„Ich lebe in einem Land, das Gleichberechtigung groß schreibt, aber…“

von Annika Best
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Der kanadische Premierminister Justin Trudeau mit Breanne, mit der er am Welt-Mädchentag das Büro teilte. © Plan International/CNW Group

Kein Land der Welt wird bis 2030 eine völlige Gleichberechtigung erreichen – so lautet die Warnung von Plan International. Grund dafür sind diskriminierende Geschlechterrollen, die auch vermeintlich fortschrittliche Länder dominieren. Heidi, Breanne und Milly haben alle drei mit solchen Stereotypen zu kämpfen.  

Kein Land der Welt wird, wie in den Zielen für nachhaltige Entwicklung festgelegt, bis 2030 wirkliche Geschlechtergerechtigkeit erreichen. Anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos Ende Januar erstellte Plan International eine Analyse. Diese ergab, dass selbst in Ländern mit einem hohen Grad an Gleichberechtigung diskriminierende Geschlechterrollen dominieren, die Mädchen und Frauen auch 2030 noch benachteiligen werden.

Im Jahr 2015 beschlossen die Vereinten Nationen die Ziele für nachhaltige Entwicklung, die Sustainable Development Goals (SDGs). Das fünfte Ziel fordert, dass bis 2030 eine Geschlechtergleichstellung zu erreichen ist, die alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigt.

Wenn man Menschen nach ihrer Meinung fragt, in welchen Ländern Geschlechtergerechtigkeit wohl ein wichtiges Thema – und auch schon weitgehend umgesetzt – ist, würden bestimmt einige Finnland, Kanada oder auch Australien nennen. Und das zu recht: Finnland beispielsweise ist bekannt für seine exzellenten Antidiskriminierungsgesetze und seine hohe Anzahl an erwerbstätigen Frauen in Vollzeit. Doch auch finnische Frauen werden immer noch in vielen Lebensbereichen benachteiligt.

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Heidi wurde Opfer psychischer Gewalt. © Plan International

Jede zweite Finnin war oder ist Opfer psychischer Gewalt

Schädliche Geschlechterstereotype, die eine Dominanz des männlichen Geschlechts suggerieren, haben nach wie vor einen besorgniserregenden Einfluss auf das Leben vieler: Jede zweite finnische Frau sagt, dass sie Opfer von psychischer Gewalt geworden ist. Heidi, 35, aus Tampere konnte vor einigen Jahren einer Beziehung entkommen, in der emotionaler Missbrauch an der Tagesordnung war.

„Die Beziehung begann wie so viele andere: Wir haben uns getroffen, er schenkte mir Blumen, es schien so, als würde er mich wertschätzen“, erzählt sie. Nach nur wenigen Monaten schlug er vor, zusammen zu ziehen. „Kurze Zeit später standen seine Sachen schon in meiner Wohnung.“ Nach und nach wurde die Zeit, die sie nur für sich hatte, immer kürzer. „Wenn ich nur eine Minute später zu Hause war, fing er an, mich anzuschreien, warf mit Gegenständen nach mir und behauptete, ich würde ihn betrügen“, sagt Heidi.

Irgendwann wurde dieses Szenario alltäglich. So ging es einige Jahre. Trotz allem war es schwierig für Heidi, ihren Partner zu verlassen. Sie sagt: „Wenn dich jemand immerzu schlecht macht und unterschätzt, denkst du irgendwann selbst, dass du schwach bist und sich niemand um dich sorgt.“ Irgendwann gelangt es ihr, ihren Partner zu verlassen. „Ich lebe in einem Land, das Gleichberechtigung groß schreibt, aber jeden Tag passieren in unseren Wohnzimmern schreckliche Dinge.”

Kanada: Ein Vorreiter, aber längst nicht am Ziel

Kanada gilt, unter anderem dank seines Premierministers Justin Trudeau, als Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung. Kanada hat hier mehr geleistet als die meisten anderen Nationen: Das Verhältnis von männlichen und weiblichen Abgeordneten im Parlament ist ausgeglichen, und es gibt eine bundesstaatliche Strategie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Trotzdem hat Kanada noch einen langen Weg vor sich, bevor es sich als wirklich gleichberechtigt bezeichnen darf.

Selbst in Kanada verrichtet eine Frau im Durchschnitt 254 Minuten unbezahlte Arbeit am Tag: Kochen, Putzen, die Kinder versorgen. Ein Mann hingegen beschäftigt sich lediglich 160 Minuten am Tag mit diesen Dingen. Darüber hinaus erhalten Männer rund ein Fünftel mehr Gehalt als ihre Kolleginnen, und nur 22 Prozent Frauen arbeiten in der IT, also in der Telekommunikation, im Wissenschafts- und Techniksektor.

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Breanne ist häufig frustriert, weil sie von Kommilitonen nicht ernst genommen wird. © Plan International

„Jeder mag schlaue Mädchen“

Breanne, 23, ist eine Jura-Studentin aus Manitoba. Auch sie war schon häufig frustriert, weil sie im Studium nicht ernst genommen wird. „Recht ist ein Berufsfeld, das typischerweise von Männern dominiert wird“, sagt sie. „Ich studiere nun seit einem Jahr und bin schon jetzt an Grenzen gestoßen, nur weil ich eine Frau bin.“ Als ihr ein Job im Justizministerium angeboten wurde, kam einer ihrer männlichen Kommilitonen zu ihr und frage: „So, wie hast du nun wirklich den Job im Justizministerium bekommen?“

„Ich habe aufgehört zu zählen, wie häufig meine männlichen Kommilitonen versucht haben, mir auf besserwisserische Art und Weise Dinge zu erklären. Genauso rege ich mich nicht mehr auf, wenn Leute sagen: Oh, Jura! Jeder mag schlaue Mädchen.“ Mit seiner #GirlsBelongHere-Initiative möchte Plan International Kanada Mädchen dazu ermuntern, den Beruf zu ergreifen von dem sie träumen. Im Rahmen der #GirlsBelongHere-Initiative, die Teil von Plans weltweiter #GirlsTakeover-Aktion ist, teilte sich Breanne im vergangenen Oktober das Büro mit Premierminister Justin Trudeau.

„Es war eine traumatische Erfahrung“

75 Prozent der Frauen in Australien haben bereits physische oder sexuelle Gewalt erlebt. Zu diesem Ergebnis kam Plan International Australien im Rahmen einer Untersuchung. Jede dritte Frau hat demnach Angst, nachts rauszugehen.

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Milly wurde von einem Mann in einer Bar sexuell belästigt. Und sagt: „Ich war erschrocken, wie die Leute in der Bar darauf reagierten.“ © Plan International

Milly, 24, aus Melbourne, wurde auch schon einmal Opfer von sexueller Belästigung; in einer Bar in ihrer Stadt. „Es war eine traumatische Erfahrung. Nicht der tätliche Angriff selbst, sondern die Zeit danach”, sagt Milly. „Nicht der Mann, der mich belästigt hatte, wurde aus der Bar geschmissen, sondern ich. Ich hätte mich angeblich zu sehr über den Vorfall aufgeregt. Es wurde deswegen sogar die Polizei gerufen.”

In Australien hat Plan International die „Free to Be“-Online-Plattform gestartet, die dabei helfen soll, Melbourne sicherer zu machen. Mädchen und junge Frauen können dabei in einer Karte eintragen, welche Orte sie als sicher und welche sie als gefährlich einstufen. Die gesammelten Daten werden dann wichtigen Entscheidungsträgern präsentiert, beispielsweise der Stadtverwaltung und Anbietern von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Stereotype und Rollenbilder müssen sich ändern

Die Geschichten der drei jungen Frauen zeigen, welche Auswirkungen fragwürdige Geschlechternormen auch in angeblich gleichberechtigten Ländern haben können. Plan International glaubt fest daran, dass gesellschaftlich tief verwurzelte Rollenbilder, die Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen und Mädchen rechtfertigen sollen, geändert werden müssen. Und das muss überall passieren; gleichgültig, ob es sich um reiche Industrienationen handelt oder um die 56 Entwicklungsländer, in denen Plan International tätig ist.

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