Der schwierige Weg zum Frieden in Kolumbien

Nach mehr als 50 Jahren Bürgerkrieg haben die Konfliktparteien im Dezember 2016 in Kolumbien einen Friedensvertrag unterzeichnet. Mit dem Pilotprojekt „Nutze deine Kraft, um Frieden zu schaffen“ unterstützt Fundación Plan Kinder und Erwachsene, eine neue Zivilgesellschaft aufzubauen, in der Menschen einander wieder vertrauen und Konflikte ohne Gewalt lösen können.

Zwei Stunden Autofahrt sind es von Cali nach Palo Blanco, einem kleinen Ort in der Provinz Cauca. Je näher wir kommen, desto häufiger sind braune Flecken und Abbruchkanten an den Hängen zu sehen – entstanden durch illegalen Bergbau, der hier nahezu überall betrieben wird. In La Balsa führt eine Brücke über den Rio Cauca. Männer in Plastiksandalen schaufeln den nassen Sand des Flussufers von einem Boot auf die Ladefläche eines alten Pickups.

In der Schule von Palo Blanco sitzen Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren im Halbkreis vor einer „Karte der Erinnerung“. Sie sind Friedensaktivisten und ausgewählte „Semilleros de la Paz“, was so viel heißt wie: „Die den Frieden säen“. Die Teenager nehmen Teil am Plan-Pilotprojekt „Nutze deine Kraft, um Frieden zu schaffen“. Mit diesem Projekt unterstützt Fundación Plan den mühsamen Prozess, nach mehr als 50 Jahren blutigen Bürgerkrieges eine friedliche Zivilgesellschaft aufzubauen. Eine Gemeinschaft, in der Menschen, die über Jahrzehnte nur Krieg und Gewalt erlebt haben, den Mut aufbringen, sich wieder aufeinander zu verlassen und Konflikte friedlich zu lösen.

Yunior (16) und Sandra sind Friedensbotschafter © Johanna Spetz/Plan

Der 16-jährige Yunior und die 15jährige Sandra halten ein fast drei Meter langes und ein Meter hohes Plakat hoch. Darauf haben die Bewohner von Palo Blanco die verschiedenen Ereignisse des Bürgerkrieges in der Region Buenos Aires recherchiert und festgehalten. Allein die Symbolbilder lassen erahnen, was die Menschen hier durchgemacht haben: Minen explodieren, bewaffnete Kämpfer erschießen Zivilisten. Männer vergreifen sich an verängstigen Frauen, Leichname werden in einen Fluss geworfen. Mit sachlicher Stimme zählen der 16jährige Yunior und 15jährige Sandra die Gräueltaten der letzten Jahrzehnte auf. Kaum eine Region war so massiv von den Kämpfen zwischen linken Guerilleros und rechten Paramilitärs betroffen wie diese. Familien gerieten mehrfach zwischen die Fronten. Wer gerade das Sagen hatte, dem mussten sie gehorchen. Sie waren gezwungen, zu politischen Versammlungen zu kommen, mussten Loyalität schwören und Haus und Hof für die jeweiligen Belagerer freimachen.

Gewalt prägte das Leben der Erwachsenen  wie das der Kinder. „Viele haben ein Elternteil oder beide verloren“, erklärt die 13jährige Yaris Valentina. „Jungen und Mädchen fürchteten sich davor, von den Guerilleros oder den Paras zwangsrekrutiert zu werden.“ Immer wieder kam es in der Umgebung  zu schlimmen Unfällen durch zurück gelassene Minen. „Erst vor zwei Jahren starb ein Kind, als es hier in der Nähe auf eine Mine trat, zwei andere wurden schwer verletzt“, sagt Yaris Valentina.

In Kolumbien haben über acht Millionen Menschen schwerste Verbrechen im bewaffneten Konflikt erlebt, so das staatliche Zentralregister für Opfer. Während die einen Gerechtigkeit fordern und die Mörder ihrer Mütter, Väter und Kinder bestraft sehen wollen, glauben die anderen an Versöhnung. Vor allem aber geht es jetzt darum, dass das erfahrene Leid gesehen und gewürdigt wird.

Yunior (16), Jimena (13), Yadis (16) Und Carlos (15) erklären die Ziele des Projektes © Annika Buessemeier/Plan

Nancy López von Fundación Plan erklärt, wie Jugendliche und Erwachsene zusammen an der Wiederaufarbeitung gearbeitet haben: „Damit sie den Mut hatten, über ihre Erlebnisse zu sprechen, bereiste eine junge Theatergruppe alle zwölf in Buenos Aires an dem Projekt teilnehmenden Gemeinden und spielte ein Stück mit dem Titel „Liebe ist Macht“, das Szenen des Krieges, aber auch der Versöhnung zeigte. Dazwischen gab es viele Pausen, in denen die Zuschauer ihre persönlichen Erlebnisse schildern konnten. Da sind sehr starke Gefühle hochgekommen. Jeder wollte plötzlich seine Geschichte erzählen“, sagt Nancy. Danach wurden die Kriegsgeschehnisse in der Region Buenos Aires aufgelistet und in Form einer Zeittafel festgehalten. Und als das fertig war, konnten sich die Bewohner von Palo Blanco den Wünschen für ihre Zukunft zuwenden. „In den nächsten beiden Phasen geht es darum, konkrete Veränderungen zu schaffen. Am Ende werden wir dann ein großes Fest feiern, das der Opfer und Gewalttaten des Krieges gedenken wird“, erklärt Nancy.

Die Friedensbotschafter von Kolumbien

Noch während der Friedensverhandlungen in Havanna befragte Fundación Plan Jungen und Mädchen nach deren Wünschen und gab diese mit in den Verhandlungsprozess nach Kuba. Gerade Jugendliche spielen dabei eine sehr wichtige Rolle:  „Kinder wünschen sich nur Frieden, keine Rache“, so Gabriela Bucher, Länderdirektorin von Fundacíon Plan und spricht von einer einmaligen Chance, die Kolumbien durch den Friedensvertrag bekommen hat.

Alle drei Monate nehmen die jungen Friedensbotschafter an den Gemeinderatssitzungen teil, damit die Wünsche der Kinder gehört und im Entwicklungsplan der Gemeinde festgeschrieben werden. Diese lokalpolitische Beteiligung der Mädchen und Jungen ist per Gesetz in Kolumbien festgeschrieben, wurde aber bisher nie umgesetzt. Am Ende des Jahres treffen sich die Teenager mit dem Bürgermeister und erinnern ihn an seine Versprechen. Die „Semilleros“ treffen sich jede Woche. Sie klären andere Jugendliche über ihre Rechte auf und beraten sie, wo sie im Fall von häuslicher Gewalt Hilfe bekommen. Sie sprechen darüber, auf welchen Wegen sie sich sicher bewegen können, wo möglicherweise noch Minen liegen und wie wichtig es ist, sich von Drogen, Alkohol und kriminellen Banden fern zu halten.

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