Geflüchtete aus Venezuela
©Camila Mariño

In der tiefen Krise

Warum so viele Menschen Venezuela verlassen. Ein Gastbeitrag von Rafael D'Armas.

Die politische und humanitäre Krise in Venezuela ist in der westlichen Hemisphäre beispiellos. Das Ausmaß ist beträchtlich: In den letzten vier Jahren sind zehn Prozent der Bevölkerung geflohen. Damit ist es eine der größten Massenmigrationen, die jemals in Lateinamerika und der Karibik stattgefunden haben[1]. Das UN-Flüchtlingswerk und die Internationale Organisation für Migration beziffern die Zahl der venezolanischen Migrantinnen und Migranten und Geflüchteten auf vier Millionen, davon eine Million seit November 2018[2]. Und auch wenn sich über die Ursachen der Krise und die darüber geführte politische Debatte streiten lässt, kann man das menschliche Leid nicht leugnen.

Venezuela verfügt über eine der weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven, doch Jahre der Korruption und schlechter Verwaltung haben zu einer Situation geführt, die Wirtschaftswissenschaftlicher als den schlimmsten wirtschaftlichen Zusammenbruch unter allen Ländern, die sich nicht im Krieg befinden, bezeichnen[3]. Der Zusammenbruch führte zu einem Zustrom venezolanischer Migrantinnen und Migranten in die Nachbarländer und andere südamerikanische Länder, besonders nach Kolumbien, Peru, Ecuador, Brasilien und Argentinien[4]. Da sich die humanitäre Krise in Venezuela verschärft und die politische Situation verschlechtert, wird davon ausgegangen, dass die Abwanderung von Venezolanerinnen und Venezolanern in die Nachbarländer anhält. Die Krise in Venezuela hat sich inzwischen zu einer regionalen Krise entwickelt.

Die Krise ist tief und schwer zu bewältigen und das Risiko, dass sie sich verschlimmert, steigt. Der jüngste Bericht (Mai 2019) der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO)[5] geht von einem sehr hohen Risiko massiven Hungers oder einer Hungersnot in Venezuela aus. Nach Schätzungen der FAO hat sich der Anteil der mangelernährten Menschen im Land verdreifacht – von 3,6 Prozent im Jahr 2013 auf 11,7 Prozent im Jahr 2017 (fast 3,7 Millionen Menschen) – und mehr als 280.000 Kinder sind bedroht, an schwerer Mangelernährung zu sterben[6].

 

Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems bedeutet auch, dass sich wieder Krankheiten ausbreiten, die vorher unter Kontrolle oder ausgerottet waren, wie Malaria, Masern, HIV/Aids, Tuberkulose und Polio. Der Ausbruch mehrerer ansteckender Krankheiten in benachbarten lateinamerikanischen Ländern wird mit der venezolanischen Flüchtlingskrise in Zusammenhang gebracht. Die Säuglingssterblichkeitsrate hat sich von 2000 bis 2017[7] auf 19,8 pro 1.000 Lebendgeburten verdoppelt und die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren stieg im gleichen Zeitraum von 21,7 auf 30,9.

Das Ausmaß der Krise zu bewerten ist für internationale und lokale Nichtregierungsorganisationen schwierig. Personen und Organisationen, die an humanitären Themen arbeiten, werden von der venezolanischen Regierung immer wieder zensiert und strafrechtlich verfolgt. Die Regierung leugnet diese Situation kontinuierlich und versucht, das Ausmaß der Krise zu vertuschen, indem sie eine beinahe vollständige Sperre offizieller Statistiken durchgesetzt hat. Eine lokale Quelle zur Bewertung der Krise ist „Encuesta Nacional De Condiciones De Vida[8]. Diese Studie zu den Lebensbedingungen ist ein gemeinsames Forschungsprojekt von drei venezolanischen Universitäten. In ihren Studienergebnissen 2018 stellen sie fest, dass 80 Prozent der venezolanischen Haushalte von Nahrungsunsicherheit betroffen sind. Das Einkommen von 90 Prozent der Haushalte ist nicht ausreichend, um Nahrungsmittel zu kaufen, und die Lebenserwartung bei der Geburt hat sich im Land um 3,5 Jahre verringert. Wie die Bedingungen im Bildungssystem aussehen, kann an dieser Stelle lediglich spekuliert werden. Zu den meisten Schulabbrüchen kommt es in öffentlichen Schulen, doch auch hier sind keine öffentlichen Daten zugänglich. 

Und auch wenn man über die Ursache der Krise und die darüber geführte politische Debatte streiten kann, lassen sich die Auswirkungen auf die venezolanische Bevölkerung und die Folgen in den Nachbarländern, besonders für sozial schwache Gruppen, nicht leugnen. Der von Amnesty International unterstütze Bericht Mujeres al límite 2019[9] zeigt die erschütternde Situation venezolanischer Mädchen und junger Frauen. 21 Prozent der Schwangeren litten an schwerer Mangelernährung und 24 Prozent von ihnen waren unter 19 Jahre alt. Allein 2018 stieg die Zahl der Schwangeren, die von Venezuela nach Kolumbien migrierten und noch keine Vorsorgeuntersuchung erhalten hatten, um 76,7 Prozent. Der Bericht zeigt auch, dass im brasilianischen Bundesstaat Roraima, der an Venezuela grenzt, zehn Prozent aller Neugeborenen Kinder von Migrantinnen aus Venezuela sind.

Über den Autor

Rafael D'Armas ist venezolanischer Politikwissenschaftler und Spezialist für Korruption und Wahlen in Lateinamerika. Er arbeitete viele Jahre für die Organisation amerikanischer Staaten (OAS) in Washington und Tegucigalpa. Derzeit lebt er in New York, wo er als unabhängiger Berater arbeitet und nebenbei ein Masterstudium in öffentlicher Verwaltung absolviert.

Anmerkung

Zur Zeit ist es für uns von Plan International noch nicht möglich in Venezuela direkt zu arbeiten. Allerdings arbeiten wir in Kolumbien, Ecuador, Peru und Brasilien mit venezolanischen Geflüchteten. Möchten Sie mehr über unsere Hilfsmaßnahmen in den Nachbarländern Venezuelas erfahren? Dann können Sie hier weiterlesen: Venezuela: Regionales Hilfsprogramm für Flüchtlinge

Quellen

[1] https://r4v.info/es/documents/download/68069

[2] Refugees, U. (2019). Refugees and migrants from Venezuela top 4 million: UNHCR and IOMUNHCR. Abgerufen im Juni 2019, von https://www.unhcr.org/en-us/news/press/2019/6/5cfa2a4a4/refugees-migrants-venezuela-top-4-million-unhcr-iom.html

[3] Venezuela’s Collapse Is the Worst Outside of War in Decades, Economists Say. (2019). Nytimes.com. Abgerufen am 24.Mai 2019, von https://www.nytimes.com/2019/05/17/world/americas/venezuela-economy.html?fbclid=IwAR0yvJsNxP3RxHegqE4nG8MajgEtQMGkiiCCpmBw04pG2JFzuNJznWRc5ag

[4] Die Mehrheit der venezolanischen Geflüchteten lebt in lateinamerikanischen Ländern, mit etwa 1,3 Millionen in Kolumbien, gefolgt von Peru mit 768.000, Chile mit 288.000, Ecuador mit 263.000, Brasilien mit 168.000 und Argentinien mit 130.000. Daten vom UNHCR Juni 2019

[5] (2019). Reliefweb.int. Abgerufen am 24. Mai 2019, von https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/ca4132en.pdf

[6] https://wwwnc.cdc.gov/eid/article/25/4/18-1305_article#r3

[7] CME Info - Child Mortality Estimates. (2019). Childmortality.org. Abgerufen im Juni 2019, vonhttps://childmortality.org/data

[8] ¿Qué es la ENCOVI? | ENCOVI. (2019). Encovi.ucab.edu.ve. Abgerufen am 24.Mai 2019, von https://encovi.ucab.edu.ve/que-es-la-encovi/

[9] Mujeres al límite (2019). bit.ly/2Qr1D9G