Plan International leistet humanitäre Hilfe, zum Beispiel in Form von Essensgutscheinen in Regionen wie Azua in der Dominikanischen Republik. ©Plan International.
Plan International leistet humanitäre Hilfe, zum Beispiel in Form von Essensgutscheinen in Regionen wie Azua in der Dominikanischen Republik. ©Plan International.
19.08.2021 - von Pia Sophie Arndt

Humanitäre Hilfe: Wie Plan Notleidende weltweit unterstützt!

Kommt es in unseren Programmländern zu einer Katastrophe, wie etwa einem schweren Erdbeben, versuchen wir schnellstmöglich mit Soforthilfemaßnahmen vor Ort zu reagieren. Zum heutigen Welttag der humanitären Hilfe haben wir unseren Nothilfe-Experten und Plan-Kollegen Björn gefragt, was man unter Nothilfe genau versteht, wie die Koordinierung abläuft und wie jede:r einzelne selbst in einer Notlage aktiv werden kann.


Was ist unter humanitärer Hilfe zu verstehen?

Unter humanitärer Hilfe verstehen wir generell alle Maßnahmen zum Schutz und zur Versorgung von Menschen in einer humanitären Notlage. Diese Maßnahmen unterliegen den humanitären Prinzipien, welche besagen, dass humanitäre Hilfe basierend auf internationalem Recht überall dort angeboten werden muss, wo auch immer Menschen leiden (Humanität), diese ausschließlich bedarfsorientiert ausgerichtet sein darf (Impartialität) keine bestimmte Seite oder Gruppe in Konflikten unterstützt (Neutralität) und unabhängig von militärischen, politischen oder ökonomischen Objektiven umgesetzt wird (Unabhängigkeit). Daher ist Plan International auch eine politisch-, religiös- und weltanschaulich unabhängige Organisation. Mehr dazu: https://www.plan.de/humanitaere-hilfe-bei-katastrophen.html

Mitarbeiter:innen von Plan  international bereiten Hygienepakete in der Dominikanischen Republik zur Verteilung vor. ©Plan International.
Mitarbeiter:innen von Plan international bereiten Hygienepakete in der Dominikanischen Republik zur Verteilung vor. ©Plan International.

Wie wird eine Notlage erkannt und als solche eingeordnet?

Um eine Notlage zu identifizieren, spielen verschiedene Faktoren eine entscheidende Rolle: Die finanzielle Situation, Wohnsituation, geographische Lage, etwas in einem Überflutungs-, Erdbeben-, Vulkan- oder Konfliktgebiet oder an einem von Transportwegen abgeschnittenen Ort. Auch Unterstützungsnetzwerke, Zugang zu Nahrung, Wasser oder Bildung gehören dazu sowie die Zugehörigkeit zu religiösen, sexuellen oder ethnischen Minderheiten oder die Frage, ob etwa Kinder betroffen sind. Oftmals zeigt sich, dass in den weltweit vorherrschend patriarchalischen Verhältnissen besonders Mädchen und junge Frauen oftmals einen erhöhten Bedarf zeigen. Dies liegt unter anderem an Diskriminierung und Mehrfachbelastung durch unbezahlte Arbeit und Kindererziehung bei gleichzeitig geringeren Investitionen in ihre Bildung.

Wie kann man sich den Ablauf unserer humanitären Hilfe vorstellen, beispielsweise nach einem Tsunami-Unglück?

Unsere lokalen Nothilfe-Teams erstellen innerhalb kurzer Zeit Bedarfsanalysen für die Länderbüros. Diese veröffentlichen anschließend Lageberichte, in denen die Gefahrenstufe, also die Intensität der Krise festgelegt wird. Je nach Level werden dann unterschiedliche Prozesse im Plan-Verbund losgetreten. Dabei gilt, je höher das Level (Red Alert ist unser höchstes Level), desto mehr finanzielle sowie personelle Ressourcen vor Ort werden mobilisiert. Bei größeren Katastrophen kann es auch vorkommen, dass wir Personal aus Deutschland für längere Zeit in die Krisenregion verlegen.

Meistens leisten wir nicht allein Nothilfe, sondern im Verbund mit anderen Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Wie läuft die Zusammenarbeit ab?

Nicht nur mit anderen internationalen und lokalen NGOs, sondern auch mit den Vereinten Nationen, dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR oder UNICEF, arbeiten wir entweder direkt als Projektpartner zusammen und setzen gemeinsam Projekte um oder sprechen uns innerhalb des seit Jahren etablierten internationalen humanitären Systems ab. In diesem Prozess ist auch immer die Koordinierung mit der jeweiligen Regierung bzw. den jeweiligen Autoritäten in den betroffenen Ländern ein wichtiger Bestandteil.

Plan Mitarbeiter:innen bei Hilfslieferungen an betroffene Familien in Bilwi, Nicaragua. ©Rodrigo Morales/Plan International.
Plan Mitarbeiter:innen bei Hilfslieferungen an betroffene Familien in Bilwi, Nicaragua. ©Rodrigo Morales/Plan International.

In welchen Bereichen leisten wir Nothilfe?

Plan International Deutschland unterstützt weltweit hauptsächlich Projekte in den Bereichen Kinderschutz, Bildung, Nahrungsmittel-, Wasser- und Sanitätsversorgung, sowie geschlechtsbasierte Gewalt und reproduktive Gesundheitsrechte von Frauen und Mädchen. Je nach Bedarfslage kann es aber auch vorkommen, dass wir in Bereichen tätig werden, welche außerhalb unserer strategischen Schwerpunkte liegen, zum Beispiel bei der Errichtung von temporären Unterkünften nach einem Erdbeben oder auch der Verteilung von Hygieneartikeln oder medizinischem Equipment wie etwa in der Corona-Nothilfe.

Worauf legt Plan einen Fokus innerhalb der Nothilfe?

Jugend- und Kinderbeteiligung sowie Geschlechtergerechtigkeit hat in allen unseren Projekten oberste Priorität. International sind wir am bekanntesten für unsere Arbeit in den Bereichen Kinderschutz und Bildung und legen viel Wert auf gender-transformative und gemeindebasierte Ansätze mit engem Einbezug der betroffenen Bevölkerung.

Heute ist Welttag der humanitären Hilfe. Er ist den vielen Helfer:innen gewidmet, die sich mit großem Engagement und oft unter schwierigen Bedingungen in zahlreichen Ländern für Menschen in Not einsetzen. Du warst selbst schon häufig im Einsatz als humanitärer Helfer für Plan. Was ist die größte Herausforderung dabei?

In einigen Gebieten werden humanitäre Helfer:innen nicht als neutral angesehen und so besteht in manchen Regionen die Gefahr, missverstanden zu werden. Im schlimmsten Fall kann es auch zu Kidnapping oder gezielten Attacken kommen. Dies passiert zwar vergleichsweise selten, doch die Zahl tödlicher Angriffe steigt seit Jahren. Es ist also wichtig, sich immer gut über die Lage vor Ort zu informieren. Hierfür bekommen wir auch Sicherheitseinweisungen von den Expert:innen unserer Länderbüros vor Ort. Statistisch gesehen geht die höchste Gefahr aber immer noch von Verkehrsunfällen aus, da die Infrastruktur sowie Sicherheitsstandards in den Programmländern mit den hiesigen oft nicht vergleichbar sind.
 

Welche Unterschiede gibt es sonst noch?

Eine weitere Herausforderung ist, in oftmals streng religiösen Gebieten unabhängig zu bleiben, also sich etwa nicht an religiösen Zeremonien zu beteiligen. Dazu gehört für mich auch, sich klar gegen frauenverachtende Ideologien und patriarchische Strukturen zu positionieren, ohne dabei das Vertrauen der Bevölkerung zu verlieren. Darüber hinaus gibt es auch verschiedenste bürokratische Hindernisse, welche den humanitären Zugang einschränken.

Die Corona-Pandemie ist ein Sonderfall für unsere Nothilfe. Zum ersten Mal gab es eine weltweite Katastrophenlage, alle Länder waren im Ausnahmezustand. Was konnten wir daraus für künftige Krisen lernen?

Plan International hat von Beginn an von den Erfahrungen vergangener Gesundheitskrisen profitiert, wie zum Beispiel der Ebola-Krise. Dazu gehört etwa das Wissen, dass es nicht das Virus selbst ist, dass den größten Schaden anrichtet, sondern die sekundären Auswirkungen, ausgelöst durch Lockdowns und Rezession: also steigende Lebensmittelpreise, sinkende Einkommen, Rückgang der Geldüberweisungen, häusliche Gewalt, Schulschließungen, mehr ungewollte Schwangerschaften und Frühverheiratungen. Sie alle treffen die ärmsten Menschen in den ärmsten Ländern am härtesten - insbesondere Kinder, Mädchen und Frauen. Um gemeinschaftlich auf die Notlage zu reagieren, hat Plan International einen globalen Nothilfe-Mechanismus zur Unterstützung unserer Länderbüros im Kampf gegen die negativen Sekundarfolgen des Virus aufgesetzt und so bis heute Millionen von Menschen mit Hilfsmaßnahmen erreichen können. Hier geht’s zu unserer Corona-Nothilfe:https://www.plan.de/spenden/spenden-fuer-corona-hilfe.html

Nach Björn Klüver muss zukünftig mehr in humanitäre Hilfe investiert werden, um den Anforderungen der Zukunft gerecht werden zu können. ©Björn Klüver/Plan International.
Nach Björn Klüver muss zukünftig mehr in humanitäre Hilfe investiert werden, um den Anforderungen der Zukunft gerecht werden zu können. ©Björn Klüver/Plan International.

Der Klimawandel wird einen großen Einfluss auf Naturkatastrophen, die Zahl der Flüchtenden haben und damit auf Unruhen und Krisen in den betroffenen Regionen. Wird es in Zukunft einen höheren Bedarf an humanitärer Hilfe geben und sind wir dafür gut genug aufgestellt?

Bereits heute verlassen Millionen von Menschen aufgrund von Dauerregen, langanhaltenden Dürren und Hitzewellen oder Wirbelstürmen jedes Jahr ihre Heimat. Und auch die meisten aktuellen Konflikte lassen sich auf Ressourcenmangel, insbesondere Wasserknappheit, zurückführen. Die Auswirkungen des Klimawandels sind daher der wichtigste Faktor, welcher die Intensität und Frequenz zukünftiger Katastrophen beeinflussen wird. Der Bedarf an humanitärer Hilfe nimmt jedes Jahr zu, während die Mittel der Geber abnehmen. Allein in diesem Jahr werden 35 Milliarden Dollar benötigt. Das sind gut sechs Milliarden Dollar mehr als noch im Jahr zuvor.  Es muss zukünftig mehr in humanitäre Hilfe investiert werden, um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden.

Wenn es deine Entscheidung wäre, was würdest du an humanitärer Hilfe anders machen?

Das jetzige internationale humanitäre System funktioniert zwar, ist aber nicht mehr zeitgemäß, denn es ist reaktiv, teuer, mediengesteuert und Entscheidungen werden ‚top-down‘ getroffen. Ginge es nach mir, würden wir viel mehr in vorausschauende humanitäre Hilfe investieren, denn der Großteil der Katastrophen – insbesondere in der Region Asien, wo ich arbeite – können mit immer besserer Wahrscheinlichkeit Vorhersagen getroffen werden. Maßnahmen sollten also vermehrt in der Zeit zwischen der ersten Warnung und dem vorhergesagten Zeitpunkt des Risikos (Sturm, Dürre, Flut etc.) getroffen werden, denn so können mehr Leben gerettet und Mittel effizienter und direkter eingesetzt werden. Außerdem müssen wir in Zeiten der engen Zusammenarbeit mit der Entwicklungshilfe und Friedensförderung konsequenter darauf achten, dass die humanitären Prinzipien nicht durch eine wahrgenommene Nähe zu politischen, militärischen oder ökonomischen Motiven aufgeweicht werden.

Björn Klüver bei einem von Plan international organisierten Hilfsprojekt. ©Björn Klüver/Plan International.
Björn Klüver bei einem von Plan international organisierten Hilfsprojekt. ©Björn Klüver/Plan International.

Viele Menschen fragen uns, wie sie uns in der Nothilfe unterstützen können – was ist die beste Möglichkeit?

Die effizienteste und direkteste Art zu unterstützen sind Geldspenden. Solange der Markt funktioniert, sind Bargeldtransfers hilfreichste und würdevollste Art von Hilfe. Sachspenden dagegen führen zu einem hohen Koordinierungsaufwand und können die Verteilungskapazitäten beispielsweise von Flughäfen für wichtige Hilfsgüter blockieren. Es zählt auch die eigene politische Beteiligung, also Parteien zu wählen, welche internationale humanitäre Hilfe in ihren Programmen positiv auf der Agenda haben. Mehr dazu erfahrt ihr hier: https://www.bundestagswahl-2021.de/parteien/

©Björn Klüver/Plan International.
©Björn Klüver/Plan International.

Björn Klüver arbeitet seit über fünf Jahren bei Plan International Deutschland als Referent für Nothilfe in Asien. Normalerweise verbringt er rund die Hälfte seiner Arbeitszeit vor Ort in den Projektländern, um die Projektarbeit zu unterstützen und zu überprüfen, ob Qualitäts- und Minimumstandards eingehalten werden - zum Beispiel die internationalen Kinderschutzstandards für Krisensituationen (CPMS) oder die humanitären Minimumstandards (SPHERE). Seit der Corona-Pandemie arbeitet er von Deutschland aus.


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