Rohingya-Krise: Salmas Alltag im Flüchtlingscamp

von Lilli Gretemeier

Seit der Eskalation der Gewalt in Myanmar im August dieses Jahres mussten mehr als eine halbe Millionen Rohingya aus ihren Häusern fliehen und in Bangladesch Zuflucht suchen. Salma (12) erzählt uns vom Alltag im Flüchtlingscamp.

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Salma (12) floh mit ihrer Familie im September nach Bangladesch. © Plan International / Saikat Mojumder

In Myanmar geht das Militär seit August verstärkt gegen die Minderheit der Rohingya vor. Es wurden ganze Dörfer niedergebrannt und Hunderte starben. Täglich kommen tausende Flüchtlinge aus Myanmar in Cox’s Bazar im Südosten von Bangladesch an. 198.000 Menschen haben sich in provisorischen Siedlungen niedergelassen, 92.000 Neuankömmlinge leben in der Gastgemeinde. Mehr als 200.000 haben neue, spontane Siedlungen errichtet, in denen es nur begrenzten Zugang zu sanitärer Grundversorgung wie Trinkwasser und Toiletten gibt. Die Flüchtlinge haben keine Einkommensquelle und die meisten leben von nur einer Mahlzeit pro Tag. Mehr als die Hälfte der Menschen in den Flüchtlingslagern sind Kinder. Ihr Leben wurde durch die Rohingya Krise auf den Kopf gestellt. Sie haben ihr Zuhause verloren, ihre Bildung abgebrochen und stehen dem Risiko von Krankheiten, Gewalt und Missbrauch gegenüber.
Die 12-jährige Salma ist mit ihren Eltern und sechs Geschwistern (drei Brüder und drei Schwestern) im September 2017 aus Myanmar geflohen. Nun leben sie gemeinsam in einem provisorischen Zelt im Balukhali Camp in Cox’s Bazar. Salma hat uns erzählt, wie ein Tag in dem Camp aussieht und welchen Schwierigkeiten ihre Familie täglich ausgesetzt ist:

„Mein Tag beginnt um 4 Uhr morgens. Am frühen Morgen helfe ich meiner Mutter beim Kochen, damit mein Vater essen und dann losgehen kann, um Hilfsgüter abzuholen. Außerdem helfe auch meinem jüngeren Bruder beim Toilettengang und mache den Abwasch. Ich muss am frühen Morgen das Trinkwasser holen, bevor alle anderen dort ankommen, ansonsten muss ich in einer langen Schlange warten.

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Tausende leben unter katastrophalen Bedingungen im Balukhali Camp in den schlammigen Hügeln von Cox’s Bazar. © Plan International/Saikat Mojumder

Um 7 Uhr gehen wir in den Wald, um Feuerholz zu sammeln. Jeden Tag müssen wir für Feuerholz in den Dschungel gehen, sonst können wir nicht kochen und hätten nichts zu Essen. Es dauert 4 bis 5 Stunden, dorthin zu gehen und zurückzukommen.

Meine Familie wartet darauf, dass ich mit dem Brennholz nach Hause komme. Ich bin nicht die einzige, sondern alle in meinem Alter, sowie Erwachsene und alte Leute gehen für das Feuerholz in den Wald. Wir gehen in einer Gruppe zusammen und unterhalten uns während wir gehen. Manchmal halten wir an, um uns kurz auszuruhen und dann weiterzugehen. Wenn wir in einer Gruppe gehen, haben wir keine Angst. Ich kenne jetzt viele Mädchen in meinem Alter, die in der Nähe unseres Zeltes leben. Wir haben gehört, dass es Elefanten in dem Dschungel gibt, und auch von Schlangenbissen wurden viele in unserem Lager verwundet − also müssen wir vorsichtig sein.

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Das Risiko, Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen zu werden, ist in den Camps extrem hoch. Brennholz holt Salma deshalb nie allein. © Plan International/Saikat Mojumder

Meine Mutter sagt, dass Entführer durch den Dschungel streunen und kleinen Kindern die Nieren rausschneiden oder sie entführen und an unbekannte Orte bringen. Aber wenn wir in der Gruppe bleiben, werden wir normalerweise nicht belästigt − wir fühlen uns sicher, wenn wir zusammen gehen.

Tagsüber geht mein älterer Bruder auf den Markt im Camp und verkauft das Feuerholz, das wir gesammelt haben. Mein anderer älterer Bruder geht morgens zur Madrasha (religiöse Schule) und kommt am Nachmittag zurück nach Hause. Wenn ich aus dem Wald zurück bin, verbringe ich den Rest des Tages damit, mich um meinen jüngeren Bruder zu kümmern.

Meistens bin ich es, die das Trinkwasser aus dem Brunnen aus dem niedrigsten Punkt des Tals holt und manchmal mein älterer Bruder. Meine ältere Schwester verlässt unser Zelt nicht, weil sie jugendlich ist. In unserer Kultur dürfen Teenager nicht von Männern und Jungen außerhalb des Hauses gesehen werden. Manchmal gehen wir aber nachts zusammen Wasser holen, und meine Schwester trägt dann einen Schleier.“

 

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Plan International hat 7000 Hygienesets an die Menschen in den Camps verteilt und mehr als 500 Sitzungen zum Thema Händewaschen und Menstruations-Hygiene abgehalten. © Plan International/Michael Rhebergen

Gefahren vor allem für Frauen und Kinder
Für Mädchen und Frauen ist die Lage in den Camps besonders dramatisch. Es fehlt ihnen an Schutz und Privatsphäre, extreme Gewalt und Vergewaltigungen sind keine Seltenheit. Aus Angst verlassen viele gar nicht erst ihr Zelt. Auch der Zustand der sanitären Grundversorgung ist katastrophal und gefährdet die Gesundheit − vor allem von schwangeren Frauen und Neugeborenen. Neben der Versorgung mit Hilfsgütern, fordert Plan International deshalb humanitäre Maßnahmen, die gezielt den Schutz von Mädchen und Frauen verfolgen. Plan leistet Nothilfe in der Balukhali Siedlung, in der auch Salma lebt. Bei der humanitären Hilfe wurde sich zunächst auf sanitäre Einrichtungen und Hygiene konzentriert und bisher konnten 60000 Menschen unterstützt werden.

Mit Spenden für unserem Nothilfe-Fonds ist es möglich, Kindern und ihren Familien in Notsituationen schnell und unmittelbar zu helfen.

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