In der Haupt- und Hafenstadt Dili geht es beschaulich zu. © Foto: Plan/Marc Tornow
30.08.2019 - von Marc Tornow

Die Träumer von Timor-Leste

Vor 20 Jahren votierte eine überwältigende Mehrheit der Menschen in Timor-Leste für die Unabhängigkeit von Indonesien. Nach turbulenten Jahren und einem blutigen Kampf um Autonomie geht es in der Hauptstadt Dili wieder beschaulich zu.


Von der schmerzhaften Abnabelung von vor 20 Jahren ist heute wenig zu spüren. Indonesien tritt viel mehr als gewichtiger Geschäftspartner in Erscheinung und liefert dem Nachbarn alles – gegen Bezahlung, versteht sich. Timor-Leste setzt große Hoffnungen auf einen ungehobenen Schatz vor seiner Küste: gewaltige Gas- und Ölvorkommen. Der südostasiatische Staat will die Ressourcen selbst ausbeuten. Noch ist es nicht so weit, noch mangelt es an geeigneten Industrieanlagen für einen Zugang zum Weltmarkt.

Das spiegelt sich auch in den Straßen der Hauptstadt wider, etwa 230.000 Einwohner zählt sie. Dili wirkt wie ein großes Dorf, in dem die Globalisierung einzig in Form von drei US-amerikanischen Hamburger-Restaurants angekommen zu sein scheint. Die Schnellrestaurants sind meist menschenleer und nur die junge Elite der Stadt hat sie als coolen In-Treffpunkt für sich entdeckt. In den eisig kalt belüfteten Räumen laufen zu den Geschäftszeiten aktuelle Pop-Charts aus Nordamerika und es gibt gratis WLAN. So verbringen sie hier ihre Freizeit – mit dem Smartphone und den Träumen von einer modernen Außenwelt.

Nur die rivalisierenden Gangs in den Vororten Dilis, die sich über den unkontrollierten Zuzug aus anderen Landesteilen rekrutieren, stellen die Einwohner der Hafenstadt vor Herausforderungen. Nach Einbruch der Dunkelheit benutzen viele lieber ein Taxi oder bleiben ganz zu Hause. Etwa 38 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze und von weniger als 1,25 US-Dollar pro Person und Tag.

Der Tourismus, der bei all der exotischen Naturschönheiten viele Potenziale hätte, wird von der schlechten Erreichbarkeit des Landes gebremst. Eine internationale Fährverbindung gibt es nicht und die Flüge nach Dili sind teuer. Laut bunter Werbetafeln können Kunden mit der heimischen Air Timor zu zwei oder drei Destinationen fliegen, je nach Jahreszeit. Tatsächlich verkauft die virtuelle Staatsfluglinie jedoch Plätze auf den Fliegern ausländischer Fluggesellschaften.

Einmal täglich geht es ins australische Darwin, zweimal täglich heben fast leer die Jets nach Denpasar im indonesischen Bali ab, zweimal die Woche gibt es eine Verbindung nach Kupang im indonesischen Westteil Timors. Die Tickets kosten je Richtung 200 bis 300 Euro – und damit etwa fünf hiesige durchschnittliche Monatslöhne. Wahrlich kein Pappenstiel und unerschwinglich für die meisten Menschen in Timor-Leste, die nach der gewonnenen Freiheit nun von der wirtschaftlichen Entwicklung träumen.


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