Vietnams verschwindende Töchter

von Lara Betz

Immer mehr vietnamesische Mädchen werden aus Dörfern nahe der chinesischen Grenze entführt und als Bräute nach China verkauft. Denn ein Mädchen aus Vietnam zu kaufen, um sie zu heiraten, ist um ein Vielfaches billiger, als eine Braut in China zu finden. Der Menschenhandel zerstört das Leben der jungen Frauen und das ihrer Familien.

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In Vietnam nahe der chinesischen Grenze verschwinden in den letzten Jahren immer mehr Mädchen. © Vincent Tremeau/Plan International

In den abgelegenen Gegenden im Norden Vietnams verschwinden Mädchen. Allein während der vergangenen drei Jahre sind Hunderte nicht mehr nach Hause gekommen. Mädchen, teilweise jünger als 13, werden von Brauthändlern entführt und nach China verschleppt. Dort werden sie gegen ihren Willen als minderjährige Bräute verkauft.

Diese Art der Zwangsverheiratung gibt es schon länger, doch in den vergangenen zehn Jahren ist die Anzahl an Fälle langsam und stetig gewachsen. Eine Ursache liegt darin, dass in China deutlich mehr Söhne als Töchter geboren werden. Diese Entwicklung raubt den jungen Mädchen aus Vietnam ihre Rechte und ihre Kindheit.

2030: 30 Millionen mehr Männer

Die Bevorzugung von Söhnen ist tief in der chinesischen Gesellschaft verwurzelt. Seit über 200 Jahren sind gezielte Abtreibungen und der Kindesmord von Mädchen übliche Praktiken. Zusätzlich hat die Ein-Kind-Politik in China dazu geführt, dass im Land nun ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern herrscht. Prognosen besagen, dass im Jahr 2030 etwa 30 Millionen mehr Männer als Frauen in China leben werden. Und alle konkurrieren darum, eine Ehefrau zu finden.

Schon jetzt ist die Situation für chinesische Männer schwierig. Der Tradition zufolge muss der Bräutigam vor der Hochzeit ein Brautgeld an seine künftigen Schwiegereltern zahlen. In der Vergangenheit war dies meist ein kleines Geldgeschenk. Heutzutage können chinesische Frauen und ihre Familien angesichts der Vielzahl an Bewerbern wählerisch sein. Und so verlangen sie nicht mehr nur ein wenig Geld, sondern einen sehr hohen Preis, wenn jemand sie heiraten will.

Auch wenn die Angaben zu den „Brautpreisen“ stark variieren: Angehende Ehemänner müssen damit rechnen, in vielen Teilen Chinas 16 000 Dollar (etwa 13 000 Euro) und mehr für ihre Angetraute zahlen zu müssen. Ein Preis, den sich ein Großteil der Bevölkerung nicht leisten kann. Zum Vergleich: Eine verschleppte Kinderbraut aus Vietnam „kostet“ 5000 Dollar (4000 Euro). Diese bezahlbare Option treibt den Menschenhandel an, der Familien zerrreißt und das Leben der Mädchen zerstört.

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Do ist sterbenskrank. Ihr einziger Wunsch: ihre Tochter wiederzusehen. © Vincent Tremeau/Plan International

Familien wie die von Do. Als sie 56 Jahre alt ist, wird bei ihr eine unheilbare Krankheit diagnostiziert. Sie wird aus dem Krankenhaus entlassen und kehrt in ihre Heimat in den vietnamesischen Bergen zurück, um dort ihre letzten Lebenstage zu verbringen. Ihr einziger Wunsch ist es, ihre Tochter Mi noch einmal wiederzusehen, bevor sie stirbt. Aber Mi wird seit über zwei Jahren vermisst, und niemand hat eine Idee, wo sie sein könnte.

Sie zeigen Mis Foto jedem, den sie treffen

An dem Tag, als sie entführt wurde, wollte Mi Besorgungen auf dem Wochenmarkt erledigen. Als Mi nicht zurückkehrt, beginnen Do und ihre Familie sofort mit der Suche nach ihr. Sie finden heraus, dass einige Händler beobachten konnten, dass Mi von zwei Männern verfolgt wurde, als sie den Markt verließ.

Mis Angehörige folgten ihrer Fährte noch 150 Kilometer weit zur Stadt Ha Giang City. Doch als sie dort ankommen, ist Mi nicht mehr dort. Niemand hat sie gesehen, aber die Bewohner von Ha Giang City sagen Do und ihrer Familie, dass ihre Tochter vermutlich nach China verschleppt wurde, um dort als Braut verkauft zu werden.

Alles, was der Familie von Mi bleibt, ist ein Foto von ihr. Sie zeigen es jedem, den sie treffen, in der Hoffnung, dass jemand sie erkennt und so dabei hilft, dass Mi wieder nach Hause kommt. In den vergangenen zwei Jahren seit Mis Verschwinden wurden drei weitere Mädchen aus ihrem Dorf gekidnappt. Jeder der 50 Bewohner kannte die Mädchen. Ihr Verschwinden war für alle eine schmerzvolle Erfahrung.

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Mis Schwägerin leidet sehr unter dem Verschwinden der Mädchen. © Vincent Tremeau/Plan International

Mis Schwägerin haben die Vorfälle besonders schwer getroffen, und sie lässt es deswegen nicht mehr zu, dass weibliche Familienmitglieder allein das Dorf verlassen. Sie selbst geht nur noch in Begleitung ihres Mannes zum Markt. Sie sagt, dass sie sich jeden Tag Sorgen darum macht, was die Zukunft für ihre kleine Tochter bereithält, sollten die Entführungen weitergehen.

Das Leben in den Bergen Vietnams ist hart

Die Familie lebt tief verborgen in den Bergen Ha Giang-Provinz. Dort hatte vor Mis Verschwinden noch nie jemand etwas von Menschenhandel gehört. Das Dorf befindet sich in 1200 Metern Höhe, die nächste Stadt ist sieben Kilometer entfernt. Es liegt so abgelegen, dass man es nur zu Fuß oder mit einem Motorrad erreichen kann. Der Zugang zu diesem Teil des Landes ist sehr beschränkt, sodass es nur selten vorkommt, dass die Dorfbewohner unbekannte Gesichter auf den Bergpfaden sehen. Nur auf dem belebten Wochenmarkt in Meo Vac kommt die Gemeinschaft nicht nur mit Freunden, sondern auch mit Fremden zusammen.

Das Leben hier ist extrem hart. Früher war das indigene Volk der Hmong, das diesen Teil des Landes bewohnt, wohlhabend. Doch der Klima-Wandel hatte dramatischen Einfluss auf ihr Leben, und heute ist es jeder Tag ein harter Kampf ums Überleben. Der Boden ist steinig, und es gibt nur wenig fruchtbares Land. Also muss jede Familie regelmäßig ins Tal gehen, dort Erde sammeln, um mit dieser auf den Anhöhen Ackerbau betreiben zu können. Mais ist die Hauptnahrungsquelle der Menschen und wird in der kargen Gegend auch als Brennstoff verwendet. Doch der angebaute Mais verdirbt häufig, und so ist Nahrung sehr knapp. Feuer wird nur zum Kochen entzündet. Ein Feuer anzumachen, nur um sich zu wärmen, gilt sogar im tiefsten Winter als unerschwinglicher Luxus.

Weil das Leben in den Bergen Ha Giang-Provinz so beschwerlich ist, brechen viele Mädchen die Schule ab, um ihren Familien helfen zu können. Die Väter und älteren Geschwister verlassen ihre Familien teilweise monatelang, um woanders als Leiharbeiter zu arbeiten. Also müssen die Kinder ihren Platz einnehmen und den Haushalt erledigen.

Menschenhändler nutzen das Vertrauen schamlos aus

Je größer die Familie, desto mehr ist zu tun: Frühstück machen, Mais anpflanzen, die Felder pflegen, den Mais schälen, die Hühner füttern, Wäsche waschen, den Mais mahlen, Leinen weben, Mittagsessen kochen, Futter für die Kühe und die Schweine finden, Wasser holen, Abendessen kochen, auf die jüngeren Kinder aufpassen, während deren Mütter arbeiten sind. Alle helfen sich gegenseitig in dieser rauen Gegend. Dadurch, dass die Menschen hier so abgeschieden leben, mussten sie niemals misstrauisch gegenüber Fremden oder den Absichten ihrer Mitmenschen sein. Diese Gutgläubigkeit nutzen die Menschenhändler schamlos aus.

Manche investieren Monate, um ein Mädchen kennenzulernen. Sie geben vor, ein Freund zu sein, bevor sie ihnen erzählen, dass sie ihnen dabei helfen können, einen Job in China zu bekommen. Sie lassen die Mädchen glauben, dass die Löhne in China höher und das Leben dort besser ist. Viele Mädchen denken, dass sie dadurch ihren Familien helfen können und gehen freiwillig mit den Brauthändlern mit. Und finden, sobald sie die Grenzen überqueren, schnell heraus, dass sie auf grausame Weise betrogen worden sind.

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Dinh konnte ihren Entführern entkommen. © Vincent Tremeau/Plan International

Auch Dinh (18) glaubte den Lügen der Brauthändler. Mit 15 ging sie mit ihrer Freundin Lia zum Markt. Zwei Männer boten den Mädchen an, sie nach Hause zu fahren. Die Mädchen willigten dankbar ein, denn der Weg zu ihrem Dorf ist lang und beschwerlich. Doch schnell wurde klar, dass sie in die falsche Richtung fuhren.

Minderjährige Bräute haben keine Rechte

Auf dem Weg wird Dinh von Lia getrennt und nach China gebracht. Dort wird sie in ein Haus eingeschlossen. Die Männer sagen ihr, dass sie als Braut an jemanden verkauft werden wird. Während sie mit einer Waffe bedroht wird, machen ihre Entführer Bilder von ihr für ihren Käufer. Sie erzählen ihr, dass sie sie erschießen, sollte sie sich weigern, zu heiraten. Und obwohl sie viele Male versucht, zu entkommen, braucht sie acht Monate um erfolgreich zu fliehen.

Mädchen wie Dinh haben Glück im Unglück. Vielen anderen aber gelingt es nicht zu entkommen. Zwangsehen sind in China rechtlich verboten, aber trotzdem gibt es nach wie vor zahlreiche Fälle, durch die das Leben von Millionen von Mädchen zerstört wird. „Sobald ein Mädchen als Braut verkauft wird, werden ihr all ihre Rechte entzogen“, sagt Sharon Kane, die Landeskoordinatorin von Plan International in Vietnam. „Sie werden der Möglichkeit beraubt, zur Schule zu gehen, ihre Hoffnungen und Träume von einem besseren Leben werden auf der Stelle zerstört.“

Viele Mädchen sind häuslicher und sexueller Gewalt ausgesetzt, sobald sie an ihre neuen „Ehemänner“ übergeben werden. Das verursacht bei den Mädchen nicht nur psychische und gesundheitliche Schäden, sondern bringt auch ihre physische Gesundheit in Gefahr: Dann nämlich, wenn die Mädchen, selbst noch Kinder , schwanger werden und ein Kind austragen müssen, bevor ihre Körper dazu in der Lage sind.

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Auch Vus Tochter Lia wurde von den Menschenhändlern verschleppt. © Vincent Tremeau/Plan International

Dinh lebt heute wieder in Sicherheit, für ihre Nachbarin Vu (39) gab es jedoch kein Happy End. Ihre Tochter Lia, die zusammen mit Dinh entführt worden war, ist nicht zurückgekehrt. Vu weiß sehr genau, was mit den verschleppten Mädchen passiert und muss immer daran denken, was wohl ihrer Tochter zugestoßen ist und unter welchen Bedingungen sie nun leben muss.

Nachrichten verbreiten sich nur langsam

Das Verwinden von Lia frisst ihren Bruder Sung (17) innerlich auf. Lia war seine beste Freundin, und er kann sich nicht damit abfinden, dass er sie nicht nach Hause bringen konnte, egal, wie sehr er es versuchte. Alles was Sung und seine Mutter von Lia noch haben, sind ihre Erinnerungen an sie und ein Foto, das für jeden sichtbar an einer Wand in ihrem Haus hängt.

Viele Menschen in Vietnam wissen nichts darüber, dass es in China einen Markt für junge vietnamesische Bräute gibt und dass Familien nahe der Grenze im Visier der Menschenhändler stehen, die so den Bedarf an jungen Bräuten decken wollen. Denn Nachrichten verbreiten sich nur langsam in der Bergregion.

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Selbst wenn die Mädchen gefunden werden, haben sie Schwierigkeiten in ihr altes Leben zurückzufinden. © Vincent Tremeau/Plan International

Die Dunkelziffer an Entführungen ist vermutlich viel höher als offizielle Zahlen es vermuten lassen, denn viele Familien melden es nicht, wenn ihre Tochter vermisst wird. Laut Angaben der vietnamesischen Regierung gab es 300 Fälle von Menschenhandel zwischen Januar und März 2017. Die Organisation „Child Helpline International“ erhielt in den vergangenen drei Jahren knapp 8000 Anrufe aus Vietnam, bei denen es um Menschenhandel ging.

Der Weg nach Hause ist lang und komplex

Selbst wenn es gelingt, Mädchen zu finden: Der Rettungs- und Rückführungsprozess ist lang und komplex. Und es gibt nur wenige Möglichkeiten für die Betroffenen, das Erlebte mit professioneller Hilfe zu verarbeiten. Auch sind die Stigmata und Vorurteilen ausgesetzt, wenn sie in ihre Dörfer zurückkommen. In ihr altes Leben zurückzukehren, wird dadurch deutlich erschwert.

Plan International ist in Schulen und Gemeinden in der Ha Giang-Provinz im Einsatz, um Mädchen über die Gefahren des Menschenhandels aufzuklären und sie so vor einem ähnlichen Schicksal wie das von Mi und Lia zu bewahren. Zudem betreibt Plan gemeinsam mit der Blue Dragon Children’s Foundation und Hagar International Lobbyarbeit. Durch Gespräche mit Politikern und der Regierung sollen diese davon überzeugt werden, mehr dafür zu tun, dass die vermissten Mädchen gefunden und die Menschenhändler zur Anklage gebracht werden.

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