Durch Heirat gebunden: Falmatas Kampf um Freiheit

von Lara Betz

Rund 17 Millionen Menschen in der Tschadsee-Region sind von gewalttätigen Konflikten zwischen bewaffneten nichtstaatlichen Gruppen und dem Militär betroffen. In Kamerun, Tschad, Niger und Nigeria beeinflusst die Gewalt fast jeden Aspekt des Alltags der Menschen. Junge Mädchen sind häufig besonders gefährdet. Die 16-jährige Falmata aus Niger ist eine von ihnen. Sie wurde bereits als Kind verheiratet und wird häufig von ihrem Ehemann geschlagen.

Falmata wird immer wieder von ihrem Mann geschlagen. Plan International hat mobile Schutzeinheiten eingerichtet, um Mädchen wie ihr zu helfen. © Plan International

Die Region Diffa, an der Grenze von Niger, ist am stärksten von dem Konflikt betroffen. Hier leben Mädchen in konstanter Unsicherheit. Viele leiden unter Depressionen, Angstzuständen oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Krise hat junge Mädchen vor zahlreiche Herausforderungen gestellt. Vertrieben, von ihren Familien getrennt oder jung verheiratet, befinden sie sich in großer Gefahr.

Niger hat die höchste Anzahl an Kinder-, Früh- und Zwangsheiraten auf der Welt. Die Studie „Heranwachsende Mädchen in Krisenregionen: Stimmen aus Lake Chad“ von Plan International zeigt, dass drei von vier Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet werden. Laut der Studie ist die Anzahl an Kinderheiraten in Diffa mit 89% an Mädchen, die bereits als Kinder verheiratet werden, sogar höher.

Falmata flieht vor den Schlägen ihres Ehemannes

„Mit 13 Jahren hat sich mein Leben vollkommen verändert. Ich wurde gegen meinen Willen mit einem Mann verheiratet“, erklärt Falmata*. Sie ist eine intern vertriebene Waise und lebte zuvor bei ihren Großeltern.

Falmata ist nun 16 Jahre alt und war noch nie in der Schule. Seit ihrer Hochzeit ist sie der Gewalt und den Misshandlungen durch ihren Ehemann ausgesetzt. Er schlägt sie regelmäßig und enthält ihr Essen vor. Trotz mehrmaliger Versuche, zu fliehen und bei ihren Großeltern Zuflucht zu finden, verlangt ihr Ehemann immer wieder, dass sie zu ihm zurück gebracht wird.

„Wir haben nicht genug Geld, um den Brautpreis zurückzuzahlen. Deswegen hat die Situation für viel Spannung zwischen den Familien gesorgt. Jedes Mal, wenn ich wieder zurück zu seinem Haus gebracht werde, habe ich Angst, weil er mich so oft schlägt und mich zwingt, Sachen zu tun, die ich nicht mit ihm machen möchte. Wenn ich wieder zu dem Haus meines Großvaters laufe, werde ich beschimpft und bestraft.“

Psychosoziale Unterstützung

Um sicherzustellen, dass alle Mädchen und Frauen in der Region Gewalttaten melden können und Hilfe erhalten, hat Plan International in den ländlichen Gegenden mobile Schutzeinheiten eingerichtet. Falmata hat sich mit einem Berater von Plan International getroffen und konnte ihm ihre Geschichte an einem sicheren Ort erzählen.

Plan International bietet Falmata nun psychosoziale Unterstützung und eine medizinische Behandlung für ihre Hauterkrankung, die durch Angst ausgelöst wurde. Außerdem ermutigten die Berater Falmata, sich einem Jugendclub in ihrer Gegend anzuschließen, in dem sie grundlegende Alltagsfähigkeiten lernt und sich mit anderen Jugendlichen unterhalten kann. Die neu geschaffenen Freundschaften helfen ihr, mit dem Stress ihrer Situation umgehen zu können.

Kein Geld um Brautpreis zurückzuzahlen

Falmata ist noch immer an ihre Ehe gebunden, da ihre Familie es sich nicht leisten kann, ihrem Ehemann das Brautgeld zurückzuzahlen, das er vor der Hochzeit für sie gezahlt hat. Diese Praktik des Brautpreises ist eine lokale Tradition. Bis ihre Familie das Geld gezahlt hat, lässt Falmatas Ehemann sie nicht zu ihrer Familie zurückgehen.

Trotz dieser Herausforderung ist Falmata zuversichtlich, dass sie bald in Freiheit leben kann: „Mit der Unterstützung, die ich erhalten habe, fühle ich mich selbstbewusster und ich habe die Hoffnung, dass ich eines Tages diese schwierige Situation überwinden werde. Ich möchte mein eigenes Kleidungsgeschäft eröffnen, sodass ich finanziell unabhängig werden kann und mein Brautgeld selbst zurückzahlen kann.“

*Der Name wurde geändert, um ihre Identität zu schützen.

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2 Kommentare zu „Durch Heirat gebunden: Falmatas Kampf um Freiheit“
Michael sagt:

Übelst, dass es solche Praktiken gibt und vom Gesetzgeber her nichts dagegen getan wird. Das ist doch Menschenhandel. Zwar nicht als Baby, aber als Jugendliche. Das Prinzip ist aber das gleiche.

Verstehe ich das richtig: Ich habe Lust auf irgendein Mädchen, zahle dafür Betrag x, was bestimmt nicht 1 Million sondern 100-1000 Euro sind und schon gehört sie mir, so als ob ich z. B. ein Haus was ich gekauft habe auch mein Eigentum ist mit dem ich machen kann was ich will?

Dann wäre es doch eindeutig Menschenhandel und die Gesetzgeber solcher Länder müssten sowohl Gesetze dagegen erlassen und Zuwiderhandlungen unter Strafe stellen UND durch die Justiz auch kontrollieren lassen, also wenn sich betroffene melden, muss die Polizei eingreifen. EGAL ob das bisher Brauch war oder nicht!

Anne Rütten Anne Rütten sagt:

Lieber Michael,
unabhängig von der Religion ist der Brauch, bei Heirat einen Brautpreis zu zahlen, seit Generationen in vielen Gesellschaften verankert. Nicht immer ist der Brautpreis dabei ein Geldbetrag. Gerade in vielen ländlichen Gebieten wird er auch in Naturalien gezahlt. Obwohl es aus deutscher Sicht aussieht wie Menschenhandel und in Deutschland auch als sittenwidrig eingestuft wird, betrachten die meisten praktizierenden Gesellschaften den Brautpreis eher als Geschenk an die Familie der Braut und würden ihn vermutlich nicht als Brautpreis, sondern als Brautgabe bezeichnen.
Verstärkt wird der Eindruck, die Zahlung eines Brautpreises als Menschenhandel anzusehen, durch die Stellung der Frau beziehungsweise Ehefrau in zahlreichen Gesellschaften weltweit. Sie werden häufig als dem Mann untergeordnet angesehen und nicht als Gleichberechtigte.

Hier setzt unsere Arbeit an: Mit unseren Programmen wollen wir die Rechte von Mädchen und Frauen stärken und ins Bewusstsein der Menschen rücken. Häufig wissen sie nichts oder nicht viel darüber, dass Mädchen die gleichen Rechte haben wie Jungen, dass sie ein Recht auf Bildung haben, auf Schutz vor Gewalt und das Recht, über ihren eigenen Körper zu bestimmen.
Um frühe Heirat zu verhindern klären wir über die Folgen dieser traditionellen Praktik auf, insbesondere auch über die möglichen gesundheitlichen Folgen für die Mädchen bei früher Schwangerschaft.
In Niger werden über 70 Prozent der Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Um diese Praktik zu ändern ist viel Überzeugungsarbeit nötig, weil Verbote allein wahrscheinlich nur dazu führen würden, dass die Menschen ihre Tradition heimlich weiterführen.

Viele Grüße vom Plan-Team

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