Das Lager Azraq östlich der jordanischen Hauptstadt Amman. ©Mikko Toivonen
Das Lager Azraq östlich der jordanischen Hauptstadt Amman. ©Mikko Toivonen
22.04.2020 - von Marc Tornow

Kinderschutz auch in der Corona-Krise bewahren

Seit neun Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg, vor dessen Folgen Millionen Menschen ins Ausland geflohen sind. Unterwegs sowie in Notunterkünften sind die Gefahren von Missbrauch und Kinderarbeit sowie ein Mangel an Bildung verbreitet. Die Coronavirus-Pandemie erschwert diese Situation vor allem für Mädchen noch, erklärt Hiba Alhejazi, Projektmanagerin bei Plan International Jordanien, im Interview.


Was sind die Herausforderungen für Mädchen und junge Frauen in Notunterkünften wie dem Lager Azraq in Jordanien?

Mädchen und Frauen teilen sich Toilettenräume, sodass die Privatsphäre eingeschränkt ist. Darüber hinaus ist der Zugang zu Hygiene- und Sanitärartikeln schwierig, da die Vorräte im Lager begrenzt sind. Das ist ein Problem, vor allem für die heranwachsenden Mädchen. Es ist schwierig, unter diesen Umständen die persönliche Hygiene aufrechtzuerhalten und Infektionen vorzubeugen.

Wird auf die besondere Situation von Mädchen Rücksicht genommen?

Kaum. Wir müssen auch ihre psychische Gesundheit und ihr Wohlergehen insgesamt berücksichtigen. Die Mädchen und jungen Frauen lebten bereits vor der Coronavirus-Pandemie unter sehr schwierigen Bedingungen. Zu Beginn der Corona-Krise wurde von Arbeitsgruppen und anderen Organisationen übersehen, dass es an dieser Stelle besonderen Bedarf gibt. Doch jetzt, nach über einem Monat der Isolation, muss es ein Thema sein! Das muss ganz oben auf die Tagesordnung.

Wie reagiert Plan International auf die Krise im Lager?

Um der Isolation der Menschen im Lager entgegenzuwirken, haben wir viele unserer bestehenden Programme so angepasst, dass sie aus der Ferne zugänglich sind, zum Beispiel über Apps und Smartphone-Dienste. So bietet Plan International Kurse an, um die Entscheidungsfähigkeit, kritisches und empathisches Handeln zu stärken sowie Kreativwerkstätte oder Alphabetisierungsprogramme durchzuführen. Als die Corona-Krise zuschlug, konnten wir dann leicht an Mädchen und Mütter Bastel- und Nähsets verteilen. Über Gruppenaufrufe hielten wir online Unterrichtseinheiten ab, um sie anzuleiten, wie sie unter anderem ihre eigenen Atemschutzmasken anfertigen können.

Woher weiß Plan International, welche Risiken für Kinder bestehen?

Wir haben eine Risikobeurteilung im Lager Azraq durchgeführt, um die vielen Probleme und neu entstandenen Hindernisse für Mädchen und Jungen zu dokumentieren. Da Kinder mehr Zeit in geschlossenen Zelten bzw. Räumen in unmittelbarer Nähe ihrer Familienmitglieder verbringen, sind wir uns auch der möglichen Sicherheitsprobleme wie Gewalt, Ausbeutung oder Missbrauch bewusst, die jetzt vor allem für Mädchen entstehen können.

Wie lässt sich dem vorbeugen?

Wir haben unsere Projektteams geschult, damit sie bereits subtile Anzeichen von Verzweiflung, Stress oder Angst erkennen, die Kinder während der Online-Sitzungen zeigen können.

Welche Art von Unterstützung wird jetzt im Lager Azraq benötigt?

Wir brauchen weiterhin finanzielle Unterstützung, damit wir die Bedürftigsten während dieser Pandemie erreichen können. Wir arbeiten nicht nur daran, unsere bisherigen Budgets für Geflüchtete entsprechend der neuen Situation umzuverteilen, sondern wir suchen auch aktiv nach Möglichkeiten zur Aufstockung der Mittel. Wir müssen unserer Arbeit ausbauen, um auf die neuen Herausforderungen reagieren zu können.

Was tut Plan International für die geflüchteten Jugendlichen?

Wir sorgen dafür, dass sie weiterhin von unserer Arbeit profitieren und dass besonders heranwachsende Mädchen während der Coronavirus-Krise unterstützt werden. Wir reaktivieren bereits Initiativen wie einen Jugendausschuss, der online mit unseren erstaunlich eloquenten Mitgliedern verwaltet und einberufen werden kann. Die Kinder – vor allem die Mädchen – können so eingebunden werden und eine Rolle dabei spielen, aus der Krise zu gehen.

Und was brauchen die Kinder?

Jetzt ist es mehr denn je von entscheidender Bedeutung, dass die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft eingebunden und geschützt werden. Indem wir weiterhin auf die Bedürftigsten zugehen und grundlegende Kinderrechte verwirklichen, werden wir sicherstellen, dass in dieser Krise niemand zurückgelassen oder vergessen wird.

Über Plan International in Jordanien
Plan International startete 2016 seine humanitäre Hilfe für syrische Geflüchtete im Nahen Osten, unter anderem in Jordanien. Im Fokus unserer Aktivitäten steht die Einhaltung internationaler Standards zum Kinderschutz, insbesondere für Mädchen, in den Flüchtlings- und Aufnahmegemeinden. Zu unseren wichtigsten Arbeitsbereichen gehören:

  • Gewährleistung des Zugangs der am stärksten gefährdeten Kinder zu einer qualitativ hochwertigen Bildung.
  • Verhinderung von Gewalt und Ausbeutung sowie Unterstützung von Kindern, die Missbrauch erfahren haben.
  • Unterstützung junger Menschen mit berufsbildenden Maßnahmen, damit diese später gute Arbeitsplätze bekommen können.

Interessant? Weitersagen: