Zwei Stimmen gegen Genitalverstümmelung

Foto: Plan International

Obwohl weibliche Genitalverstümmelung in Guinea verboten ist, sind rund 95 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren betroffen. Hinter dieser erschreckenden Zahl stehen persönliche Schicksale wie die von Baratou und Madelaine. Die beiden jungen Frauen haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, doch sie verbindet ein gemeinsames Ziel: weibliche Genitalverstümmelung zu beenden.

Baratou war gerade einmal sechs Jahre alt, als sich ihr Leben für immer veränderte. Was damals geschah, hat die 24-Jährige bis heute nicht vergessen.

„Man sagte mir, dass ich zur Frau werden würde, die in den Augen der Gesellschaft etwas wert ist“, erinnert sie sich. „Sie verbanden mir die Augen. Ich habe sehr viel geweint.“

Baratou war noch ein kleines Mädchen, als sie weibliche Genitalverstümmelung erlebte. Die Folgen des Eingriffs begleiten die junge Frau aus Guinea bis heute.

Porträt der 24-jährigen Baratou aus Guinea. Sie blickt direkt in die Kamera und lächelt.
Baratou (24) wurde als kleines Mädchen genitalverstümmelt und leidet bis heute unter den Folgen Plan International

Die Praxis wird international als Female Genital Mutilation (FGM) bezeichnet. Dabei handelt es sich um Eingriffe, die ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen werden und schwerwiegende körperliche und psychische Folgen haben können. 

In Guinea ist die Praxis trotz eines gesetzlichen Verbots noch immer weit verbreitet. Nach Angaben des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) aus dem Jahr 2024 sind rund 95 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren von Genitalverstümmelung betroffen. Damit gehört das westafrikanische Land zu den Ländern mit den höchsten FGM-Raten weltweit.

Wenn die Schmerzen bleiben

Für Baratou endete das Leid nicht mit dem Eingriff. „Danach habe ich monatelang gelitten. Ich hatte starke Schmerzen und Infektionen, meine Genesung verlief sehr langsam“, erzählt sie.

„Ich habe Angst vor der Ehe und vor allem vor einer Geburt.“

Baratou, Betroffene von Genitalverstümmelung aus Guinea

Bis heute begleiten sie die Erinnerungen und die Folgen der Verstümmelung. Die körperlichen Verletzungen sind nur ein Teil dessen, was sie durchmachen musste. Auch ihr Verhältnis zum eigenen Körper und ihre Vorstellungen von der Zukunft sind davon geprägt.

„Ich fühle mich als Frau nicht vollständig. Ich habe Angst vor der Ehe und vor allem vor einer Geburt“, sagt Baratou. Sie weiß, dass viele betroffene Frauen auch während ihrer Menstruation unter starken Schmerzen leiden. Für sie steht fest: „Genitalverstümmelung zerstört nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche.“

Ihre Geschichte macht deutlich, wie tiefgreifend die Folgen eines Eingriffs sein können, der häufig bereits im Kindesalter vorgenommen wird. Schmerzen, Ängste und seelische Verletzungen können die Betroffenen bis weit ins Erwachsenenleben begleiten.

„Viele meiner Freundinnen, die beschnitten wurden, leiden noch immer unter erheblichen körperlichen und psychischen Schmerzen.“

Madelaine, Praktikantin bei Plan International in Guinea und engagierte FGM-Gegnerin

Madelaine will Mädchen vor diesem Schicksal bewahren

Die 22-Jährige Madelaine kennt die Geschichten betroffener Frauen aus ihrem unmittelbaren Umfeld. Anders als Baratou blieb sie selbst von Genitalverstümmelung verschont. Dass dies keineswegs selbstverständlich ist, ist ihr bewusst.

„Ich danke Gott, dass ich von dieser Praxis verschont geblieben bin, die ich heute als Verbrechen betrachte“, sagt sie. „Viele meiner Freundinnen, die beschnitten wurden, leiden noch immer unter erheblichen körperlichen und psychischen Schmerzen.“

Madelaine möchte dazu beitragen, dass andere Mädchen vor Genitalverstümmelung geschützt werden. Dafür setzt sie auf Aufklärung und offene Gespräche mit Familien, um das Bewusstsein für die Gefahren der Praxis zu stärken und langfristig ein Umdenken anzustoßen.

Porträt der 22-jährigen Madelaine aus Guinea.
Madelaine (22) blieb von Genitalverstümmelung verschont und setzt sich heute für den Schutz anderer Mädchen ein Plan International

Heute absolviert Madelaine ein Praktikum im Büro von Plan International in Guinea. Dort kann sie sich aktiv für ein Anliegen einsetzen, das ihr besonders am Herzen liegt: die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung.

„Für mich ist es eine Chance, Teil einer Organisation zu sein, die sich aktiv gegen diese Praxis einsetzt“, erklärt sie. „Wo immer ich hingehe, kläre ich Mädchen und Eltern über die Gefahren weiblicher Genitalverstümmelung auf. Ich sehe mich selbst als Botschafterin für dieses Anliegen.“

Madelaine möchte dazu beitragen, dass Mädchen besser geschützt werden und Familien die gesundheitlichen und seelischen Folgen der Praxis verstehen. Denn um Genitalverstümmelung langfristig zu beenden, müssen sich auch gesellschaftliche Vorstellungen und tief verwurzelte Überzeugungen verändern.

Porträt der 22-jährigen Madelaine aus Guinea.
Als Praktikantin bei Plan International in Guinea engagiert sich Madelaine für die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung Plan International
Baratou aus Guinea sitzt an einem Laptop und arbeitet daran
Mit ihrer Geschichte macht Baratou auf die körperlichen und seelischen Folgen weiblicher Genitalverstümmelung aufmerksam Plan International

Gemeinsam gegen schädliche Traditionen

Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung. Sie gefährdet die Gesundheit von Mädchen und Frauen und verletzt ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung. Obwohl die Praxis in Guinea gesetzlich verboten ist, bleibt ihre Abschaffung eine große Herausforderung.

Plan International setzt sich deshalb auf verschiedenen Ebenen gegen weibliche Genitalverstümmelung ein. Dazu gehört unter anderem die Aufklärung über die gesundheitlichen, psychischen und sozialen Folgen der Praxis sowie der Dialog mit Eltern, Jugendlichen und lokalen Führungspersonen. Ziel ist es, schädliche gesellschaftliche Normen zu hinterfragen, Vorurteile abzubauen und ein Umdenken anzustoßen.

Gleichzeitig unterstützt Plan International betroffene Frauen dabei, über ihre Erfahrungen zu sprechen und ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Denn neben Aufklärung und Prävention brauchen Überlebende Zugang zu medizinischer und psychologischer Unterstützung. Auch die konsequente Durchsetzung bestehender Gesetze ist entscheidend, um Mädchen wirksam zu schützen.

Ein Tabu beginnt zu bröckeln

Baratou und Madelaine haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, doch beide setzen sich auf ihre Weise gegen Genitalverstümmelung ein. Baratou zeigt Mut, indem sie ihre persönliche Geschichte öffentlich macht und damit ein lange bestehendes Tabu bricht. Madelaine nutzt ihre Stimme, um Mädchen und Eltern aufzuklären und ein Umdenken anzustoßen. Gemeinsam stehen sie für eine Generation junger Frauen, die Genitalverstümmelung nicht länger hinnehmen will.

Und es gibt Anzeichen für Veränderung. Immer mehr Frauen in Guinea finden den Mut, offen über Genitalverstümmelung und ihre Folgen zu sprechen.

„In Guinea ist das Thema nicht mehr vollständig tabu“, berichtet Madelaine. „Immer mehr Frauen wagen es, bei Workshops und Gemeindeveranstaltungen öffentlich darüber zu sprechen. Das trägt nach und nach dazu bei, dass diese Praxis aufgegeben wird.“

Es sind Gespräche wie diese, die Veränderungen möglich machen. Wenn Betroffene Gehör finden, junge Menschen über ihre Rechte aufgeklärt werden und Gemeinden beginnen, überlieferte Vorstellungen zu hinterfragen, wächst die Chance auf eine Zukunft ohne Genitalverstümmelung.

Eine Zukunft, in der kein Mädchen mehr erleiden muss, was Baratou widerfahren ist.

 

Diese Geschichte wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Guinea aufgeschrieben.

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