommen, unsicheren Wohnverhältnissen oder wenig bildungsbezogener Unterstützung auf − und sind vielen weiteren Stressfaktoren ausgesetzt. Hier wird gleich ein Workshop mit Schüler:innen der dritten Klasse stattfinden. Mit dabei ist auch ein Journalist, der für den Deutschlandfunk über das Projekt berichten möchte. Das Thema „Mentale Gesundheit von Kindern“ ist seit der Corona-Pandemie und in einer Zeit multipler Krisen verstärkt auch in den öffentlichen Fokus gerückt.

Ausstellung bunter Sockenzeichnungen von Grundschulkindern zum Klassenmotto „Coole Socken“
„Coole Socken“ – das sind die Kinder aus der Klasse 3c Emely Inselmann
Workshopleiter Philipp Wolf liest gemeinsam mit zwei Schülerinnen im Rahmen des Projekts "Stark in die Zukunft" zur Förderung der mentalen Gesundheit von Grundschulkindern.
Workshopleiter Philipp Wolf erklärt zwei Mädchen eine Übung Nobert Latim
Klassenzimmer mit interaktivem Whiteboard, das positive Werte wie Dankbarkeit, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt im Rahmen des Projekts "Stark in die Zukunft" zur Förderung der mentalen Gesundheit von Grundschulkindern zeigt.
Im heutigen Workshop geht es um die Themen Dankbarkeit, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt Nobert Latim

Die Selbstwahrnehmung stärken

Den Workshop leitet Philipp Wolf. Der Sozialpädagoge arbeitet für das Präventionsprogramm CORESZON der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE), mit dem Plan International Deutschland das Projekt entwickelt hat. Auf das Whiteboard in der Mitte des Klassenzimmers hat er die Begriffe „Dankbarkeit“, „Hilfsbereitschaft“ und „Zusammenhalt“ geschrieben.  

„Jeder Workshop besteht aus sechs Einheiten à 90 Minuten“, erzählt Philipp Wolf über die Workshops, die in einem Pilotprojekt an insgesamt sechs Hamburger Grundschulen durchgeführt werden und mehr als 1.000 Kinder erreichen sollen. „Als roter Faden zieht sich dabei das Thema „schöne Gefühle“ durch − und das Ziel, diese zu stärken. Beim ersten Treffen fangen wir damit an, dass wir den Kindern ganz viele Wörter für schöne Gefühle beibringen und besprechen, was diese bedeuten. Da sind ganz einfache Wörter dabei wie „Freude“ oder „Glück“, aber auch kompliziertere wie „Zusammenhalt“ oder „Inspiration“. In einem zweiten Schritt erkunden wir gemeinsam: Wann habe ich diese Gefühle? Wie erlebe ich sie? Und ganz wichtig: Wo kann ich diese Gefühle eigentlich in meinem Körper spüren? Dafür nutzen wir eine Taschenlampe. Denn wir wissen, dass die Körperempfindung sehr wichtig für die seelische Gesundheit ist.“ 

„Wir wissen, dass die Körperempfindung sehr wichtig für die seelische Gesundheit ist.“

Philipp Wolf, Sozialpädagoge & Workshopleiter, CORESZON e.V.

Handlungs- und Lösungsstrategien werden dringend benötigt

Auch heute wird diese Übung gemacht. Die Kinder erzählen, wann sie Dankbarkeit oder Hilfsbereitschaft empfinden – zum Beispiel beim Fußballspielen, wenn sie gemeinsam mit der großen Schwester Hausaufgaben machen oder auch ihren Eltern im Haushalt helfen. Auf die Frage, wo sie die Gefühle empfinden, leuchten die einen auf ihr Herz oder den Bauch, andere auf ihren Kopf, die Hände oder sogar die Füße.  

„Die Taschenlampe macht es leichter, Gefühle darzustellen“, sagt auch Nike Ebert, die seit viereinhalb Jahren als Gesundheitsfachkraft an der Schule tätig ist. „Außerdem bringt es den Kindern Spaß. Sie verbinden dann etwas Gutes und Lustiges damit. Und auch für uns Erwachsene werden ihre Gefühle dadurch besser sichtbar.“
 

Klassenlehrerin Janine Neumann und Gesundheitsfachkraft Nike Ebert im Klassenzimmer, in dem der Workshop "Stark in die Zukunft" durchgeführt wird
Klassenlehrerin Janine Neumann (l.) und Gesundheitsfachkraft Nike Ebert (r.) setzen sich dafür ein, dass die mentale Gesundheit von Kindern im Schulalltag gefördert wird Nobert Latim

„Wir sehen, dass es bei der Wahrnehmung der eigenen Gefühle oft hakt.“

Nike Ebert, Gesundheitsfachkraft der Schule

„An unsere Schule kommen immer mehr sozial und emotional auffällige Kinder“, ergänzt Nike Ebert. Sie hat sich im Zuge ihrer bedarfsorientierten Arbeit der Gesundheitsförderung und Prävention dafür eingesetzt, das Projekt an die Schule zu holen − mit dem Ziel, es dort langfristig zu verankern. „Wir sehen, dass es bei der Wahrnehmung der eigenen Gefühle oft hakt. Und damit auch beim Verständnis für andere Kinder“, sagt sie. „Natürlich ist das hier eine Grundschule. Die Kinder sind klein und in ihrer Entwicklung noch nicht so weit, dass sie das können. Das lernen sie erst und zwar genau hier. Doch wir haben deswegen Schwierigkeiten, auch in Konfliktsituationen, die häufig auftreten − sehr häufig. Die Kinder benötigen dringend Handlungs- und Lösungsstrategien. Und genau dabei unterstützt dieses Projekt.“

Kinder führen eine Übung im Rahmen des Projekts "Stark in die Zukunft" durch, bei der sie sich ver- und entknoten, um Teamfähigkeit und Zusammenhalt zu fördern.
Spielerisch erfahren die Kinder bei einem „Knotenspiel“ wie sie gemeinsam Probleme lösen können Nobert Latim
Kind liest ein Heft mit dem Titel „Stark in die Zukunft!“ in einem Klasenraum
Das extra entwickelte Material können die Kinder auch nach den Workshops nutzen Norbert Latim

Über Gefühle reden, hilft

Im heutigen Workshop geht es auch um das Thema „Gemeinschaft“. In einer Übung verknoten die Kinder ihre Arme miteinander. Die Aufgabe besteht darin, sich zu entknoten, ohne dabei die Hände der anderen loszulassen. Auf Wunsch der Kinder startet ein Wettbewerb zwischen den Mädchen und den Jungen: Wer schafft es schneller? Die Jungen gewinnen − das Freudengeschrei ist groß. „Das ist eher ungewöhnlich“, sagt Philipp Wolf lächelnd. „Normalerweise sind die Mädchen bei dieser Übung besser.“ An die Schüler:innen richtet er die Frage, was beim Entknoten geholfen hat. „Wir haben geredet, was wir machen sollen“, sagt eines der Mädchen. „Wenn jemand eine gute Idee hatte, haben wir das gemacht“, ein anderes. „Wenn jemand ,Halt!' gesagt hat, haben wir aufgehört“, ruft ein Junge. „Genau, und wenn ihr euch als Klasse mal verknotet habt, könnt ihr das genauso machen“, schlägt Philipp Wolf die Brücke zum Schulalltag.  

Wie wichtig es ist, über Gefühle zu sprechen, weiß auch Klassenlehrerin Janine Neumann. „Wir haben im Unterricht am Anfang eine Ampel eingeführt“, erzählt sie. „Hier können die Kinder sagen, mit welchen Gefühlen sie von Zuhause kommen und in den Unterricht starten. Komme ich zum Beispiel aus einer kleinen Wohnung, in der ich mir mit mehreren ein Zimmer teilen muss? Fühle ich mich heute matt und mag nicht? Viele Kinder kommen schon mit einem Minuspaket in der Schule an. Da ist es für mich als Lehrerin wichtig, zu wissen, wo ich sie abholen kann. Durch solche Angebote im Unterricht und nun auch durch die Workshops im Rahmen von „Stark in die Zukunft!“ lernen sie, ihre Gefühle zu benennen und einzuordnen.“   
 

„Durch die Workshops [...] lernen sie, ihre Gefühle zu benennen und einzuordnen.“

Janine Neumann, Klassenlehrerin

Ein übergreifender Ansatz

Janine Neumann sieht erste Effekte und auch Philipp Wolf sagt: „Ich bemerke eine größere Offenheit bei den Kindern. Gerade denen, die am Anfang noch gar nichts mit dem Thema anfangen konnten, fällt es schon leichter, über ihre Gefühle zu sprechen oder auch Körperempfindungen zu benennen. Ich würde aber auch unterstreichen, dass diese Workshops nur der erste Schritt sein können, und − in welchem Rahmen auch immer − weiter unterfüttert werden müssen. Im Unterrichtsalltag und auch in den Fächern, die erst mal nichts mit mentaler Gesundheit zu tun haben.“

Um dies zu gewährleisten, werden im Rahmen des Projekts auch Lehrkräfte und Eltern geschult. Zudem erhalten die Kinder Materialien zur Stressbewältigung, die sie über die Workshops hinaus benutzen können. Das Pilotprojekt läuft noch bis Mai 2027 und wird durch die Stiftung Hilfe mit Plan ermöglicht. Danach soll es ausgewertet und nach Möglichkeit auf Schulen in anderen Bundesländern ausgeweitet werden.

Stark in die Zukunft!

Das Projekt zur Förderung der mentalen Gesundheit von Kindern wurde von Plan International Deutschland in Kooperation mit dem Präventionsprogramm CORESZON der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) entwickelt und wird aktuell an sechs Hamburger Grundschulen umgesetzt. Tragen auch Sie mit Ihrer Spende zu seinem Erfolg bei!

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Das Projekt im Deutschlandfunk

Journalist Thomas Samboll interviewt Klassenlehrerin Janine Neumann für den Deutschlandfunk.
Klassenlehrerin Janine Neumann im Interview mit dem Deutschlandfunk Nobert Latim

Im Januar 2025 berichtete der Deutschlandfunk in seinem Programm „Campus & Karriere“ über unser Projekt „Stark in die Zukunft!“ Dazu besuchte Journalist Thomas Samboll einen Workshop an einer Grundschule im Hamburger Osten und sprach mit teilnehmenden Kindern, dem Workshop-Leiter und Fachkräften der Schule. Den Beitrag können Sie auf der Seite des Deutschlandfunks nachhören.

Zur Website des Deutschlandfunks

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