Die Straßen und Häuser sind oft überflutet.©Plan
Die Straßen und Häuser sind oft überflutet.©Plan
12.01.2016 - von Janina Schümann

Die dunkle Seite Dhakas

Die Elendsviertel in der Hauptstadt Bangladeschs, Dhaka, sind die Heimat von Millionen von Menschen, die weder Zugang zu Trinkwasser, sanitären Anlagen noch zur medizinischen Versorgung oder Schulbildung haben. Die meisten besitzen nicht einmal Geburtsurkunden - offiziell existieren sie also gar nicht. Dies macht es den Machthabern einfach, sie nicht zu beachten. Kinder und Jugendliche wollen die Lebensbedingungen in den Slums verbessern. Millionen Kinder werden in städtischen Slums geboren und wachsen dort auf, ohne ihre Grundrechte wahrnehmen zu können.


Die Menschen kamen das erste Mal vor ungefähr 20 Jahren in das südlich gelegene Elendsviertel Shyampur, auch genannt der „Dunkle Ort“. Sie zogen nach Shyampur, weil es dort in einer großen Fabrik Arbeit gab. Die Fabrik war verantwortlich für die Abfallwirtschaft, Abwasserkanäle und vieles mehr und bot auch eine primitive Unterkunft für ihre Beschäftigten. Die Angestellten konnten sich durch die Arbeit sauberes Wasser leisten und ihre Kinder zur Schule schicken.

Vor 13 Jahren, als die Fabrik geschlossen wurde, änderte sich alles. Die Mehrheit der Einwohner verlor ihren Job und somit ihr Einkommen. In der Zwischenzeit expandierte die Hauptstadt bis in den Süden und auch Shyampur wurde ein Teil von Dhaka. Doch weder die Behörden noch die ländlichen Gemeinden übernahmen die Verantwortung für die grundlegenden Dienstleistungen des Gebietes, das heute die Heimat von mehr als 150.000 Menschen ist.

„Wir existieren nicht. Große Fabriken wurden in der Nähe unserer Häuser gebaut und verdrecken unsere Luft durch giftige Dämpfe. Der Abfall landet direkt in dem Wasser, neben dem wir leben. Obwohl wir es nicht mehr aushalten, können wir nichts dagegen tun. Wir können weder die Behörden noch die Fabrikbetreiber stoppen“, erklärt Ali Hassain, einer der lokalen „Führer“ des Slums und einstiger Verwalter in der Fabrik.

Die meisten Bewohner in Dhaka arbeiten in Fabriken, führen Fahrradtaxis oder sammeln Müll in den wohlhabenderen Teilen der Stadt. Sie helfen dabei, Dhaka in eine moderne Stadt zu verwandeln. Momentan haben sie weder Zugang zu fließendem Wasser noch zu Sanitäranlagen. In Shyampur ist überall Müll, da niemand ihn einsammelt und es keinen Ort zur Entsorgung gibt. Die wenigen Abwasserkanäle, die vorhanden sind, sind verstopft, sodass kein Wasser abfließen kann. Es regnet sehr viel in Dhaka, manchmal sogar sechs Monate im Jahr. Die Latrinen der Slums sind überfüllt; die Abwässer aus den umliegenden Fabriken und der Regen schaffen zusammen eine giftige Suppe. Das Wasser steht oft für Wochen in den Straßen. Es fließt in die Häuser und überflutet das gesamte Gebiet. Oft verlieren die Einwohner ihre Häuser und ihre Habseligkeiten und sie erkranken an Cholera und Malaria. Auch Ekzeme sind weit verbreitet.

Shyampur ist kein Ort für Kinder. Wenn das dreckige Wasser hoch ist, können die Kinder nur selten zur Schule gehen. Es gibt keine Perspektive in der Region, besonders für Mädchen und junge Frauen nicht. Wenn sie nicht arbeiten oder in der Schule sind, haben die Kinder keine Freizeit und können sich nicht verabreden oder spielen. Der einzige sichere Ort ist ihr Zuhause mit dem Rest ihrer Familie.

„Wir müssen im Haus bleiben. Oft sitzen wir gerade auf dem Bett, denn wir haben nicht viel Platz und Licht. Ich möchte draußen sein und mich frei bewegen können. Die Schule ist der einzige Ort, an dem wir frei sind. Wenn wir zu Hause sind, fühlt es sich an wie im Gefängnis“, erklärt Umme, 15 Jahre alt.

Plan International unterstützt die Kinder und Jugendlichen aus Shyampur, Jugendgruppen zu gründen und die Lebensbedingungen in den Slums zu verbessern. Das Ziel des Projektes ist es, junge Menschen zu ermutigen, ihr eigenes Leben zu beeinflussen. Sie sollen regelmäßig die Schule besuchen und nicht zu früh heiraten. So haben sie Einfluss darauf, Shyampur zu einem sicheren Ort zu machen.

Die Kinder und Jugendlichen dokumentieren ihr Leben in den Slums, indem sie Kurzfilme drehen, Zeichnungen erstellen und fotografieren. Auf diese Weise hoffen sie, der Welt die gefährlichen Umstände ihres Lebens zeigen zu können. Die jungen Journalistinnen und Journalisten dokumentieren die Verschmutzungen der Fabriken und die Überschwemmungen. Auch zeigen sie, wie sehr die fehlende Abwasserentsorgung sie dazu zwingt, knietief in verunreinigtem Wasser zu leben. Das gesammelte Medienmaterial nutzen sie, um die lokalen Behörden dazu zu bringen, auf die Stimmen der Kinder zu hören und ihnen zu ihren Grundrechten, zu Sicherheit, medizinischer Versorgung und zum Zugang zu Schulen zu verhelfen.

Insgesamt werden 600 Kinder und Jugendliche direkt in Plans Projekt, Shyampur zu einem sicheren Ort zu machen, mit einbezogen. Das Projekt wird 7.000 Einwohner erreichen und 1.000 Eltern und Betreuer erhalten eine Hygiene-Ausbildung.

„Wir müssen die Dinge ändern. Die Erwachsenen und die Behörden müssen uns zuhören. Kein Kind sollte in einer solchen ungerechten Umgebung aufwachsen!“ sagt Umme.


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