"Die Leute sollten besser über Kamalaris aufgeklärt und auch daran erinnert werden, wie viele noch unter dieser Praktik leiden", sagt Sunita (20). Sie selbst wurde mit acht Jahren Kamalari. Jetzt arbeitet sie jedoch als Kosmetikerin. © Plan / Meeri Kou
"Die Leute sollten besser über Kamalaris aufgeklärt und auch daran erinnert werden, wie viele noch unter dieser Praktik leiden", sagt Sunita (20). Sie selbst wurde mit acht Jahren Kamalari. Jetzt arbeitet sie jedoch als Kosmetikerin. © Plan / Meeri Koutanie
17.08.2015

Kinderarbeit in Nepal

Stell dir vor du musst plötzlich bei einer fremden Familie leben und arbeiten. Bis zu 16 Stunden am Tag, für einen Lohn der nicht der Rede wert ist. Tausenden Mädchen in Nepal ergeht dies so - sie heißen Kamalari. Subas war eine von ihnen.Mit 16 Jahren wurde Subas Rani aus Tikapur in Nepal in eine fremde Familie geschickt. Dort arbeitete sie den ganzen Tag, um die Schulden ihrer Eltern abzustottern. Sie durfte ihre Freunde nicht sehen und auch nicht zur Schule gehen. Dank Plan konnte sie jedoch nach zwei Jahren aus der ausbeuterischen Arbeit geholt werden. Hier erzählt sie ihre Geschichte:

"Mein Vater war schon immer sehr kränklich. Seit ich mich erinnern kann. Meine Mutter kümmerte sich alleine um ihn und meine zehn Geschwister. Sie musste sich Geld von den reichen Familien aus dem Dorf leihen. Um die Schulden zurückzubezahlen wurden meine älteren Schwestern eine nach der anderen Kamalari. Ich blieb zu Hause und kümmerte mich um den Haushalt und meine jüngeren Geschwister.

Als ich 16 war musste auch ich als Kamalari arbeiten. Meine Hauptaufgabe war es, sich um den Sohn der Familie zu kümmern, aber eigentlich machte ich auch den gesamten Haushalt. Wenn der Junge weinte, dann behauptete seine Mutter, ich würde ihm wehtun. Als er verdorbenes Obst aß und davon krank wurde, gab sie mir die Schuld dafür. In solchen Momenten war ich sauer auf meine Eltern, dass sie mich dazu zwangen eine Kamalari zu werden. Gerade im Winter war es besonders schwer. Ich bekam keine Schuhe oder warmen Sachen. Ich arbeitete barfuß und frierend auf den Feldern.
Zwei Jahre musste ich bei der fremden Familie arbeiten, um die Schulden meiner Eltern von rund 8.000 Rupien (rund 68 Euro) zu begleichen."

Kamalari - Was heißt das?

Kamalari bezeichnet ein Mädchen, das Nepals indigener Bevölkerung - den Tharu - angehört und unter ausbeuterischen Bedingungen arbeitet. Meist sind Kamalaris im Haushalt tätig: Sie putzen, waschen Geschirr, kochen, machen die Wäsche, kaufen ein, kümmern sich um die Kinder und Haustiere der Familie und arbeiten auf der Farm oder dem Land. Arbeitstage von 16 bis 18 Stunden sind keine Ausnahme. Deshalb werden die Mädchen auch "Kamalari - hart arbeitende Frau" genannt. Obwohl dieses System der ausbeuterischen Kinderarbeit in Nepal seit 2000 verboten ist, gehört sie für viele Tharu-Mädchen weiterhin zum Alltag. Ihre Eltern sehen oft keinen anderen Ausweg und verkaufen sie aus finanzieller Not an Großgrundbesitzer und andere wohlhabende Familien. Oft sind die Mädchen psychischer oder auch physischer Gewalt ausgesetzt. Sie sind ihrer Grundrechte wie das Recht auf Bildung, Schutz und sicherer Kindheit beraubt.

Zurück in die Schule

"Als Plan mich von dieser Sklavenarbeit befreite, war es der schönste Moment in meinem Leben. Meine Familie bekam Hilfe und konnte nun genug verdienen, damit mein Vater seine Medikamente bekam. Er kann jetzt sogar selber wieder arbeiten.

Ich war auch wieder in der Lage zur Schule zu gehen, aber mein Vater sagte, er würde mich nicht weiter unterstützen, wenn ich meine Abschlussprüfung nicht bestehe. Seine Worte haben mich sehr verletzt, aber glücklicherweise habe ich die Prüfung bestanden.

Schon seit ich klein bin, habe ich immer gerne gesungen. Mein Traum ist es Sängerin zu werden. Ich möchte gerne mit Hilfe von Kunst zeigen, wie es ist als Kamalari zu leben.  Während meiner Zeit als Kamalari habe ich mich so einsam gefühlt, dass ich nie sang. Nachdem ich befreit wurde, habe ich jedoch wieder angefangen für andere aufzutreten. Wenn ich gut drauf bin, dann singe ich auch gerne für mich selbst. Ich arbeite hart, so dass ich meine Träume verwirklichen kann. Ich träume davon an einem schönen Ort zu leben, mit Menschen die mich respektieren. Ich lebe jetzt in einem Haus mit mehreren Generationen und ich fühle mich nicht respektiert. Trotzdem habe ich viel Selbstvertrauen. Ich möchte viele großartige Dinge tun und erreichen, denn auf diese Weise kann ich auch anderen helfen."

Sich durch Fotos ausdrücken

Plan Nepal und Plan Finnland haben für ehemalige Kamalari ein Fotoprojekt mit der international prämierten Fotografin Meeri Koutaniemi ins Leben gerufen. Hier lernen die Mädchen einerseits den Umgang mit der Kamera und können sich gleichzeitig untereinander über ihr Erlebtes austauschen und verarbeiten.

"Ich bin stolz, dass ich lerne wie man Fotos macht. Früher, wenn ich ein Foto von mir machen wollte, dann musste ich in ein Studio gehen. Jetzt kann ich es selbst machen. Ich weiß wie man die Kamera ausrichten muss und die Leute davor platziert. Ich möchte lernen gute Fotos von den Menschen aus meiner Gemeinde zu machen. Ich würde gerne ihr Leben dokumentieren, zum Beispiel wie sie auf dem Feld arbeiten.

Ich möchte meine Fähigkeiten als Fotografin dafür nutzen andere Kamalari zu retten. Ich gehe zu den Plätzen, wo immer noch Kamalari arbeiten und veröffentliche die Namen der Menschen, bei denen sie arbeiten müssen. Durch die öffentliche Bekanntgabe lassen die Familien die Mädchen oft wieder in ihr eigenes Zuhause zurückkehren."

Plan setzt sich seit 2006 für die Abschaffung ausbeuterischem Kinderhandel ein, zuerst nur im Distrikt Dang, seit Anfang 2010 auch in den Provinzen Kailali und Kanchanpur. Kamalari-Mädchen werden aus ihrem Arbeitsverhältnis befreit und erhalten bei Bedarf juristische sowie psychosoziale Unterstützung. Tausende Mädchen konnten seitdem schon befreit werden.

Wenn du mehr zu dem Thema der Kamalari-Mädchen erfahren möchtest, klicke hier. Oder schau dir ein Interview auf unserem Youtubekanal mit der ehemaligen Kamalari Urmila an.



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