Geflüchtete Rohingya nach 5 Jahren noch immer ohne Aussichten

Foto: Wahid Zaman Shithi

Genau fünf Jahre ist es her, dass eskalierende Gewalt im Nordosten Myanmars einen Großteil der Bevölkerungsgruppe der Rohingya zur Flucht aus ihrem Land trieb. Seitdem leben 688.000 von ihnen in provisorischen Camps in Bangladesch, in denen Plan International Hilfe für die Geflüchteten leistet.

Die Lage der Rohingya ist schon seit Jahrzenten von Spannungen geprägt. Sie sind eine muslimische Minderheit, die im buddhistisch geprägten Rakhine-Staat im Nordosten Myanmars lebten. 1983 wurde ihnen von der Regierung die Staatsbürgerschaft abgesprochen. Als sogenannte Staatenlose waren sie in Myanmar schon vor ihrer Vertreibung extrem in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sie durften nicht wählen, hatten keinen Zugang zu höherer Bildung und ihr Grund- und Landbesitz wurde immer wieder beschlagnahmt. 

Die Anfänge der Krise

Das Resultat dieser prekären Situation waren Konflikte, wiederholte bewaffnete Unruhen und immer wieder aufkommende Fluchtbewegungen. Zuletzt eskalierte die Gewalt am 25.08.2017, als die Armee und Polizei Myanmars bewaffnete Unruhen mit einer starken Militäroffensive niederschlug. Ganze Dörfer wurden niedergebrannt, Frauen und Mädchen von Soldaten missbraucht. Schätzungen von Ärzte ohne Grenzen zufolge sind zwischen August und September mindestens 6.700 Rohingya ums Leben gekommen, darunter 730 Kinder. 

Eine Gruppe Menschen läuft durch einen stark überschwemmten Weg. Sie tragen Pakete auf dem Kopf.
Die Rohingya mussten während der Monsunsaison fliehen.Saikat Mojumder
In grünem Hügelgebiet stehen einige sehr provisorische Zelte, die aus großen Plastikplanen und Bambusstäben bestehen. Dazwischen laufen Menschen.
Anfangs wohnten die Neuankömmlinge in Cox’s Bazar im Freien oder unter Planen. Saikat Mojumder

Vor diesen Umständen flohen bis Ende 2017 688.000 Menschen ins benachbarte Bangladesch. Nach tagelangen Märschen durch Dschungel und Monsunregen erreichten viele das Gebiet in der Provinz Cox’s Bazar in Bangladesch, wo sich bereits etwa 200.000 Rohingya aus früheren Fluchtbewegungen aufhielten. Viele mussten unter freiem Himmel oder in improvisierten Unterkünften leben und schlafen. Es gab kaum sanitäre Einrichtungen, und die Risiken für Bewohner:innen insgesamt, aber besonders für Kinder, Opfer von Gewalt, Missbrauch oder Menschenhandel zu werden, waren enorm. 

Aktuelle Eindrücke aus Cox’s Bazar

Plan Referentin Carlotta Weibl war vor kurzem in Cox’s Bazar. Sie berichtet, dass sich die Situation in den letzten fünf Jahren durchaus auch positiv entwickelt hat, weil seit 2017 viele Strukturen gewachsen sind, Prozesse etabliert wurden und unterstützende Akteur:innen wie Plan International vor Ort sind. Ein Ende der humanitären Hilfslage ist für die fast eine Million Rohingya in Bangladesch allerdings nicht in Sicht: Sie dürfen in Cox’s Bazar nicht arbeiten und die Camps nicht verlassen. Kinder können nach wie vor nicht zur Schule gehen, und es dürfen keine permanenten Gebäude oder Infrastrukturen in den Übergangscamps gebaut werden.  Die Menschen leben nach wie vor in Unterkünften, die notdürftig aus Bambus und Planen errichtet worden sind.

„In den letzten Jahren hätten die Menschen einiges aufbauen und sich eine gewisse Selbstständigkeit erarbeiten können. Aber die politische Lage gibt das nicht her.“

Carlotta Weibl, Referentin für Disaster Risk Management

„In den letzten Jahren hätten die Menschen einiges aufbauen und sich eine gewisse Selbstständigkeit erarbeiten können. Aber die politische Lage gibt das nicht her“, erklärt die Plan-Mitarbeiterin. Die Regierungen von Bangladesch und Myanmar waren von Beginn an im Austausch, um eine Rückführung der Rohingya nach Rahkine zu verhandeln. Bangladesch hat aus politischen und ökonomischen Gründen kein Interesse daran, die Geflüchteten dauerhaft aufzunehmen und zu integrieren. Angesichts der Tatsache, dass seit einem Jahr in Myanmar das Militär an der Macht ist, das die Gruppe damals vertrieben hatte, sind diese Pläne allerdings in absehbarer Zeit nicht durchführbar. 

Dennoch fühlen sich viele Rohingya ihrer alten Heimat verbunden, denn dort hatten sie eigene Häuser, konnten sich von der Landwirtschaft ernähren und hatten ihren eigenen Lebensraum. Auch sie wünschen sich, eines Tages nach Rakhine zurückkehren zu können.

Ein Mädchen und eine junge Frau sitzen auf dem Boden und basteln Armbänder aus Perlen.
In geschützten Räumen können Kinder spielen, malen und basteln.Wahid Zaman Shithi
In einer kleinen Hütte liegen und sitzen Kinder auf Matratzen. Die meisten schlafen, einige lesen.
So kriegen die Kinder eine Auszeit vom Alltag im Camp.Wahid Zaman Shithi

Die Bedürfnisse von Rohingya Kindern priorisieren

In den Projekten vor Ort stellt Plan International die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt. „Wenn wir mit den Kindern reden, ist ihr größter Wunsch immer der nach Bildung. Sie wollen zur Schule gehen, wünschen sich eine Bibliothek, und möchten eine Schuluniform tragen“, erzählt Carlotta Weibl. Auch wenn ein offizieller Schulbesuch nicht möglich ist, wurden in den Camps Lernzentren eingerichtet. Dort lernen Kinder und Jugendliche seit einem Jahr Lesen, Schreiben und Rechnen, nach dem Schulkurrikulum von Myanmar. 

„Wenn wir mit den Kindern reden, ist ihr größter Wunsch immer der nach Bildung. Sie wollen zur Schule gehen, wünschen sich eine Bibliothek, und möchten eine Schuluniform tragen.“

Carlotta Weibl, Referentin für Desaster Risk Management

Diese von Plan errichteten Lernzentren dienen gleichzeitig als sogenannte Child Friendly Spaces, also kinderfreundliche Räume: „Sie sind innen bunt gestaltet, und vor allem die kleineren Kinder haben dort Spielzeuge und können malen. Wenn man sie betritt, ist der Kontrast zum restlichen Camp sehr spürbar. Es ist so etwas wie eine sichere Bubble.“ Genau dieser Effekt ist gewollt: „Es ist sehr wichtig, dass sie dort ein paar Stunden am Tag einfach Kind sein, normal existieren und sich entfalten können“, sagt Carlotta Weibl.

Mädchen und junge Frauen stark machen

Ein weiterer Schwerpunkt für Plan ist die Stärkung von Mädchen und jungen Frauen. „Ich hatte ein sehr beeindruckendes Gespräch mit einer Gruppe junger Frauen, die berichtet haben, dass sie durch Plan Programme in die Lage versetzt wurden, mit ihren Ehemännern offen zu kommunizieren“, erinnert sich Carlotta Weise. Die Rohingya sind eine sehr traditionelle Gesellschaft, die patriarchal geprägt ist. Bei ihnen wird außerhalb der Familie stark zwischen Frauen und Männern getrennt. „Die jungen Frauen heiraten und müssen dann plötzlich ihr Leben mit einem Mann teilen. Sie mussten erst mal lernen, mit ihren Partnern zu reden und für sich und ihre Bedürfnisse einzustehen.“

Neben den Lernzentren und der Stärkung von Mädchen und jungen Frauen hat Plan International die Rohingya in Bangladesch durch Sanitär- und Hygienemaßnahmen unterstützt. Außerdem werden Risiken für die Sicherheit von Kindern identifiziert und minimiert. Als letztes Jahr ein Großbrand im Camp ausbrach, wurden Sammelzentren und temporäre Unterkünfte für Kinder errichtet, um die Zusammenführung mit den Familien in die Wege zu leiten. 

Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Plan-Referentin Carlotta Weibl, Referentin für Disaster Risk Management in Plans Asien-Pazifik-Team. Sie hat längere Zeit in der Region Cox’s Bazar gelebt und war vor Kurzem vor Ort, um Plans Nothilfe-Programm vor Ort zu besuchen.

Die Rohingya Krise

Die Hintergründe der Rohingya-Krise sind komplex. Sie reichen bis in die Kolonialzeit zurück und sind geprägt von sozio-ökonimischen und religiösen Spannungen. Mehr darüber können Sie auf unserer Hintergrundseite lesen. Dort erfahren Sie auch, wie Plan International vor Ort aktiv ist, um die Rohingya in ihrer schwierigen Lage zu unterstützen.

Mehr erfahren

Sie mögen diesen Artikel? Teilen Sie ihn gerne.

  • Facebook
  • Twitter
  • WhatsApp
  • LinkedIn
  • Xing

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Engagieren Sie sich mit uns für eine gerechte Welt! Registrieren Sie sich jetzt für unseren kostenlosen Newsletter

Widerruf jederzeit möglich. Bitte beachten Sie unsere Datenschutzerklärung sowie unsere Kinderschutzrichtlinie

Newsletter