Zur Schule gehen - trotz Boko Haram

Foto: Maike Röttger

Angst ist für viele Frauen im Nordosten Nigerias ein ständiger Begleiter. Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram erschüttert diese ohnehin strukturschwache Region mit Entführungen und Anschlägen. Maike Röttger, Vorsitzende der Geschäftsführung von Plan International Deutschland, ist entlang von Kriegsgebieten durch das westafrikanische Land gereist. Sie traf bemerkenswert starke und aufgeschlossene Menschen, die nichts als Frieden, Bildung für ihre Kinder sowie Sicherheit für ihre Familien wollen. Für die Plan Post hat sie ihre Eindrücke aufgeschrieben.

Die Gefahr liegt hinter der schmalen Bergkette. Dort, wo sich die Anhänger der Terrorgruppe Boko Haram offenbar weiterhin in bedrohlicher Nähe von nur vier Kilometern zur Stadt Gwoza zurückgezogen haben. Hier, im Nordosten von Nigeria an der Grenze zum benachbarten Kamerun, hatten sie 2014 die Hauptstadt ihres selbsternannten Kalifats ausgerufen. Die Kanonenrohre der drei Militär-Panzer, die neben dem Hubschrauberlandeplatz auf die Berge gerichtet sind, lassen diese Gefahr nicht vergessen. Rund um die nationalen Wahlen in Nigeria hatte im Frühjahr das Tauziehen zwischen den Terrormilizen und dem Militär der Regierung wieder begonnen. Schießereien und Angriffe im Bundesstaat Borno nahmen zu und trieben die Menschen in die Flucht.

Seit nun zehn Jahren leben die Kinder, Frauen und Männer dort im Ausnahmezustand. Die Terrorangriffe und das Vorgehen des Militärs dagegen haben eine ganze Region um das Tschadseebecken unzugänglich gemacht und das Leben von mehr als 17 Millionen Menschen in den vier Ländern Niger, Nigeria, Tschad und Kamerun zerstört. Sie sind auf der Flucht. Elf Millionen Menschen, davon mehr als die Hälfte Kinder, sind täglich auf Hilfe zum Überleben angewiesen. Eine halbe Million Kinder sind unterernährt. Eine Lösung für eine der größten humanitären Katastrophen ist trotz internationaler Unterstützung noch immer nicht in Sicht. Im Mittelpunkt steht vor allem das Schicksal von Hunderttausenden von Frauen und Mädchen – von Boko Haram entführt, gequält, zwangsverheiratet, geschwängert, Schulen und Universitäten entrissen, als Selbstmordattentäterinnen missbraucht. Einen schrecklicheren Ort, um als Mädchen und Frau zu leben, kann ich mir nicht vorstellen.

Stadt Gwoza Baeume
Die Gefahr liegt hinter den Bergen.Foto: Plan International

Erreichen können wir, mit einem kleinen Team von Plan International, Gwoza nur von der Borno-Hauptstadt Maiduguri aus mit einem Flug im UN-Hubschrauber. Die Piloten fliegen im regelmäßigen Shuttle-Service, um die humanitären Helferinnen und Helfer in die gesicherten Gemeinden zu bringen. Das Risiko, auf der Landstraße überfallen zu werden, ist zu groß. Gwoza ist immer noch einer der entlegensten Orte der Welt. Doch wir haben uns vor zwei Jahren entschlossen, genau hierher zu kommen, um vor allem mit den Kindern und Frauen einen Weg in eine friedliche Zukunft zu erreichen. Ich bewundere meine nigerianischen Kolleginnen und Kollegen, die deswegen hierher gezogen sind.

 

Die Menschen sind zurückgekehrt

Nach der Befreiung Gwozas durch das Militär 2015 ist das Leben wieder da: Kleine Marktstände, neu gedeckte und gestrichene Häuser, Mädchen und Jungen gehen zur Schule. In einem hellblau gestrichenen Haus warten in dem einzigen Raum etwa 50 Frauen auf mich. In diesem sehr islamisch geprägten Teil Nigerias haben sie die Schleier, die sie über ihren bunten Gewändern tragen, unter dem Kinn zusammengenäht. Sie sitzen auf dem Boden in diesem von Plan International geschaffenen geschützten Raum, den nur Frauen betreten dürfen. Hier sprechen sie über das, was Boko Haram ihnen angetan hat. Die meisten sind Analphabetinnen, die als Jugendliche schon viel zu früh verheiratet wurden – jetzt sind sie stolz, dass sie hier lesen und schreiben lernen. Genau das, was Boko Haram mit Waffen bekämpft.

 

Geschäftsführerin Maike Röttger mit Frauen aus Gwoza
Maike Röttger, Geschäftsführerin bei Plan International Deutschland, im nordnigerianischen Gwoza.Foto: Plan International

Pläne für die Zukunft

Maimuna ist 17 Jahre alt. Ihr leuchtend orangefarbener Schleier zeigt deutlich, dass sie sich nicht mehr verstecken will. Endlich könne sie wieder zur Schule gehen, sagt sie – nach vier Jahren auf der Flucht. Sie musste mit den Terroristen von Boko Haram zusammenleben. Die Unterstützung, die sie in dem Frauenhaus erhält, tue ihr gut. Fatima, ebenfalls 17 Jahre, floh 2014 aus Gwoza vor dem Überfall von Boko Haram; als sie zurückkehrte, musste sie einen Kämpfer heiraten. Vor ihm ist sie geflohen. Die wenigen Sätze der Mädchen lassen die Abgründe erahnen, aus denen sie sich herausgearbeitet haben. Fatima freut sich, dass sie jetzt lesen und schreiben kann. „Ich möchte anderen Menschen helfen und für eine Hilfsorganisation arbeiten“, sagt sie. Eine andere Fatima – Mutter von drei Töchtern und fünf Jungs – ballt unter ihrem lindgrünen Schleier die Hand zur Faust, als sie ihren größten Wunsch für die Zukunft ausspricht: „Mädchen müssen zur Schule gehen. Sie dürfen nicht mehr nur als Objekt zum Heiraten angesehen werden.“

Mädchen Gwoza Gruppenbild
Maike Röttger
Kinder spielen Fußball
Fußball bietet den Kindern ein Stück Normalität in einem gefährlichen Lebensumfeld.Yunus Abdulhamid

Chancen ergreifen

Das Leben der Frauen im Nordosten Nigerias ist seit Jahrhunderten von Unterdrückung geprägt. Die Mädchen sind immer der Gefahr ausgesetzt, viel zu früh verheiratet zu werden. Den Männern ist die Ehe mit vier Frauen erlaubt, eine Frau zu schlagen, ist gesellschaftlich akzeptiert. Das Vorgehen von Boko Haram ist nicht nur ein Spiegel dessen, sondern schließt sich wie eine Mauer um die Frauen. Doch die Frauen begegnen dem mit großer Stärke und ergreifen ihre Chancen. In Maiduguri, einst Handelszentrum der Tschadseeregion, dann Zentrum von Boko Haram und heute eine befreite, vom Militär schwer gesicherte Stadt in gesetzloser Umgebung, treffen sich die Frauen mit ihren Kleinkindern. Sie wollen erfahren, wie sie mit den wenigen Zutaten, die sie haben, für ihre Töchter und Söhne abwechslungsreich kochen können.

Die 42-Jahre alte Gasi ist eine resolute, stämmige Frau. Sie arbeitet für eine Aufwandsentschädigung für Plan International als Gemeindehelferin und gibt ihr Wissen an die anderen Frauen weiter. Der Austausch in der Gruppe, viele von ihnen Geflüchtete, tut allen gut. Als Gasi vor vier Jahren aus der Stadt Bama nach Maiduguri fliehen musste, verlor sie zunächst den Kontakt zu drei von ihren fünf Kindern. Erst später konnte sie die Vermissten in einem Flüchtlingslager wiederfinden. Viele haben dieses Glück nicht: Etwa 6.000 unbegleitete Minderjährige sind schätzungsweise in der Region unterwegs, weitere 8.000 sind vermutlich als Kindersoldaten oder Arbeitskräfte von Boko Haram mitgenommen worden.

„Meinen Kindern soll nicht das passieren, was mir passierte“

Gasi (42)
wurde mit 14 Jahren zwangsverheiratet

Gasi jedoch ist stolz darauf, dass alle ihre Kinder jetzt in die Schule gehen, auch die Mädchen. „Ihnen soll nicht das passieren, was mir passierte“, sagt sie. Sie wurde mit 14 Jahren mit einem Mann verheiratet, der nach ihrer Aussage damals schon 70 Jahre alt war. Heute pflegt sie ihn, die Versorgung der Kinder muss sie allein sicherstellen. Dafür arbeitet sie auch als Schneiderin. „Nirgendwo ist es wie zu Hause“, sagt sie, „aber wir kommen jetzt hier zurecht.“ Und sie erlebt auch, dass viele Geflüchtete noch nicht so gut zurechtkommen wie sie. Sie trifft sie überall in der Stadt. „Sie haben keine Kleidung und nichts zu essen“, sagt sie. „Am schlimmsten trifft es die Mädchen. Sie müssen irgendwo auf der Straße hocken und etwas verkaufen, anstatt zur Schule zu gehen.“

Aus Angst, wieder alles zu verlieren, traut sich Gasi noch nicht in ihre Heimat nach Bama zurück. Der Terrorkrieg hat eine ohnehin strukturschwache Region der Welt nahezu zum Erliegen gebracht. Jugendarbeitslosigkeit, ein Klimawandel, der den Tschadsee versanden lässt, Korruption, schwache Regierungsführung, kaum öffentliche Strukturen, Ungleichheit – Boko Haram, auch daraus entstanden, wirkt wie ein Brennglas. Welchen Kurs auch immer die neu gewählte Regierung Nigerias einschlägt, sie wird handeln müssen. Die Zukunft liegt in der Bildung und Ausbildung der Jugend, ihrer Beteiligung an einem Veränderungsprozess und gleichberechtigten Frauen.

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