Kandiatu Fofanah wurde von ihrer Enkelin inspiriert, sich gegen weibliche Genitalverstümmelung einzusetzen. ©Plan International / Quinn Neely
Kandiatu Fofanah wurde von ihrer Enkelin inspiriert, sich gegen weibliche Genitalverstümmelung einzusetzen. ©Plan International / Quinn Neely
06.02.2021 - von Sarah Koch

Von der Beschneiderin zur Aktivistin

In Sierra Leone ist die Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung noch weit verbreitet. Der Tradition der Bondo-Gemeinschaft zufolge ist man erst dann eine „vollständige“ Frau, wenn man beschnitten wurde. Aber die Prozedur ist sehr gefährlich für die Mädchen und kann langwierige, schmerzhafte Folgen haben. Kandiatu Fofanah und ihre 15-jährige Enkelin Isatu* sind fest entschlossen, dieser Praktik ein Ende zu setzen. Beide sind Soweis, beide wurden beschnitten, und beide haben früher selbst die Beschneidung durchgeführt.

Isatu hat ihre Eltern in der Ebola-Epidemie von 2014-2016 verloren und war gezwungen, gegen ihren Willen Sowei zu werden, um ihre Familie zu ernähren. Sowei ist die Bezeichnung für Frauen, die bei anderen Mädchen die Beschneidung durchführen. Allgemein wird die Praktik „Female Genital Mutilation“ (übersetzt: Weibliche Genitalverstümmelung) oder kurz FGM genannt. Frauen, die diese Praktik durchführen, genießen als Entscheidungsträgerinnen großen Respekt und hohes Ansehen in der traditionellen Bondo-Gemeinschaft. Denn die Beschneidung symbolisiert in vielen Gemeinden und kulturellen Zusammenhängen den Eintritt der Mädchen in das Erwachsenenalter, Heiratsfähigkeit und Reinheit.


Junge Frauen setzen sich dafür ein, dass die gefährliche Praktik abgeschafft wird. ©Plan International / Quinn Neely
Junge Frauen setzen sich dafür ein, dass die gefährliche Praktik abgeschafft wird. ©Plan International / Quinn Neely

Als Isatu von einem FGM-Aufklärungs-Workshop erfuhr, beschloss sie, daran teilzunehmen. Diese Entscheidung hat nicht nur ihr eigenes Leben verändert, sondern auch das ihrer Großmutter. Im Workshop erfuhr sie, dass viele Gründe für die Beschneidung meist Vorwände sind, um die Körper und die Sexualität von Mädchen und Frauen einzuschränken. Ihr wurde dort auch erklärt, dass eine Beschneidung nichts über die Reinheit, Heiratsfähigkeit oder „Vollständigkeit“ eines Mädchens aussagt, und wie gefährlich der Eingriff und wie schwerwiegend die Langzeitfolgen sind.

Danach hat Isatu der FGM-Praktik abgeschworen und hat auch ihre Großmutter überzeugt, das Gleiche zu tun. Sie sind nun beide an vorderster Front von Sierra Leones Kampf gegen FGM und setzen sich in ihrer Gemeinde vehement dafür ein, dass das Beschneidungsritual abgeschafft wird.

Eine ehemalige Sowei berichtet

FGM ist in Sierra Leone eine weit verbreitete Praxis, die sehr gefährlich für Mädchen ist. ©Plan International / Quinn Neely
FGM ist in Sierra Leone eine weit verbreitete Praxis, die sehr gefährlich für Mädchen ist. ©Plan International / Quinn Neely

Kandiatu Fofanah erzählt, wie sie selbst zur Sowei wurde und wie die Dinge sich zum Besseren wenden – durch die Arbeit von Aktivistinnen wie ihre Enkelin Isatu: „Ich erinnere mich nicht mehr, wie alt ich war, als ich beschnitten und so in die Bondo-Gemeinschaft aufgenommen wurde, aber ich war sehr jung. Davor wusste ich nicht wirklich, was das bedeutet. Ich musste eine Sowei werden. Sie haben mir keine Wahl gelassen. Ich bin sehr froh, dass ich jetzt nicht mehr praktiziere. Ich bin sehr stolz auf Isatu. Sie ist diejenige, die mich davon abgehalten hat, weiter Mädchen zu beschneiden.

Ich weiß nicht genau, wie viele Mädchen ich in meinen Jahren als Sowei beschnitten habe, aber es waren viele. Während ich praktiziert habe, gab es viele Fälle mit Komplikationen. Mädchen, die stark bluteten, und auch einige, die daran starben. Seitdem ich aufgehört habe und dieses Leid nicht mehr verursache, kann ich nachts besser schlafen.

Es ist jedoch nicht einfach, anderen Menschen verständlich zu machen, warum wir dieser Praktik ein Ende setzen müssen. Als die Kampagne anfing, wollten die Leute nicht zuhören. Sie haben sich gewehrt und meinten, dass der Brauch um jeden Preis geschützt werden müsse. Erst seit kurzem fangen die Menschen an, auf uns zu hören und es ist sehr ermutigend, dass die Dinge sich nun ändern!

Durch Gespräche und Aufklärung versuchen Aktivist:innen, die Einstellungen der Menschen zu verändern und so Mädchen zu schützen. ©Plan International / Quinn Neely
Durch Gespräche und Aufklärung versuchen Aktivist:innen, die Einstellungen der Menschen zu verändern und so Mädchen zu schützen. ©Plan International / Quinn Neely

Keine meiner Enkelinnen wurde beschnitten, seitdem Isatu den Workshop besucht hat, und ich werde es auch in Zukunft nicht zulassen. Wenn es um die Abschaffung von FGM geht, höre ich nicht bei meiner Familie auf, sondern versuche auch, andere aufzuklären, wie gefährlich das Ganze ist. Ich weiß von neun Mädchen, deren Beschneidung ich verhindert habe.

Wenn ich mich jetzt mit anderen Soweis treffe, fühlt es sich toll an, andere Frauen zu bestärken und Mädchen zu beschützen. Inzwischen gibt es hier so viele Gruppen, die dafür kämpfen, dass FGM nicht mehr praktiziert wird. Das haben wir alles Isatu zu verdanken.“

Der Kampf gegen FGM in Sierra Leone

In den späten 90er Jahren hat Plan International angefangen, in Sierra Leone über Weibliche Genitalverstümmelung zu sprechen und über die Folgen der Prozedur aufzuklären. Durch das Projekt „Breaking the Silence“ (übersetzt: Das Schweigen brechen) wurden viele Soweis in Port Loko und Bombali - die Gegenden, in denen die FGM-Raten am höchsten sind - überzeugt, ihre Ämter abzulegen.

Die Arbeit von Plan International hat auch Gespräche mit Religionsführern, Gemeindevorstehern, Soweis und Mitgliedern der Bondo-Gemeinschaft ermöglicht. In diesen Gesprächen wird das Bewusstsein für die teilweise lebenslangen, schmerzhaften Folgen, die FGM anrichtet, geschärft, um diese Personen zu Verbündeten im Einsatz gegen FGM zu gewinnen.

Der Aktivismus von jungen Frauen hat für Veränderungen gesorgt. ©Plan International / Quinn Neely
Der Aktivismus von jungen Frauen hat für Veränderungen gesorgt. ©Plan International / Quinn Neely

Im Rahmen des Projektes werden auch Polizeibeamt:innen und Gemeindemitglieder geschult, damit sie Mädchen vor einer Beschneidung schützen können. Außerdem wurden hunderte von Mädchen und ihre Eltern über die Gefahren von FGM aufgeklärt, was dazu führte, dass sich viele Mädchen der Praktik widersetzten.

Wenngleich es in Sierra Leone noch kein Gesetz gibt, das FGM auf nationaler Ebene verbietet, hat Plan International Gemeinden in einigen Distrikten dabei unterstützt, den Schutz vor Beschneidung zumindest in die offizielle Gemeindeordnung zu übernehmen.

*Der Name wurde geändert, um die Identität der Person zu schützen.


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