Die Mädchen in den Flüchtlingscamps der Rohingya dürfen ihre Zelte nur selten verlassen - aus Angst vor Übergriffen oder sexueller Belästigung. © Plan International
Die Mädchen in den Flüchtlingscamps der Rohingya dürfen ihre Zelte nur selten verlassen - aus Angst vor Übergriffen oder sexueller Belästigung. © Plan International
20.06.2018

Rohingya-Mädchen: Ein Leben wie im Gefängnis

In den Flüchtlingscamps in Bangladesch leben fast eine Million Rohingya auf engstem Raum. Die Lebensbedingungen sind schlimm - vor allem für die Mädchen. Eine neue Plan-Studie beschreibt jetzt ihren Alltag: isoliert, eingesperrt und ohne Rechte.

Die Gewalt, die sie erlebt haben, ist unvorstellbar. Viele von ihnen mussten mit ansehen, wie ihre Dörfer niedergebrannt und ihre Familien ermordet wurden, einige wurden Opfer von Vergewaltigung oder Folter. Die Flucht aus ihrer alten Heimat Myanmar sollte für die Mädchen der Rohingya ein Neustart werden. Doch ihr neues Zuhause entpuppt sich als Gefängnis. Denn sie haben kaum Rechte und dürfen die notdürftigen und beengten Zelte, in denen sie jetzt leben, kaum noch verlassen - obwohl die Temperaturen dort oft über 40 Grad klettern.

Eine neue Studie von Plan International hat die Lebenssituation der Mädchen in den Flüchtlingscamps der Rohingya untersucht. Das Ergebnis: Sie sind in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und verbringen die meiste Zeit des Tages mit Haushaltspflichten wie Putzen und Kochen oder kümmern sich um ihre jüngeren Geschwister. Nur 28 Prozent von ihnen besuchen eine Schule oder irgendeine Form von Unterricht. Die Zelte dürfen sie nur selten verlassen, zum Beispiel um Feuerholz zu sammeln oder Wasser zu holen. Wenn sie raus gehen, haben sie Angst vor Übergriffen oder sexueller Belästigung. Sie dürfen keine eigenen Entscheidungen treffen und haben damit auch keine Chance, zur Schule zu gehen und ihre Lebenssituation langfristig zu verbessern.

„Mädchen sind ohne Zweifel die größten Opfer dieser humanitären Krise“, sagt Orla Murphy, Länderdirektorin von Plan International Bangladesch. „Die Bedingungen, die in den überfüllten Camps, aber auch in den notdürftigen Zelten herrschen, in denen sie jetzt zu Zuhause sind, haben verheerende Auswirkungen auf ihr weiteres Leben. Viele von ihnen haben schlimmste Formen von Gewalt erlebt und sind dringend auf Unterstützung angewiesen. Aber sie können diese Hilfe nicht in Anspruch nehmen, weil sie ihre Zelte nicht verlassen können.“

Und auch in den Zelten sind sie häufig nicht sicher. Eines von vier Mädchen hat bei der Befragung angegeben, kürzlich Gewalt erfahren zu haben - fast 90 Prozent davon waren Fälle von häuslicher Gewalt. Zudem sind sie der ständigen Gefahr ausgesetzt, verheiratet zu werden. Ein 18-Jähriges Mädchen erzählt: „Meine Eltern werden mich zwingen zu heiraten. Ich kann nichts dagegen tun.“ Bereits jetzt ist rund ein Fünftel der Mädchen verheiratet, mehr als zwei Drittel davon haben mindestens ein Kind. Für die Eltern ist es oft der einzige Ausweg, um die Versorgung ihrer Töchter zu sichern.

Plan will mit der Studie deutlich machen, wie wichtig es ist, die Hilfsmaßnahmen in den Camps auch auf die speziellen Bedürfnisse junger Mädchen auszurichten - damit sie den gleichen Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung, sanitären Einrichtungen und psychosozialer Unterstützung erhalten und damit sie ein sicheres und selbstbestimmtes Leben führen können. Ein Teil von Plans Nothilfemaßnahmen vor Ort ist bereits speziell auf die Bedürfnisse von Mädchen und Frauen ausgerichtet, zum Beispiel das Errichten sicherer Waschgelegenheiten oder das Verteilen von Menstruations-Sets.

Für die Studie „Adolescent Girls in Crisis: Voices of the Rohingya“  wurden im Zeitraum von März bis April 2018 insgesamt 300 Mädchen im Alter von 10 bis 19 Jahren in den Camps der Region Cox’s Bazar in Bangladesch befragt. Die Analyse erfolgte in Zusammenarbeit mit der Monash University in Melbourne.


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