„Ich war noch nie in der Schule”

von Lara Betz

In Südsudan hindern viele Barrieren Mädchen daran, zur Schule zu gehen. Oft müssen die Mädchen viele Aufgaben im Haushalt erledigen oder sich um ihre Geschwister kümmern. Außerdem sind die Eltern zu arm, um die Schulgebühren für ihre Kinder zahlen zu können. Die 14-jährige Helena war noch in der Schule, weil sie jeden Tag auf die Rinderherde ihrer Familie aufpassen muss.

Anstatt zur Schule zu gehen, verbringt Helena den ganzen Tag bei den Kühen. © Kate Holt/Plan International

Anstatt zur Schule zu gehen, verbringt Helena den ganzen Tag bei den Kühen. © Kate Holt/Plan International

„Ich stamme vom Volk der Nyangatom. Letztes Jahr bin ich mit meiner Familie nach ins Landesinnere nach Rumbek geflohen, weil wir von einem anderen Stamm verfolgt wurden. Wir mussten alles zurücklassen – unser Haus, unsere Kleidung und unsere Besitztümer. Wir haben auch viele unserer Rinder verloren. Rund um unser Haus wurde gekämpft. Ich hatte große Angst. Mein Onkel und mein Cousin wurden erschossen, als sie versucht haben, unsere Rinder zu beschützen.

Wir sind als Familie hierhergekommen. Wir sind zu sechst, einschließlich meiner Mutter und meinen Geschwistern. Mein Vater ist tot. Er war krank und starb, kurz nachdem wir hier angekommen sind. Auch zwei meiner Brüder sind an einer Krankheit gestorben. Eine ärztliche Behandlung konnten wir uns nicht leisten.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, geht es mir immer schlecht, aber nun fühle ich mich sicher. Ich möchte hier bleiben, weil es nicht so gefährlich ist, wie in meinem Heimatdorf.

Wir können die Gebühren nicht zahlen

Ich bin noch nie zur Schule gegangen, weil ich mich um unsere zwanzig Kühe kümmern muss, und weil wir die Schulgebühren nicht zahlen können. Keiner meiner Brüder und Schwestern geht deswegen zur Schule.

Wir essen einmal am Tag – normalerweise Haferbrei und Gemüse. Mein Lieblingsessen ist Milch – diese bekommen wir von unseren Kühen, die ich morgens und abends melke. Manchmal gibt es Tage, an denen wir nicht essen, weil es einfach nichts zu essen gibt. Dann bin ich sehr hungrig, fühle mich zittrig und habe keine Energie.

Ich möchte zur Schule gehen, aber das geht einfach nicht. Übers Heiraten mache ich mir noch keine Sorgen, weil ich noch sehr jung bin. Meine größte Sorge ist, jeden Tag etwas zu Essen zu bekommen.

Ich bleibe den ganzen Tag bei den Kühen

Ich wache auf, bevor die Sonne aufgeht – also so um sechs Uhr. Dann bringe ich die Rinder auf das Feld. Ich bleibe den ganzen Tag draußen, während die Kühe grasen, und bringe sie abends wieder zurück, um sie zu melken. Nach dem Melken bringen wir sie wieder auf die Weide und holen sie dann für die Nacht zurück. Ich bleibe die ganze Zeit bei ihnen. Manchmal habe ich Angst, dass jemand unsere Rinder stehlen möchte. Das ist mir einmal passiert. Dann bin ich zurück nach Hause gelaufen und mit Soldaten wiedergekommen, die uns geholfen haben, die Kühe zurückzubekommen.

Meine Hoffnung für die Zukunft ist, dass ich zur Schule gehen kann, anstatt unsere Rinder zu hüten. Ich spiele gerne mit meiner Freundin, aber wegen meiner Arbeit nicht so häufig. Wir setzen uns hin und reden. Manchmal spielen wir Fußball und springen auf und ab. Viel mehr haben wir nicht zum Spielen.“

An manchen Tagen hat Helenas Familie nicht genug zu Essen. Dann fühlt sich Helena sehr schwach. © Kate Holt/Plan International

An manchen Tagen hat Helenas Familie nicht genug zu Essen. Dann fühlt sich Helena sehr schwach. © Kate Holt/Plan International

Die Krise in Südsudan betrifft viele Menschen, vor allem Mädchen im Alter von 10 bis 19 Jahren. Sie sind häufig sexueller Gewalt ausgesetzt und es besteht, vor allem in ländlichen Gegenden, das Risiko, dass sie früh verheiratet werden. Auch gehen Mädchen dort seltener als Jungen zur Schule. Eine Studie von Plan International und der Monash-Universität hat die Situation von jugendlichen Mädchen in der Krisenregion untersucht.

77 Prozent der Mädchen hungern

Die Studie stellte fest, dass in Südsudan nur 16 Prozent der Mädchen über 15 Jahre lesen und schreiben können. Das liegt zum einen daran, dass viele Schulen in dem Konflikt zerstört wurden. Der Hauptgrund ist allerdings die Armut der Familien: Rund 44 Prozent der befragten Mädchen gaben an, dass sie sich die Schulgebühren nicht leisten könnten. Zudem müssen viele Mädchen Aufgaben im Haushalt übernehmen und sich um ihre Geschwister kümmern, weshalb sie nicht zur Schule gehen können.

77 Prozent der Mädchen haben außerdem nicht genug zu essen. Dies wirkt sich stark auf ihre Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit aus. Weil sie nicht genug Mittel haben, um alle Familienmitglieder ausreichend zu ernähren, essen viele Familien seltener und qualitativ schlechteres Essen. Der Hunger ist auch einer der Gründe, warum viele Mädchen keine Schule besuchen.

 

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