Die Gewürzinsel

von Marc Tornow

Blauer Himmel, tiefblaue See – und dahinter die märchenhafte Silhouette von Stone Town. „Karibuni Zanzibar – Willkommen in Sansibar“ steht in roten Großbuchstaben am Anleger zu lesen, der zum Einfallstor in eine ganz eigene Welt wird. In die Welt der Suahili-Kultur, der Kultur der Küste.

Verschachtelt reiht sich die Altstadt von Stone Town an den Indischen Ozean. © Plan International/Marc Tornow

Einer Fata-Morgana gleich liegen verschachtelt aufgereihte Gebäude beisammen, die aus der Distanz betrachtet an Illustrationen aus den Märchen von Tausend und Eine Nacht erinnern. Weiß verputzte Mauern, vor deren Fenstern blau lackierte gerippte Holzläden hängen. Alle möglichen religiösen Gemeinschaften sind mittendrin vertreten: Spitz zulaufende Glockentürme, wie riesige Zuckerhüte anmutende hinduistische Tempel und dutzende Minarette – anscheinend friedlich Seite an Seite. Dazwischen Stadttore mit bogenartig geschwungenen Durchfahrten.

Der Verfall nagt an den Mauern von Stone Town. © Plan International/Marc Tornow

Die prominentesten Räumlichkeiten am alten Sultans-Palast etwa weisen bis heute hölzerne Balkone und Fensterläden auf, gut geschützt vor neugierigen Blicken und grellem Sonnenlicht. Von festlich geschmückten Gemächern aus hatte der einstige Herrscher dieses Archipels beste Aussichten auf den Hafen und die umliegenden Gassen. Hier weckt der Duft von Zimt, Kardamom und Nelken im Vorübergehen Abenteuerfantasien. Doch an diesem Ort – längst mit dem Gütesiegel eines UNESCO-Weltkulturerbes geadelt – zehrt in weiten Teilen der Verfall.

Geschnitzte Türen sind pittoreskes Kulturgut und Spiegel der Geschichte. © Plan International/Marc Tornow

Findige Investoren haben zwar den einen oder anderen geschichtsträchtigen Bau vor dem Einsturz bewahrt. Im Tausch für die Rettung finden sich nun allzu schicke Cafés, Hotels oder Restaurants in den historischen Mauern. Mehr und mehr ziehen alteingesessene Familien aus Stone Town fort, ein Ort, dessen Ambivalenz kaum greifbar ist. Es ist die seltene Verbindung aus arabischen, persischen, portugiesischen und indischen Einflüssen, die hier in Sansibar auf afrikanische Kulturen getroffen sind. Herausgekommen war dabei die sogenannte Suahili-Kultur, die Kultur der Küste, die über Jahrhunderte hinweg vom Handel und mit den Händlern am Indischen Ozean gewachsen ist.

Verschachtelt liegen Gebäude beisammen – Gassen wie im Märchen von Tausend und Eine Nacht. © Plan International/Marc Tornow

Entlang verschlungener Gassen lässt sich so noch immer die eine oder andere historische Holzschnitzerei bewundern – mit baulichen Vorbildern auf unterschiedlichen Kontinenten. Oder man lauscht bei einer Tasse würzigem Masala-Kaffee – einem mit Chili, Ingwer und Kurkuma zubereiteten Mokka – orientalischen Rhythmen. Die für Sansibar zum Markenzeichen gewordene Taarab-Musik schallt aus den geöffneten Fenstern der örtlichen Musikakademie, unterbrochen nur von den Rufen der Muezzine.

Am Abend erfrischen sich Kinder mit einem Bad direkt vor dem alten Sultans-Palast. © Plan International /Marc Tornow

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