Um auf die Situation von Kindern und Jugendlichen, die mit Behinderungen leben aufmerksam zu machen nahm An (18) im Juni 2020 an einem von Plan International organisierten Onlineforum teil. © Plan International/ Keira Dempsey.
Um auf die Situation von Kindern und Jugendlichen, die mit Behinderungen leben aufmerksam zu machen nahm An (18) im Juni 2020 an einem von Plan International organisierten Onlineforum teil. © Plan International
15.12.2020 - von Verena Gresz

Was das Home-Schooling für Gehörlose bedeutet

Um die Schulbildung in Indonesien trotz der anhaltenden Covid-19 Einschränkungen sicherstellen zu können, hat die Regierung ein Home-Schooling Programm ins Leben gerufen, das bis Ende 2020 allen indonesischen Schulkindern das Lernen von zu Hause ermöglichen soll. Doch nicht alle können das digitale Angebot problemlos nutzen. Kinder und Jugendliche, die mit einer Behinderung leben, sehen sich mit besonderen Hürden konfrontiert, um ihre Bildung in Zeiten von Corona bedingten Schulschließungen fortzusetzen.

Die 18-jährige An und ihre 17-jährige Freundin Novel leben mit einem Gehörfehler. Im Präsenzunterricht ist es für die zwei Mädchen längst normal und ein Leichtes, sich mit ihren Mitschüler:innen und den Lehrenden zu verständigen. Doch seit in East Nusa Tenggara, einem Distrikt von Kupang, die Schulen aufgrund der Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von Covid-19 schließen mussten, stehen sie vor neuen Herausforderungen.

„Ich habe oft Probleme, wenn ich versuche, meine Hausaufgaben allein zu erledigen. In meiner Klasse sind wir insgesamt zehn Schüler:innen, die alle mit verschiedenen Behinderungen leben. Manche können nicht sehen, andere sich nicht gut allein bewegen und wieder andere haben kognitive Einschränkungen. Ich bin eben taub. Aber unsere Lehrer:innen wissen, wie sie mit uns kommunizieren können. Manchmal beherrschen sie aber keine Gebärdensprache – dann ist es sehr schwierig, die Aufgaben zu verstehen, wenn wir uns nur am Bildschirm sehen können.“ erzählt An.

Auch ihre Freizeitaktivitäten mussten die Mädchen stark einschränken. Ans Freundin Novel steckte eigentlich gerade mitten in den Vorbereitungen auf die nationalen Paralympics (Peparnas) als die Nachricht kam, dass die National Paralympic Week in Indonesien dieses Jahr abgesagt werden würde.

„Ehrlich gesagt ist mir gerade einfach nur langweilig. Ich kann nicht zur Schule gehen oder meine Freund:innen treffen, es gibt kein Training mehr und ansonsten ist eben auch nicht viel los. Mir ist aber auch bewusst, dass mich der fehlende Präsenzunterricht in meiner Bildung zurückwirft und das macht mir wirklich große Sorgen,“ sagt Novel.

Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, haben An und Novel im Juni 2020 an einem von Plan International organisierten Onlineforum teilgenommen. Im Austausch mit Vertreter:innen des Ministeriums für Bildung und Kultur und der indonesischen Kinderschutzkommission trugen die zwei Mädchen sowohl ihre Sorgen als auch Lösungsvorschläge für einen besseren Schutz von Menschen mit Behinderungen während der Corona-Krise in Indonesien vor.

„Kinder und Jugendliche, die mit einer Behinderung leben haben oft Probleme, mit nicht körperlich oder geistig eingeschränkten Menschen zu kommunizieren. Die Angst vor Ausgrenzung als auch fehlende Mittel für speziell ausgebildete Lehrkräfte hält viele von einem regelmäßigen Schulbesuch ab. 70 Prozent aller indonesischer Kinder und Jugendlichen, die mit Behinderungen leben, bleibt daher ihr Recht auf Bildung versagt. Sie sehen sich ihr Leben lang einer nicht inklusiv gestalteten Gesellschaft gegenüber und haben ein deutlich höheres Risiko, Betroffene von Gewaltverbrechen – inklusive sexuellem Missbrauch – zu werden.“ Mit diesen Worten wendete sich Novel im Sommer an die Vorstandsabgeordnete der indonesischen Kinderschutzkommission, Rita Pranawati.

An den indonesischen Bildungsminister, Nadiem Makarim gewandt fügte Novel hinzu: „Wir hoffen, dass die zuständigen Ministerien unsere Vorschläge in Taten umsetzen und beispielweise mehr Weiterbildungen für Lehrkräfte für das Erlernen der Gebärdensprache ermöglichen, damit auch wir Kinder und Jugendlichen, die mit Behinderungen leben, unser Recht auf Bildung wahrnehmen und Teil der indonesischen Gesellschaft werden können.“

Plan International Indonesien hat sich in der Ausarbeitung und Umsetzung der Corona-Nothilfe besonders dem Schutz von Kinderrechten, Gleichberechtigung und der Hilfe für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen verschrieben. In entlegenen Regionen, die keine gute Infrastruktur aufweisen, arbeitet Plan International intensiv mit lokalen Partnern zusammen. Durch gemeindebasierte Mechanismen werden Strukturen geschaffen, in denen Kinder und Jugendliche Möglichkeiten zur politischen Partizipation haben. In einem kinderfreundlichen Umfeld lernen sie ihre Rechte kennen, wo sie Verstöße melden und Ansprüche einfordern können – so wie An und Novel ihr Recht auf Bildung einfordern.


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