Schluss mit riskanten Sexual-Mythen
„Diese Begegnung hat mir das Herz gebrochen. Sie hat meine Entschlossenheit gestärkt, weiterzumachen“, sagt Anitha. Mit 20 Jahren leitet sie einen außerschulischen Jugendclub im Süden von Ruanda. Bei den Treffen und überall sonst, wohin Anitha geht, hat die junge Frau Aufklärungsmaterial dabei. Sie treibt ein einziges Ziel an: eine Zukunft ohne Teenager-Schwangerschaften. Etwa 40 Mitglieder hat der Club, der dieser Mission nachgeht.
Einer ihrer prägendsten Momente bei dieser ehrenamtlichen Tätigkeit war eben jene Begegnung mit einem Mädchen. „Ich erinnere mich genau, sie kam zusammen mit ihren Freundinnen zu mir – und glaubte, dass ungeschützter Sex Akne im Gesicht heilen könne! Ich habe die Mädchen aufgeklärt und ihnen geholfen, ihre Ansichten zu ändern.“
Nicht nur in Anithas Club in einer ländlichen Gemeinde im Distrikt Bugesera, auch in vielen ruandischen Klassenzimmern und Gemeinschaftsräumen in Gatsibo und Nyaruguru führen junge Menschen inzwischen Gespräche über Themen, vor denen viele Erwachsene in dem ostafrikanischen Land noch immer zurückschrecken.
Das von Plan International unterstützte Projekt zielt darauf ab, frühe und ungewollte Schwangerschaften zu reduzieren sowie Jugendliche darin zu stärken, gesunde und fundierte Entscheidungen für ihr Sexualleben zu treffen.
Gesunde und fundierte Entscheidungen für das Sexualleben
Neben Anitha sind dabei auch Diane (21) und Nepo (17) engagierte Persönlichkeiten, die die Treffen in verschiedenen Jugendclubs leiten und gemeinsam mit Teenagern daran arbeiten, Fehlinformationen, Mythen und Unsicherheiten rund um Sexualität und intime Beziehungen abzubauen.
Im Dialog wird Vertrauen zu den Jugendlichen aufgebaut. Ihre persönlichen, zum Teil negativen Erfahrungen helfen Anitha, Diane und Nepo dabei, andere junge Menschen für Familienplanung und Verhütung zu sensibilisieren. Kinder und junge Erwachsene sollen in die Lage versetzt werden, eigenständig Entscheidungen über ihren Körper zu treffen – und damit über ihre Zukunft.
Denn wenn Kinder Kinder kriegen, ist dies sowohl für die werdende Mutter als auch das ungeborene Baby eine körperliche Herausforderung. Mehr noch verlassen ungewollt schwangere Mädchen vorzeitig die Schule – ohne einen Abschluss und nur mit geringen Aussichten auf einen fair bezahlten Job.
Kinder und Jugendliche in Ruanda sind oft Risiken ausgesetzt.
Missverständnisse und Mythen in Bezug auf ungeschützten Sex sind häufig ursächlich für frühe Schwangerschaften, auch und gerade unter jungen Menschen in ländlichen Gemeinden. Der Glaube an die Heilung von Hautkrankheiten durch ungeschützte sexuelle Kontakte ist nur eine davon. Das zeigt, welchen Risiken Kinder und Jugendliche in Ruanda oftmals ausgesetzt sind – einfach, weil es ihnen an korrekten Informationen fehlt.
Anitha und Diane sehen sich darin bestätigt, dass die Peer-Education – also der Wissensaustausch unter jungen, gleichaltrigen Menschen – gefährliche Mythen widerlegen kann. Und damit Kinder und junge Erwachsene selbstbewusste Entscheidungen für ihr Sexualleben treffen können, regen die Clubleiterinnen sie zu offenen Diskussionen darüber an.
„Konsequente Aufklärung ist der einzige Weg, um schädliche Vorurteile zum Thema Sexualität zu bekämpfen.“
„Konsequente Aufklärung und das Durchbrechen des Schweigens ist für unsere Gesellschaft der einzige Weg, um schädliche Vorurteile zum Thema Sexualität zu bekämpfen. Dafür setzen wir uns jede Woche ein, wenn wir uns treffen“, bekräftigt Diane.
Insgesamt 194 solcher Peer-Educators wurden im Rahmen des Projekts bislang ausgebildet, die über Schul- und Gemeindevereine rund 4.850 junge Teilnehmende erreicht haben. Die Peer-Educators, von denen viele Plan-Patenkinder sind, wurden zuvor für die Moderation von Veranstaltungen und sensible Gesprächsführung trainiert.
Im östlich gelegen Bezirk Gatsibo ist der 17-jährige Nepo Leiter eines weiteren Clubs für reproduktive Gesundheit und Sexualaufklärung. Allein an seiner Schule bringt der Sekundarstufenschüler regelmäßig 32 Mädchen und 18 Jungen zum Diskutieren und Reflektieren zusammen.
Nepo sagt, dass der Einfluss des Clubs über den Schulhof hinausreicht: „Durch unseren Club haben wir gelernt, wie wir uns vor sexuell übertragbaren Infektionen, Krankheiten und schädlichen Versuchungen schützen können“, sagt er. „Und wir geben dieses Wissen an unsere Eltern, an die Erwachsenen weiter.“
Wie informierte Jugendliche auch Erwachsene zum Umdenken bewegen
All die Anstrengungen geschahen nicht von heute auf morgen. Als Nepo noch als Gasthörer seinem Club beitrat, reagierten seine Eltern skeptisch – und befürchteten, dass Gespräche über Sex, Verhütung, Pubertät und Familienplanung im Gegenteil zu riskantem Verhalten bei ihrem Sohn führen könnte.
Doch durch kontinuierliches Engagement begann sich deren Sichtweise mit der Zeit zu ändern. Heute erkennen auch sie den Wert des Jugendclubs an – ein Sinneswandel, der auch in anderen Gemeinden zu beobachten ist; überall dort, wo die Aufklärungsprogramme durchgeführt werden.
„Wir haben gelernt, wie wir uns vor sexuell übertragbaren Infektionen schützen können.“
Unterstützung für diese Arbeit erhält Nepo an seiner Schule auch von den Lehrkräften. So hat der junge Mann mittlerweile erwachsene Ansprechpartner beim Thema sexuelle und reproduktive Gesundheit. Eine wertvolle Unterstützung für den Jugendclub, dem er vorsteht, und vor allem für die teilnehmenden Schulkinder.
„Viele Kinder und Jugendliche, vor allem die Teenagerinnen, leiden im Stillen“, sagt Lehrer Robert (32). „Es fällt ihnen schwer, über die Schwierigkeiten zu sprechen, mit denen sie konfrontiert sind. Sie brauchen vertrauenswürdige Personen, die ihnen zuhören und sie begleiten. Wir wirken dem Schweigen entgegen und bestärken die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darin, ihre Stimme zu erheben.“
„Künftig schütze ich mich.“
Eine von ihnen ist Olivia, eine heute 22-jährige Mutter, die bei den Treffen der Jugendclubs dabei war und sagt: „Heute verstehe ich meinen Körper und kenne meine Rechte.“ Das neu gewonnene Wissen habe ihr die Kraft gegeben, ihre Stimme zu erheben. „Künftig schütze ich mich.“
Dieser Artikel wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Ruanda erstellt.