Die Rolle von Männern im Einsatz für Geschlechtergleichstellung

von Lara Betz

Verständnis und Solidarität sind die Grundvoraussetzung dafür, dass wir echte Gleichberechtigung erreichen. Das sagt Gonzalo Montano, der sich in El Salvador für Gleichberechtigung und insbesondere die Rechte der LGBTIQ+-Community einsetzt. In seinem Blog beschreibt der Aktivist, warum das wichtig ist und wie sich Jungen und Männer für Gleichberechtigung einsetzen können.

Gonzalo

Der 24-jährige Gonzalo aus El Salvador erklärt, warum sich auch Jungen und Männer für die feministische Bewegung einsetzen sollten. © Plan International

Hinter dem Oberbegriff „Feminismus“ verbirgt sich eigentlich nichts weiter als soziale Bewegungen, die für Gleichberechtigung, die Selbstbestimmung der Frau und gegen Sexismus eintreten. Das Problem an dieser Bezeichnung ist, dass sie in die Irre führt: Sie lässt annehmen, dass es sich dabei um eine Bewegung ausschließlich von und für Frauen handelt. Das ist nicht zuletzt so, weil Frauen zeitweise diese Haltung nach außen getragen haben – eine Haltung, die Männer und ihre Sozialisierung innerhalb des patriarchischen Systems ignoriert. Männer haben unterschiedlich auf die feministische Bewegung reagiert: manche unterstützend, andere feindlich.

Zum Glück ändert sich das jetzt. Mittlerweile haben die meisten Fürsprecherinnen und Fürsprecher für Gleichberechtigung erkannt, dass nur gemeinsames Engagement echten Wandel schafft. Das setzt Solidarität für Vielfalt voraus und das Bewusstsein, dass manche Menschen gleich mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt sind – sie z.B. nicht nur aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden, sondern auch aufgrund ihrer Sexualität, ihres Alters oder ihrer Abstammung.

Aber es gibt noch andere Schritte, die insbesondere Jungen, Männer und Menschen mit nicht-binärem Geschlecht unternehmen können und sollten, um Gleichberechtigung voranzutreiben:

1. Männliche Privilegien anerkennen

Männer müssen zunächst anerkennen, dass sie allein aufgrund ihres Geschlechts seit ihrer Geburt privilegiert sind und bevorteilt werden. Das gesellschaftliche und politische System des Patriarchats hat Männer historisch im Zentrum des Universums platziert und Frauen größtenteils ausgeschlossen.

Häufig sind sich Männer nicht bewusst, dass sie in einem solchen System leben, da wir dessen Privilegien genießen. Dieses System hat jedoch die ungleichen Beziehungen und Machtverteilungen zwischen den Geschlechtern begünstigt und verfestigt. Das zeigt sich in vielen Ländern in den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Bereichen. Dieses rückschrittliche System muss angefochten werden.

2. Solidarität zeigen

Es ist zwar ein Fortschritt, dass das Bewusstsein für das männliche Privileg und für die Diskriminierung von Mädchen und Frauen steigt. Das alleine kann jedoch nicht die Formen der Unterdrückung beseitigen.

Es ist notwendig, Frauen und Mädchen bei ihren täglichen Herausforderungen zu unterstützen, um patriarchale, sexistische und frauenfeindliche Konstrukte zu vernichten. So können sie gleichberechtigten Zugang zu Freiheit, Respekt und Führungspositionen bekommen.

3. Verstehen, dass die Ursachen von Geschlechterungleichheit universell sind

Das Streben nach Gleichberechtigung wird in meinem Heimatland, El Salvador, vermutlich nicht denselben Weg gehen, wie in Pakistan oder Großbritannien. Der Kontext ist wichtig, aber der Ursprung von Diskriminierung und Ungleichheit ist derselbe: unfaire Geschlechterrollen, normalisierte Missbräuche und Belästigungen, und eine Tendenz, Frauen zu schwächen, um sie zu kontrollieren.

Plan Internationals Studie, „Unsafe in the City” (dt. etwa: „Unsicher in der Stadt”) wirft ein Licht auf die Universalität von Belästigungen und Missbrauch in großen Städten der Welt, von Stockholm bis Kairo. Um Probleme dieses Ausmaßes zu bekämpfen, benötigen Mädchen und Frauen männliche Verbündete.

4. Negative Männlichkeit infrage stellen

In seiner extremsten Form bedeutet negative oder “giftige” Männlichkeit Diskriminierung, Dominanz oder Gewalt gegenüber Frauen. In El Salvador sehen wir schädliche Männlichkeit in der Form von sozialer Gewalt, die sich auf der Straße, zu Hause, bei der Arbeit, in Schulen und an öffentlichen Orten zeigt. Dies führte zu vielen Frauenmorden und Tötungen von Personen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität oder -ausdruck.

Neben dem diskriminierenden Frauenbild wird in der traditionellen Rollenverteilung auch oft von den Männern erwartet, dass sie als „ganzer Kerl“ Probleme mit Gewalt lösen und sich Frauen gegenüber dominant verhalten. Der Versuch, diese soziale Rolle zu erfüllen, sich zu beweisen und keine Fehler zu machen bewirkt häufig Stress und eine Anhäufung an Emotionen. Solche „Macho“-Haltungen wirken sich auf die Gesundheit von Männern und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Kurz gesagt: Diese Männlichkeitsvorstellungen dienen niemandem.

Nicht nur Gonzalo (1. v.l.) setzt sich für Gleichberechtigung ein, sondern auch andere Jugendbotschafter sowie die Dichterin Cleo Wade (3. v.r.) und die Mitbegründerin von Refinery29, Piera Gelardi sind Teil der Bewegung. © Plan International

5. Einen intersektionalen Blickwinkel haben

Intersektionalität ist die Kombination und Wechselwirkung mehrerer Eigenschaften einer Person – Geschlecht, sexuelle Orientierung, Nationalität, Alter – aufgrund derer sie diskriminiert werden kann. Das Zusammenspiel dieser Eigenschaften hat Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Deshalb ist die intersektionale Perspektive eine grundlegende Weiterentwicklung der Bewegung für soziale Gerechtigkeit, die für eine gemeinsame Vision von Fortschritt kämpft.

Das Streben nach Gleichberechtigung darf deshalb nicht nur hinsichtlich Frauen und Männer gelten, sondern muss auch sozialen Fortschritt für andere benachteiligte Gruppen in der Gesellschaft beinhalten. Dazu zählen unter anderem Menschen mit Behinderungen, Minderheiten oder indigene Gruppen und die LGBTIQ+ Gemeinschaft.

6. Hilf Machtdynamiken zu verändern

Männer befürchten häufig, dass die Ermächtigung von Frauen und Mädchen bedeutet, dass sie selbst schlechter gestellt sind. Aber Gleichberechtigung nutzt uns allen. Zum Beispiel fördert das Teilen von Kinderbetreuung und Aufgaben im Haushalt glücklichere Beziehungen. Bei Erwerbstätigen führt mehr Gleichberechtigung zu einer gesteigerten Produktivität und Zufriedenheit.

Einfach nur keine männliche Überlegenheit zu zeigen ist nicht genug. Wir müssen Verbündete gegen alle Formen von Diskriminierung und Missbrauch werden und so helfen, eine neue Art Männlichkeit zu erschaffen, indem wir die Angst der Männer und ihren Widerstand ansprechen. Wir müssen auch positive Vorbilder für andere Männer werden, um zu zeigen, dass die Sorge um uns selbst und das Wohlbefinden von anderen nicht nur eine weibliche Eigenschaft ist.

7. Teile deine Plattform – unterstütze Mädchen, die Führung zu übernehmen

Leider unterschätzen viele Männer im patriarchalen System die Stärke von Mädchen und Frauen, Veränderung zu bewirken und der ganzen Gemeinde zu nützen. Deswegen ist es nun unsere Aufgabe als fortschrittliche Jungen und Männer, den Raum zu teilen, den das Patriarchat uns gegeben hat, und Mädchen und Frauen dabei zu unterstützen, Führungspositionen einzunehmen.

Gleichberechtigung der Geschlechter ist nicht nur ein grundlegendes Menschenrecht, sondern auch eine notwendige Grundlage, um eine friedliche, erfolgreiche und nachhaltige Welt zu schaffen. Der gemeinsame Einsatz für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit, ist der einzige Weg, um eine gleichberechtige Gesellschaft zu erreichen.

Lerne mehr über unsere Kampagne für Geschlechtergleichstellung: #GirlsGetEqual

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