Gemeinsam für ein friedliches Familienleben

von Lara Betz

In Kambodscha ist die Rate von häuslicher Gewalt sehr hoch. Einer aktuellen Studie der Regierung zufolge wurde eine von drei Frauen bereits von ihrem Ehemann geschlagen. Auch Hem gehörte dazu. Mit Hilfe von Plan International konnten sie und ihr Mann einen Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt finden.

Kach und Hem haben durch das Netzwerk zum Schutz von Familien von Plan International einen Weg aus der häuslichen Gewalt gefunden. © Plan International/Stephan Rumpf

Gewalt gegen Frauen wird in ländlichen Gegenden in Kambodscha oft toleriert. So sagt ein örtliches Sprichwort, Männer seien wertvolle Steine, während Frauen weiße Kleidung seien, die schnell dreckig werden kann. Kaum eine der geschlagenen Frauen wehrt sich gegen die Gewalt. Die Hälfte der befragten Frauen sehen Schläge als eine angemessene Strafe, wenn sie zum Beispiel das Essen anbrennen lassen, einen Streit mit ihrem Mann anfangen oder sich weigern, mit ihm zu schlafen.

Man kann Hem ansehen, dass sie in ihrem Leben viel Leid erlitten hat. Die 49-jährige, kleine Frau hat tiefe Falten auf ihrer Stirn und einen ernsten Blick. Im Schneidersitz auf einer Bambusmatte sitzend, drückt sie ihre kleine Enkeltochter eng an ihre Brust. Es sieht fast so aus, als würde sie sich an dem Kind festhalten und nicht andersherum.

„Er brauchte nur einen kleinen Grund, um mich zu schlagen“, sagt Hem. „Einmal, weil das Suppenpulver fehlte, ein anderes Mal, weil ich das Essen nicht rechtzeitig gekocht hatte.“

Bevor Hem und ihr Mann Kach an dem Netzwerk teilnahmen, schlug Kach sie oft. © Plan International/Stephan Rumpf

Wie die meisten Menschen im ländlichen Siem Reap, sind Hem und ihr gleichaltriger Mann Kach Reisbauern und machen sich jedes Jahr Sorgen, ob die Ernte gut sein wird. Um ihr Einkommen aufzubessern, flechten sie Bambuskörbe. Aber sie sind trotzdem noch sehr arm, und manchmal eskaliert die Situation in Gewalt.

Hem sah keinen anderen Ausweg, als zu trinken. Reisschnaps und Bier sind günstig in Kambodscha. Doch der Alkohol machte alles schlimmer: „Ich war so betrunken, dass ich die Kinder vernachlässigt habe. Ich habe nicht einmal gemerkt, wenn sie in ihre Hose gemacht hatten und wechselte ihre Kleidung nicht.“ Das machte Kach noch wütender – sie waren in einem Teufelskreis gefangen.

Vor fünf Jahren entschied sich Hem, ihren Mann zu verlassen und die Scheidung einzureichen. Sie wollte an einen anderen Ort gehen, egal wo. Aber dann hörte sie von dem Netzwerk zum Schutz von Familien (engl.: „Family Protection Network“), das von Plan International unterstützt wird und dabei helfen soll, Gewalt in Familien zu verhindern.

Austausch in einer geschützten Umgebung

Hem und ihr Mann nahmen daran teil. Sie besuchten jeden Monat die sogenannte „geschlossene Gruppe“. Hier konnten sie in einer geschützten Umgebung und mit der Hilfe von Experten über ihre Probleme reden. Zuerst schämten sie sich, über ihre Konflikte zu sprechen, aber mit der Zeit merkten sie, dass es erleichternd war, ihre Probleme teilen zu können.

Kach versprach, zu versuchen, seine Wut besser zu kontrollieren. Wenn er den Impuls fühlte, seine Frau zu schlagen, verließ er das Haus und kam erst wieder, wenn er sich beruhigt hatte. Sie stimmte zu, nicht mehr zu trinken und Schritt für Schritt wieder die Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. Nun sind sie ein Vorbild für andere Paare, die ähnliche Probleme haben.

Zu dem Netzwerk zum Schutz von Familien gehören Gemeindevorsteherinnern und -vorsteher, unter anderem die Polizei und der Bürgermeister, sowie Gemeindemitglieder, die auf Gewalt verzichten und nun anderen helfen möchten. Die Initiative startete 2007 als Pilotprojekt und wurde erfolgreich ausgebaut. So gibt es zurzeit Netzwerke in 130 Dörfern in Siem Reap im Norden und in Tbong Khmum im Osten von Kambodscha.

Der Polizist Khann Sambo wird oft gerufen, um bei häuslichen Auseinandersetzungen zu helfen. © Plan International/Stephan Rumpf

Der 39-Jährige Khann Sambo ist Polizist und wird oft zu gewalttätigen häuslichen Auseinandersetzungen gerufen. Gewalt in Familien sei das größte Problem in seiner Gemeinde, sagt er und erklärt warum: Armut, Alkohol und mangelnde Bildung. Meistens gäbe es wenige Konsequenzen für Männer. Nur in seltenen Fällen käme es zu Gerichtsverfahren  – nur dann, wenn die Frauen mit schweren Verletzungen zum Gesundheitszentrum gebracht werden. „Das größte Problem ist, dass die Männer die Haupternährer der Familie sind“, sagt der Polizist. „Und welche Frau kann so viele Kinder alleine ernähren? Also ist es besser für alle, sich zu einigen.“

Für Khann ist der Hauptgrund der Gewalt die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen: „Viele Männer möchten sich ihren Frauen gegenüber nicht unterlegen fühlen. Sie mögen es nicht, wenn ihre Frauen ihnen widersprechen. Zum Beispiel, wenn eine Frau ihrem Mann vorhält, dass das Land, auf dem ihr Haus steht, ihren Eltern gehört.“

Lernen, dass Gewalt keine Lösung ist

Khann findet es gut, dass verheiratete Paare im Netzwerk zum Schutz von Familien Hilfe bekommen können und Gewalt in den Gruppen oder in den Kommunalausschüssen für Frauen und Kinder diskutiert werden kann. Am Ende einer Streitschlichtung muss der Mann öffentlich bekennen, dass er nie wieder gewalttätig wird.

Trotzdem muss es bereits früher Maßnahmen geben. Kinder, die Erwachsenen von morgen, müssen involviert werden. Es ist wichtig, dass sie schon in jungen Jahren lernen, dass Gewalt keine Lösung ist – auch wenn sie es teilweise noch anders vorgelebt bekommen. Zu diesem Zweck hat Plan International 2014 die Theatergruppe „Bellsound“ gegründet. Dort drücken die teilnehmenden Kinder ihre Meinungen frei aus und  lernen, dass Mädchen und Jungs, genauso wie Frauen und Männer, die gleichen Rechte haben.

Auch Khann Sambo nimmt auch an einem Theaterstück teil und zeigt gemeinsam mit den Kindern, dass man ein Leben ohne Gewalt führen sollte. © Plan International/Stephan Rumpf

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