Angela Rieger geht mit Ordaly und ihrer Familie durch das Dorf.
Angela Rieger geht mit Ordaly und ihrer Familie durch das Dorf. © Privat

Eintauchen in eine andere Welt

Die Anspannung war groß, als Angela Rieger aus Rheinland Pfalz nach fast zehn Jahren Patenschaft und Brieffreundschaft auf ihr zwölfjähriges Patenkind Ordaly trifft. Die von Plan organisierte Patenreise in das abgelegene Andenland im südlichen Peru war beschwerlich, umso größer die Freude, als sich Patin und Patenkind persönlich gegenüberstehen.

Viele Gedanken habe ich mir im Vorfeld meines Besuches in Peru gemacht: 

Wie würde es sein auf ein zwölfjähriges Mädchen zu treffen, das ich bislang nur aus Briefen und von Fotos kannte? Was soll ich schenken? Über was mit ihr sprechen? Wie soll ich mich geben und wie würden wir wieder auseinandergehen? Und dann, im Mai 2018 ist es endlich so weit. Im Geländefahrzeug mit Vierradantrieb, begleitet von zwei Plan Mitarbeitern und einem örtlichen Journalisten, machen wir uns auf den Weg. Vor uns liegt eine vierstündige Fahrt über weitestgehend unbefestigte Straßen in den Süden Perus. Nach einer gefühlten Ewigkeit und nicht enden wollenden Serpentinen erreichen wir schließlich das idyllisch in die Berglandschaft eingebettete Dorf in 3600 m Höhe. Online Kartendienste zeigen hier schon lange keine Straße mehr an.

Ein freudiges Ereignis für das ganze Dorf

Am Ortseingang die Überraschung: Aufgeregte Menschen mit geschmückten Zweigen erwarten uns. Man überreicht mir Blumen, nimmt mich links und rechts an die Hand und wirft mir duftende Rosenblätter zu. Sämtliche Mädchen und Jungen der kleinen Dorfschule scheinen an den Fenstern zu hängen, zu kichern und zu winken. Die beiden Menschen, die mich an die Hand genommen haben, sind die Eltern meines Patenkindes. Sie führen mich zunächst in den Schulhof, wo mich die Schulleiterin begrüßt. Alle Kinder tragen Schuluniformen und sitzen in U-Form angeordnet im Klassenzimmer. Sie schauen mich erwartungsvoll an und ich blicke mich suchend um, bis ich das Mädchen erblicke, welches ich von den Fotos kenne. Ordaly, mein Patenkind.

Gemeinsam den Herausforderungen stellen

Es ist kein Zufall, dass die gesamte Gemeinde meine Ankunft in dem kleinen Dorf zelebriert. Die Arbeit von Plan International erreicht über 25.000 Patenkinder und ihr Umfeld in Peru. Die allgemeine gesundheitliche Situation von Kindern und deren Schulbildung ist eine besonders große Herausforderung in abgelegenen Orten wie dem Dorf von Ordaly. Hier leidet fast jedes zweite Kind an Blutarmut. Die chronische Mangelernährung, der eingeschränkte Zugang zu Wasser und die unzureichende sanitäre Versorgung stehen der optimalen Entwicklung dieser Kinder im Weg. Also Kinderhilfsorganisation macht sich Plan International für eben diese Kinder stark. Es fördert Schulungen für Eltern und Betreuende, um sie über   Ernährung, Hygiene und Gesundheit zu informieren. Darüber hinaus wird auch mit Behörden zusammengearbeitet, damit sie sich für Ernährungssicherung, frühkindliche Entwicklung sowie den grundlegenden Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen einsetzen.

Bildung ist der Schlüssel

Unzureichende Bildungsangebote und mangelhafte Ausbildung der Lehrkräfte, sowie frühzeitige Schwangerschaft von jungen Mädchen und finanzielle Schwierigkeiten innerhalb der Familie führen dazu, dass die Schulbeteiligung und die Anzahl der Abschlüsse in der Sekundarstufe sehr gering sind. Plan International stößt Bildungsinitiativen mit dem Schwerpunkt auf Gleichberechtigung an. Junge Mädchen werden dabei unterstützt, ihr Recht auf Bildung einzufordern. Alle Projekte beinhalten einen nachhaltigen Ansatz, so werden die betroffenen Bevölkerungsgruppen aktiv in die Entwicklung der Gemeinde eingebunden und gleichzeitig deren Kompetenzen gestärkt.

"Gibt es Löwen und Elefanten in Deutschland?"

Die Mädchen und Jungen werden aufgefordert, mir Fragen zu stellen. Wie meine Familie aussieht und wie alt ich bin. „Ratet doch mal“, antwortete ich auf Spanisch und alle lachen. Die Schätzungen reichen von 38 bis 60, das Eis ist gebrochen. Wir sprechen über die Berge und das Meer in Deutschland, über die Bundesländer und über die Tiere des Waldes. „Gibt es Löwen und Elefanten in Deutschland? Nein“.„ Leoparden und Giraffen? Nein.“ „In Deutschland gibt es keine Tiere“, fasst die Lehrerin scherzend zusammen. 

Die Kinder freuen sich über die mitgebrachten Süßigkeiten, dann gehen mein Patenkind und ich quer durchs Dorf zu ihrem Elternhaus. Bevor wir den geschmückten Eingang des Lehmhauses betreten, müssen wir über einen Bach steigen und eine hohe Lehmstufe überwinden. Im Gemeinschaftsraum des Hauses steht ein geschmückter Tisch mit Blumen, gewebten Decken und einem Mix aus unterschiedlichen Stühlen. Gewebte Tücher hängen an den Lehmwänden, eine Energiesparbirne an der Decke, der Boden besteht aus gestampftem Lehm. 

Bewegter Kulturaustausch

Jetzt habe ich Gelegenheit, meine Geschenke zu überreichen. Für alle gibt es eine Kleinigkeit. Am Vorabend habe ich noch Obst und Schokolade für die Familie besorgt; die Mutter bekommt ein Näh-Set; für die Brüder gibt es kleine Spielsachen; mein Patenkind bekommt einen Rucksack mit nützlichen und schönen Dingen und eine warme Jacke. Alle strahlen. Dann wird meine Befürchtung wahr: Ordaly kennt das mitgebrachte Spiel Gummi-Twist nicht. Ich muss es vorführen. Wir gehen in den angrenzenden Hof, suchen eine einigermaßen ebene Fläche und ich gebe mein Bestes, um trotz der dünnen Luft beim Springen eine einigermaßen gute Figur abzugeben. Sie macht es nach und lacht. Ich schnappe nach Luft.

Peruanische Gastfreundschaft

Zurück im Haus werden gekochte Kartoffeln und weißer Käse gereicht, dicke gegarte Maiskolben und Muña-Tee. Auch die Hühnersuppe probiere ich. Ordylas Familie bewohnt ein zweigeschossiges Haus mit Holzbalkendecke und einem Ziegeldach. Der Schlafbereich mit dem einzigen Glasfenster des Hauses ist im Obergeschoss, die Küche in einem Nebengebäude im Hof. Zugang zu fließendem Wasser ist im Hof. Eine Möglichkeit, im Winter das Haus zu heizen, gibt es nicht, es wird sich dann einfach warm angezogen.

Abschiedsschmerz

Noch ein paar Familienfotos auf der Dorfwiese, dann müssen wir auch schon wieder aufbrechen, schließlich liegen vier Stunden Fahrt vor uns. Ich werde umarmt und gefragt, wann ich wiederkomme. Ich weiche aus. „Wir bleiben in Kontakt, ich schicke dir Fotos, schreib mir bald! Und streng dich in der Schule an, das ist wichtig.“ Sie verspricht es. Beide haben wir einen Kloß im Hals. Ich steige in den Wagen und wir rollen langsam und winkend aus dem Dorf. Mein Blick schweift in die Ferne und meine Gedanken zurück zu dem abgelegenen Andendorf, wo ich gerade einen kurzen Einblick in das Leben meines Patenkindes haben durfte. 

Ich habe noch nie im Nachhinein so intensiv an Erlebtes zurückgedacht wie nach dieser Patenreise, die mir Einblicke in Lebenswelten ermöglichte, die ich sonst als Tourist nicht zu sehen bekommen hätte. Wie wertvoll und wichtig die Arbeit ist, die die Mitarbeiter von Plan International mit viel Herzblut vor Ort leisten, ist kaum zu beschreiben. Muss ich ja aber auch nicht, denn als Pate gibt es die Möglichkeit es selber zu erleben.

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