Voneinander lernen! Lilli in Ecuador

Es ist nicht besonders einfach für mich meine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle in einem knappen Blogpost zusammenzufassen. Insbesondere nicht, wenn man als Europäerin sieben Monate in einem Land des sogenannten „globalen Südens“ verbracht hat, in meinem Fall: Ecuador. Dabei beziehe ich mich nicht nur auf die Länge des Aufenthaltes, sondern vor allem auf die Art und Weise darüber zu berichten. Meine Angst davor auf einer eurozentrischen Art und Weise über diese Zeit zu erzählen, führt bei mir eher dazu, nicht darüber reden zu wollen. Wenn ich ehrlich bin schäme ich mich sogar fast.

Doch einfach über die Zeit und meinen Lernprozess zu schweigen scheint mir dann doch mehr als nur egoistisch, denn andere nicht an meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen macht den Aufenthalt lediglich für mich wertvoll und sonst für absolut Niemanden.

Vor meiner Zeit in Ecuador hatte ich Gedanken wie, dass ich „den Menschen helfen“ wollte, wobei mir natürlich bewusst war, dass es naiv ist zu denken „wirklich etwas verändern zu können“ in der kurzen Zeit in der ich da bin. Dennoch würde es schon reichen „ein Lächeln auf ein Kindergesicht zu zaubern“. Mir schien nichts Verwerfliches daran aufzufallen etwas „Gutes“ tun zu wollen, doch beim näherem Hinschauen ist diese Einstellung nicht nur eurozentrisch, sondern auch rassistisch.

Die Annahme, dass wir in Europa den besten Lebensstandard hätten, entstand im Kolonialismus, festgestellt von uns selbst, den Europäern. Der Glaube, dass wir als Europäer die Maßstäbe für alle setzen würden und man sich zum europäischen Lebensstandard hin entwickeln müsse, um eine vollkommende Lebensqualität zu erreichen, ist ein Mythos mit dem ich mein Leben lang aufgewachsen bin, die unsere Gesellschaft prägt sowie unser Weltwirtschaftssystem und unsere Politik. Diese Machtposition, die man als Weißer/ Weiße durch diesen Irrglauben hat, führt glaube ich bei vielen dazu -zumindest bei mir war das der Fall- „helfen“ zu wollen, weshalb ich auch die Entscheidung traf, nach Ecuador zu reisen.

Lilli in einer „Fabrica de Intelligencia“

Doch die Arbeit mit Plan International sprengte alle meine Erwartungen und veränderte mein Denken grundlegend. Ich glaube die aller meisten, die diese Blogpost hier lesen, wissen wie Plan ungefähr arbeitet, aber ich würde trotzdem sehr gerne nochmal darauf zu sprechen kommen, wobei ich natürlich nur von Plan Ecuador sprechen kann; Plan arbeitet grundsätzlich mit Leuten vor Ort zusammen. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter von Plan Ecuador auch alle Ecuadorianer sind. Dennoch muss auch hier unterschieden werden. Die meisten Mitarbeiter sind weiß, d.h. europäischer Abstammung, wobei die Bevölkerung in den Dörfern in denen Plan aktiv ist, an der Küste „Mestizos“ oder „Afroecuadorianos“ sind und im Hochland die Indigene Bevölkerung lebt. Man mag darauf schließen, dass dieser Unterschied die Arbeit beeinträchtigt, aber was ich gesehen habe waren Partnerschaften und in einigen Fällen sogar wahre Freundschaften zwischen Planmitarbeiter/-innen und den Menschen aus den „Comunidades“. Und zwar rede ich hier von einer Partnerschaft auf Augenhöhe.

Dies hat zu bedeuten, dass Plan mit den Menschen zusammenarbeitet. Es werden Ideen ausgetauscht und sich gegenseitig unterstützt. Die Probleme werden auf den Tisch gelegt und man überlegt zusammen, wie man diese beheben kann. Plan kann so gezielt die Materialien zur Verfügung stellen, das sogenannte „Know- how“ übermitteln und Kosten abdecken. Somit entstehen Projekte, wie „Fábricas de Inteligencia“ (übersetzt: Fabriken der Intelligenz) in denen insbesondere Kinder, aber auch Jugendliche und Erwachsene mittels der Kunst und dem Spiel über ihre Rechte lernen, ihr Selbstbewusstsein stärken und sich ein Ziel für ihr Leben setzen können. Diese Projekte werden zunächst zusammen mit den Planmitarbeitern organisiert und durchgeführt, wobei Frauen und auch Männer aus den „Comunidades“ die Einheiten mit den Planmitarbeitern zusammen leiten und durchführen. Am Ende ist das Ziel, dass diese Art von „Unterricht“ selbstständig in den Dörfern weitergeführt werden kann. Dabei dient jedoch die von Plan zur Verfügung gestellte Methodologie als Grundlage und Hilfestellung, die von der Umsetzung aber beliebig verändert werden kann, solange das Objektiv der jeweiligen Einheiten übermittelt wird.

Ich hatte die Chance genau in diesem Projekt mit einzusteigen. Gemeinsam mit Anderen habe ich über die Themen gelernt und dann so in Zusammenarbeit den Kindern das gelernte Wissen übermitteln können. Ich habe dabei aber sehr viel mehr von den Kindern gelernt, als sie von mir. Dennoch hoffe ich, dass ich hier trotzdem von einem gelungenen Kulturaustausch sprechen kann 😊

Und dennoch schlichen sich immer wieder Zweifel ein, die auch bis heute geblieben sind. War es wirklich das Richtige, dass ausgerechnet ich mich als Europäerin vor eine Gruppe von Kindern stelle, um sie über ihre Rechte aufzuklären, wenn man bedenkt was für eine Geschichte hinter uns liegt?

Wenn ich mir jedoch über eins sicher bin das ich in Ecuador gelernt habe, dann ist es, dass wir unsere Grundeinstellung gegenüber des globalen Südens ändern müssen. Anstatt also unsere Machtposition als Weiße auszunutzen und als einzelne Person, Gruppe bzw. Organisation/NGO „als Retter in der Not“ darzustellen, könnten wir als Weltgemeinschaft viel mehr erreichen, wenn wir allen Menschen -egal welcher Herkunft, Hautfarbe, etc.- auf Augenhöhe begegnen würden. Als Konsequenz hätte das zu bedeuten, akzeptieren zu müssen, dass man nicht mit allen Projekten, wie beispielsweise einen Brunnen bauen den Leuten wirklich etwas „Gutes“ tut. Stattdessen aber, könnten wir uns gemeinsam über Ideen, Erfahrungen, Wissen und Gewohnheiten austauschen, um zusammen voneinander zu lernen und um sich bestmöglich gegenseitig unterstützen zu können.

Lilli

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