Anthony möchte verhindern, dass Mädchen in seiner Gemeinde das Gleiche passiert, wie seiner Mutter. © Plan International / Quinn Neely
Anthony möchte verhindern, dass Mädchen in seiner Gemeinde das Gleiche passiert, wie seiner Mutter. © Plan International / Quinn Neely
13.03.2020 - von Lara Betz

Einsatz für die Rechte von Mädchen

Der heute 24-jährige Anthony wurde als zwei Monate altes Baby auf einer Straße in Sierra Leone zurückgelassen. Als Mitglied der „Girls Advocacy Alliance“ (GAA), einem Projekt von Plan International, setzt sich Anthony nun dafür ein, seine Gemeinde zu einem sicheren Ort für Mädchen zu machen.

„Ich wurde in einem Korb auf der Straße gefunden, als ich erst zwei Monate alt war. Darin lagen nur noch ein Namensschild und ein Brief von meiner Mutter. Ich weiß nicht, ob sie ihn selbst geschrieben hat, aber alles, was ich über sie weiß, stand darin: Sie deutete an, dass sie aufgrund einer Vergewaltigung mit mir schwanger wurde, doch mit Sicherheit weiß ich das nicht. Als ich auf die Welt kam, war sie erst 16 Jahre alt und sie konnte sich nicht um mich kümmern. 

Als ich ein Kind war, fragte ich mich immer, wie es meiner Mutter wohl ergangen ist. Geht es ihr gut? Wurde sie wirklich vergewaltigt? Und wenn ja, hat sie dieses traumatische Ereignis verarbeiten können? Ich dachte auch viel über meine Gemeinde nach und darüber, ob das Gleiche, was meiner Mutter damals vielleicht passiert ist, immer noch geschah.“


Sierra Leone hat eine der höchsten Raten von Teenager-Schwangerschaften in der Welt: Fast 40 Prozent der Mädchen bekommen ihr erstes Kind bereits vor ihrem achtzehnten Geburtstag. Die hohe Zahl ist auch durch sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt begründet. Die meisten dieser Fälle werden nicht gemeldet, doch seit 2015 steigt die Zahl der zur Anzeige gebrachten Übergriffe. 2017 gingen rund 12.000 Fälle bei der Polizei ein. In fast 70 Prozent davon waren die betroffenen Kinder unter 15 Jahre alt - eine so alarmierende Zahl, dass der Präsident von Sierra Leone Anfang letzten Jahres den nationalen Notstand wegen Vergewaltigung ausrief. 

Traditionelle Rollenbilder aufbrechen

Anthony ist entschlossen, weiterer solcher Fälle in seiner Gemeinde zu verhindern. Dazu schloss er sich vor vier Jahren der „Girls Advocacy Alliance“ (GAA) an. Als Teil der Gruppe hilft er den Mädchen nicht nur, dass ihre Meinung zu Themen, die ihnen wichtig sind, gehört werden, sondern setzt sich auch gegen die schädlichen und diskriminierenden Einstellungen von Männern ein, die dazu führen, sexuelle Gewalt als einen akzeptablen Teil ihres täglichen Lebens wahrzunehmen. 

„Ich komme aus einem schwierigen Teil der Stadt. Es gibt viele Ghettos, in denen Jungen und Männer Drogen nehmen. In dem Industriegebiet verdienen sie viel Geld, mit dem sie Mädchen dazu zwingen, mit ihnen Sex zu haben.  

Seit einer langen Zeit wollte ich etwas gegen diese Probleme unternehmen. Ich wollte verhindern, dass mehr Menschen wie meine Mutter und ich enden. Als ich von der „Girls Advocacy Alliance“ hörte, wusste ich, dass dies meine Gelegenheit wäre. Ich möchte Jungen und Männern zeigen, dass Mädchen und Frauen mehr sind als nur ihre Ehefrauen und die Mütter ihrer Kinder. Und sie sind keine Objekte, die sie einfach nur ausnutzen und ihnen Gewalt antun können, wenn sie nicht freiwillig machen, was die Jungen und Männer wollen. Das zu verstehen, diese traditionellen Rollenbilder aufzubrechen, ist der erste Schritt zur Besserung der Situation.

Meine „Girls Advocacy Alliance“-Gruppe hat momentan 25 Mitglieder, davon 20 Mädchen und fünf Jungen. Jeden zweiten Samstag gehen wir in der Gemeinde herum, um uns für die Rechte von Mädchen einzusetzen. Wenn ein Mädchen vergewaltigt oder belästigt worden ist, sprechen die Familien – wenn überhaupt - nur zu Hause darüber und zeigen den Täter nicht an. Wir gehen von Haus zu Haus und sprechen mit den Menschen, um sie zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, was sie machen können, wenn etwas passiert. Wir ermutigen sie auch, die Täter anzuzeigen. 

Zwangsheiraten Stoppen

Unsere GAA-Gruppe ist wie eine Familie. Wir können über alles sprechen – und stärken uns gegenseitig. Zwei der Mädchen in unserer Gruppe sollten von ihren Eltern verheiratet werden. Die Eltern versuchten, die Mädchen zur Heirat zu zwingen, also setzte sich die ganze Gruppe dagegen ein und konnte die Hochzeiten stoppen.  

Wir arbeiten sogar mit der Polizei zusammen: Wenn wir eine Teenagerschwangerschaft bemerken oder mitbekommen, dass ein Mädchen gegen ihren Willen verheiratet werden soll, sagen wir der Polizei Bescheid. Wenn sie etwas in unserer Gemeinde bemerken, rufen sie uns an. 

Bei meiner Arbeit für die GAA mache ich mir allerdings nicht nur Freunde. Die Jungen in meinem Alter denken, dass Mädchen schwach und weniger wert seien, als sie. Ich versuche, sie zu überzeugen, dass das nicht stimmt und Mädchen gleichberechtigte Partnerinnen sind. Ich wurde für meinen Einsatz für die Rechte von Mädchen auch schon geschlagen, aber ich werde nicht aufhören, weil ich eine Veränderung bewirken möchte.“ 


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