Aufklärungsunterricht gegen Frühschwangerschaften

von Lara Betz

In der indigenen Provinz Chimborazo in Ecuador werden 15 Prozent der Mädchen schon als Jugendliche schwanger. Meistens müssen sie die Schule verlassen, um sich um ihre Babys zu kümmern. Den Eltern fällt es häufig schwer, mit ihren Kindern über ihre sexuellen und reproduktiven Rechte zu sprechen. Auch in den Schulen findet kaum Aufklärungsunterricht statt. Plan International Ecuador hat deshalb das Programm „Zonen ohne Frühschwangerschaften“ (engl.: „Teenage Pregnancy Free Zones“) eingeführt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes setzen sich auf verschiedene Arten gegen Schwangerschaften bei Jugendlichen ein:

Erika stärkt das Selbstwertgefühl vieler Mädchen und erklärt ihnen ihre sexuellen Rechte. © Plan International/Fabricio Morales

Die 18-jährige Erika ist eine von ihnen. Als Mitglied von Plan Internationals Gruppe globaler Jugendbotschafter hat Erika die First Lady von Ecuador getroffen und mit ihr über die Rechte von Mädchen und wie geschlechtsspezifische Gewalt in ihrem Land bekämpft werden kann, gesprochen.

„Ich bin eine der Leiterinnen eines Clubs für „Zonen ohne Frühschwangerschaft“ in Chimborazo, der Workshops mit Jugendliche veranstaltet, in denen wir über sexuelle Gesundheit und Selbstachtung reden. Wir veranstalten auch Treffen mit Eltern, bei denen wir ihnen mitteilen, was wir gelernt haben“, sagt Erika.

Meistens verlassen schwangere Mädchen die Schule

„Eine Freundin von mir wurde schwanger, als sie 14 Jahre alt war. Ich kannte sie aus der Schule und sie erzählte mir, dass ihre Eltern ihr nie viel Aufmerksamkeit schenkten. Sie forderten sie dazu auf, die Schule zu verlassen und sich stattdessen um die Tiere der Familie zu kümmern“, erzählt Erika.

„Als sie schwanger wurde, war die erste Reaktion ihrer Eltern, sie zu schlagen. Der Vater des Babys, der 17 Jahre alt war, wollte nichts von ihr wissen. Seine Eltern ergriffen Partei für ihn und sagten, dass es ihre Schuld sei, dass sie schwanger geworden sei.

In meiner Schulklasse, hatten die meisten Mädchen keinen Aufklärungsunterricht. Deswegen wurden sie mit 13 oder 14 Jahren schwanger und mussten die Schule verlassen, weil sich die Jungen in der Schule über sie lustig machten und sie sich um die Babys kümmern mussten. Diese Mädchen wurden häufig depressiv, weil die Art, mit der sie behandelt wurden, ihr Selbstbewusstsein zerstörte. Oft wollten sie ihre Babys nicht bekommen.“

Erika ist es wichtig, dass sowohl die Jugendlichen, als auch ihre Eltern sexuell aufgeklärt werden. © Plan International/Fabricio Morales

Der Fokus der Workshops liegt besonders auf dem Selbstwertgefühl, denn ein geringes Selbstwertgefühl bei den Mädchen bedeutet, dass sie sich von den negativen Einstellungen beeinflussen lassen. Man sagt, Mädchen hier sollen keinen Sport machen, sondern stattdessen zu Hause sein und Kleidung waschen oder den Abwasch machen.

„Wenn wir Mädchen Hosen oder Shorts tragen, sagen die Leute, dass wir zu gewagt sind und dass wir Teile unseres Körpers zeigen, die versteckt bleiben sollten. Sie beschimpfen uns und sagen, dass wir wie Männer seien. Wegen diesen Einstellungen gehen viele Mädchen nicht nach draußen.

Frei Entscheidungen über das eigene Leben treffen

Informationen über und der Zugang zu Verhütungsmitteln sind so wichtig, um Schwangerschaften zu verhindern. Sexuelle Aufklärung ist sowohl für Eltern als auch für junge Menschen essentiell, denn das ermöglicht es uns, frei Entscheidungen über unser eigenes Leben und unsere Körper zu treffen. Doch das fehlende Vertrauen zwischen Eltern und Jugendlichen führt dazu, dass sie nicht miteinander über diese Themen reden“, sagt Erika.

„Viele Menschen denken, dass Frauen nur existieren, um Kinder zu bekommen. Sie bräuchten keine Bildung,  weil sie jung verheiratet werden und es deshalb keinen Sinn macht, ihnen diese Möglichkeit zu geben. Aber diese Einstellungen ändern sich nun. Wir haben sehr viel Selbstachtung aufgebaut und sehen nun, dass immer mehr junge Leute entschlossen sind, ihre Ziele zu erreichen – auf einem verantwortungsvollen Weg.“

Francisco ist nun ehrenamtlicher Gesundheitshelfer und kann schwangeren Mädchen und Frauen beistehen und eventuelle Probleme erkennen. © Plan International/Fabricio Morales

Auch Francisco und seine Tochter Gladys setzen sich gegen Frühschwangerschaften ein. Francisco ist im Vergleich zu vielen in seiner Gemeinde ein freidenkender Vater. Er und seine 17-jährige Tochter Gladys nehmen beide an Plan Internationals Programm „Zonen ohne Frühschwangerschaften“ in Chimborazo teil. Francisco spricht offen mit seiner Tochter über sexuelle Aufklärung und erklärt ihr, warum sie sich erst mal eine eigene Zukunft aufbauen sollte, bevor sie heiratet und Kinder bekommt.

Ein Bericht von Plan International Ecuador von 2017 über Gewalt gegen Mädchen zeigt, dass die Gewalt und Diskriminierung, die von schwangeren indigenen Mädchen erfahren wird, so üblich ist, dass sie Frühschwangerschaften mit Vergewaltigung und Gewalt verbinden. Manchmal sind sogar die Eltern die Straftäter.

Aber Francisco ist anders: „Ich möchte nicht, dass Gladys schwanger wird, aber ich würde sie nicht schlagen oder schimpfen, wenn sie doch schwanger werden würde“, sagt er. „Ich gebe ihr Rat und lasse sie von meinen Erfahrungen profitieren.“

Francisco hilft schwangeren Frauen

In den vergangenen Monaten, hat Francisco ein Training von Plan International Ecuador erhalten, um ein ehrenamtlicher Gesundheitshelfer zu werden, sodass er eines Tages jungen Müttern und ihren Babys lebensrettende Hilfe bieten kann.

Weltweit sind Probleme bei der Schwangerschaft und der Geburt der häufigste Todesgrund bei 15- bis 19-jährigen Mädchen. Deshalb lernt Francisco, die Warnzeichen bei Schwangerschaften von jugendlichen Mädchen zu erkennen und ihnen zu helfen.

Francisco möchte nicht, dass seine Tochter Gladys (r.) als Jugendliche schwanger wird. Aber er würde sie nicht schlagen, wenn sie es doch würde. © Plan International/Fabricio Morales

Gladys ist eine der 325 Jugendlichen, die an einem der zweiwöchentlichen Clubs des Programms teilnehmen. Gemeinsam mit ihren Freunden besucht sie regelmäßig ein örtliches Gesundheitszentrum, um kostenlose Verhütungsmittel abzuholen.

Sie weiß, warum dies so wichtig für sie ist. „Wir müssen lernen und die Schule abschließen, sodass wir zur Universität gehen und Karriere machen können“, sagt sie.

Gladys hofft auf mehr Gleichberechtigung

Gladys sieht nur sehr wenig Gleichberechtigung in ihrer Gemeinde. „Die Männer gehen mit anderen Frauen weg und vergessen die Frau, mit der sie vorher zusammen waren, und ihre Kinder“, sagt sie. „Sie sagen, dass es nicht ihr Baby sei und dass sie nichts mit der Frau oder dem Baby zu tun haben wollen.“

Das ist nicht die Zukunft, die sie sich selber vorstellt. Sie möchte eines Tages eine Familie haben – aber erst, wenn sie ihren Traum, Ärztin zu werden, erreicht hat.

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