Warum Geburtsurkunden so wichtig sind

Carolin mit Kae (18) und Pat (17). Sie gehören zu den ethnischen Minderheiten Palong und Daraang (Foto: Plan)

Carolin mit Kae (18) und Pat (17). Sie gehören zu den ethnischen Minderheiten Palong und Daraang (Foto: Plan)

Zuerst besuchen wir eine Schule. Wir sollen uns auf Thai vorstellen, was natürliche einige Lacher auslöst, denn die Aussprache ist gewöhnungsbedürftig. Trotzdem werden wir gehorsam von den in drei Reihen aufgestellten Schülerinnen und Schülern mit vor dem Gesicht zusammengeführten Handinnenflächen begrüßt. P‘Sumit fragt: „Wie viele von euch besitzen eine Geburtsurkunde?“ Nur knapp über die Hälfte der Schüleschaft hebt den Arm. „Wie viele wollen gerne die thailändische Staatsbürgerschaft?“ Alle. Aber es ist ein mühsamer Prozess, das weiß P‘Sumit. Mit den Plan-Luftballons verbreitet sich schnell spielerische Freude und nachdem sich langsam die starre Aufreihung löst, wollen alle ein Foto mit uns machen. Man dankt uns für den Besuch, doch wir haben zu danken, denn so viele lächelnde Gesichter auf einen Schlag sieht man selten.

Weiter geht es in das Registrierungsbüro im District Office. Hier kommen nicht nur Wasser, sondern Fakten auf den Tisch.
Für die vollständige Registrierung wird
1. ein Foto
2. ein ausgefülltes Formblatt
3. eine Meldebescheinigung
4. ein Ausweis der Eltern
5. eine Zeugenreferenz
6. ein Sprachnachweis
7. ein Führungszeugnis
8. ein Arbeitsnachweis
9. ein Fingerabdruck
Und schließlich 10. Eine Geburtsurkunde benötigt.

Ohne diesen Grundbaustein kann die Beantragung für die thailändische Staatsbürgerschaft nicht begonnen werden. Uns wird klar, warum das erste Dokument, was ein jeder in seinem Leben erhalten sollte, so eine hohe Bedeutung hat. Seit über drei Jahren arbeitet Plan mit dem Distrikt zusammen. Die Mitarbeiter fahren in die Dörfer und klären die Bewohnerinnen und Bewohner über das System auf, starten den Prozess und übernehmen teilweise den Transfer der Dokumente zum Verwaltungsgebäude. So kann ein Besuch schon mal mit bis zu 300 Anträgen zusammenhängen. In vielen Dörfern und bei der Behörde bieten Plan-Freiwillige Hilfe besonders bei der Übersetzung von Thai in die lokale Sprache an.

Man zeigt uns die existierenden ausgefüllten Formblätter. Derzeit gibt es diese nur handschriftlich, aber ein neuer Mitarbeiter digitalisiert täglich die vorhandenen Papiere mit dem gespendeten Scanner. Diese Arbeit ist ein Pilot-Projekt in ganz Thailand! Außerdem erzählt uns der Leiter: „Vor 10 Jahren waren vielleicht 20-30% der Einwohner unregistriert, jetzt in 2014 sind es nur noch 0,1% die keinerlei Papiere besitzen.“ Allerdings bedeutet dies nicht, dass sie dann damit schon ihre Rechte wahrnehmen können, dafür benötigen sie die Staatsbürgerschaft. Vor dem Büro warten schon eine ganze Menge Leute, wir verabschieden uns und danken für die umfangreichen Informationen.

Der nächste Stop gilt einem Bergdorf, in dem die Völker „Palong“ und „Daraang“ ansässig sind. „Vor drei Jahren war hier niemand registriert. Wir sind von null auf 100 Menschen, die von den 700 nun Papiere besitzen.“ P‘Sumit erzählt weiter, dass viele von ihnen vor über 20 Jahren aus Myanmar eingewandert sind. Nach einer Vorstellungsrunde und kurzer Unterhaltung mit dem Dorfvorstand darf ich zwei Mädchen interviewen. Kae ist 18 Jahre alt und hat seit kurzem die thailändische Staatsbürgerschaft. Sie geht zur Schule und will Hebamme werden. Pat ist 17 Jahre alt und musste nach der 9. Klasse anfangen in einer Fabrik zu arbeiten, weil ihre Eltern kein Geld mehr für weitere Bildung aufbringen konnte. Sie hat keine Geburtsurkunde und damit nur eine eingeschränkte Jobauswahl.

Der letzte Halt ist der wohl intensivste. Eine Grundschule in Phalong mit ca. 200 Schülern. Hier treffen wir eine Gruppe von Kindern, deren Familien aus Myanmar eingewandert sind. Sie werden von den Lehrerinnen und Lehrern besonders gefördert, erhalten Sprachunterricht, schließlich ist ihre Muttersprache die des Nachbarlandes. Nur ein Mädchen der über 20 Kinder ist im Besitz einer Geburtsurkunde. All diese Kinder werden ihr Leben lang sehr eingeschränkt sein und über wenig Rechte verfügen, wenn das Gesetz nicht geändert wird. Ich werde gebeten, auf die Situation dieser Kinder aufmerksam zu machen, wenn ich der Konferenz beiwohne. Das werde ich sicher nicht vergessen!

Ein gemeinsames Abendessen mit der Familie von P‘Sumit rundet den anstrengenden, aber interessanten Tag ab. Und schon wieder werden wir überrascht: So viele unbekannte Gerichte! Dazu trinken wir Kokosnusssaft direkt aus der aufgeschlagenen Nuss. P‘Sumit erzählt, dass er aufgrund der Plan-Arbeit und seines Engagements für das Thema Registrierung nicht mehr so viel Zeit wie früher mit seiner Familie verbringt. Aber seine Kinder werden wenn sie älter sind verstehen, was für großartige Arbeit ihr Vater leistet und wie vielen Menschen er damit eine Chance auf ein besseres Leben eröffnen kann! Denn das Ziel ist: To get everyone in the picture!

(Text von Carolin (22)  aus dem Jugendbeirat)

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