Im Traum-Wagen durch Haiti

von Marc Tornow

Was haben Obama, Shakira, Che Guevara und Tupac Shakur gemeinsam? Zur Rushhour tauchen sie samt weiterer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in den engen Straßen von Port-au-Prince auf. In der Hauptstadt Haitis sind sie praktisch immer mit dabei, wenn sich Millionen Fahrgäste auf eine Busfahrt begeben.

Von den Außenbezirken rollen offene Pick-ups ins Zentrum der Hauptstadt. © Foto: Plan/Marc Tornow

Von den Außenbezirken rollen offene Pick-ups ins Zentrum der Hauptstadt. © Foto: Plan/Marc Tornow

Eng ist es auf den Straßen in und um Port-au-Prince eigentlich immer. Die haitianische Kapitale hat offiziell zwei Millionen Einwohner, inoffiziell sind es drei. Weite Teile der Stadt sind an den Hang oder verteilt über die Hügel von Canapé Vert gebaut. Weder in den fast senkrecht in die Höhe geschachtelten Vierteln, noch in dem einst als „Grünes Sofa“ gerühmten Vorort ist Platz für breite Straßen. So quetschen sich spätestens ab acht Uhr morgens unzählige Autos im Schritttempo durch die vielen kurvenreichen Gassen.

Über die verstopften Straßen von Port-au-Prince entschwindet ein Tap-Tap. © Foto: Plan/Marc Tornow

Über die verstopften Straßen von Port-au-Prince entschwindet ein Tap-Tap. © Foto: Plan/Marc Tornow

Entlang der Wohnquartiere tauchen dabei andauernd bekannte Persönlichkeiten auf. Verbreitet werden sie von den farbenfrohen Tap-Taps. Es sind robuste Pick-ups oder Kleinbusse, die als eine Art Sammeltaxi vorbestimmte Strecken bedienen. Die meisten Betreiber sind nicht nur Fuhrunternehmer, sondern wahre Kleinkünstler. Denn fast alle Wagen, die weitgehend den öffentlichen Personennahverkehr in dem Inselstaat bewältigen, sind liebevoll mit Motiven von lokalen und internationalen Filmstars, Musikern oder in Amerika bekannten Politikern bemalt.

Berühmtheiten des öffentlichen Lebens sind in Lackfarbe an Bussen und Sammeltaxis präsent. © Foto: Plan/Marc Tornow

Berühmtheiten des öffentlichen Lebens sind in Lackfarbe an Bussen und Sammeltaxis präsent. © Foto: Plan/Marc Tornow

Es sind eigene Traumwelten, wahre Wunderwerke, die da nicht nur mit Lackfarben und ein wenig künstlerischem Geschick auf Autotüren und Dächern aufgebracht sind. Manch ein Chauffeur hat auch gleich aufwändige Aufbauten aus Holz gezimmert, sodass das ursprüngliche Fabrikat unter dem schrillen Mantel gar nicht mehr zu identifizieren ist. Rollende Unikate also, deren greller Auftritt die Kundschaft locken soll.

Bühnenreifer Auftritt für ein bunt geschmücktes Tap-Tap. © Foto: Plan/Marc Tornow

Bühnenreifer Auftritt für ein bunt geschmücktes Tap-Tap. © Foto: Plan/Marc Tornow

Wer eine Tour vorhat, stoppt einfach ein solches Tap-Tap und springt auf. Doch die meisten Fahrzeuge sind brechend voll. Die Nachfrage ist in der überfüllten Hauptstadt größer als das Angebot. Oftmals springen Leute nur noch mit einem Fuß aufs Trittbrett, halten sich mit einer Hand fest – und kommen so halb stehend ans Ziel. Das macht die waghalsigen Fahrten noch riskanter. Immer wieder verschwinden im dichten Gedränge außerdem Wertsachen, warnen Einheimische.

Ist das Ziel erreicht, bleiben eine Menge Staub und Abgase zurück. © Foto: Plan/Marc Tornow

Ist das Ziel erreicht, bleiben eine Menge Staub und Abgase zurück. © Foto: Plan/Marc Tornow

Zehn bis 50 Haitianische Gourde (0,13 Euro bis 0,65 Euro) kassieren die Türsteher pro Fahrt. Es sind junge Burschen, deren Lohn sich nach den Tageseinnahmen richtet. Für die Gäste variieren die Preise für eine Mitnahmen je nach Strecke. Mitunter kostet eine Überlandfahrt von 15 Kilometern genauso viel wie eine kurze Tour in einen seltener angesteuerten Vorort.
Beim Aussteigen am Ziel grüßt zum Abschied stets auf der Heckklappe ein immer anderer Promi. Manche mit Farbe aufgebrachte cool gemeinte Zigarette verschwimmt dann im pechschwarzen Dieselruß aus dem Auspuff – und zurück in der Realität von Port-au-Prince steht man als Passagier.

Interessant? Weitersagen:



2 Kommentare zu „Im Traum-Wagen durch Haiti“
Suse Hofmann sagt:

Dieser „Traum – Wagen“ ist doch wohl eher ein fahrender Albtraum!
Natürlich sind sie lustig bunt und farbig – aber in die Sicherheit der Fahrgäste, da hat man nicht viel investiert.
Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen sich bei alltäglich Bremsmanövern, dem Auf-oder Abspringen oder kleineren Unfällen bereits ernsthaft verletzt haben! Und danach die medizinische Versorgung in Haiti in Anspruch nehmen mussten …

Janina Schümann Janina Schümann sagt:

Liebe Frau Hoffmann,
unterwegs sein mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist tatsächlich rund um den Globus und in vielen Ländern eine Herausforderung. Oftmals sitzen die Passagiere auf offenen Ladeflächen oder legen Strecken in der Tür hängend zurück – nicht nur in Haiti. Eindrücke wie diese werfen ein Schlaglicht auf die Lebensumstände in den Ländern, in denen wir von Plan International arbeiten. Neben der Sicherheit von Fahrgästen gibt es dort indes viel mehr zu tun: Zum Beispiel die Kinderrechte stärken.
Viele Grüße 🙂

Schreibe einen Kommentar