Das Leben nach der Ausgangssperre in Sierra Leone

(Foto: Plan / Gina Nemirofsky)

(Foto: Plan / Gina Nemirofsky)

Von Kamanda, Mitglied des internationalen Jugendbeirats von Plan aus Sierra Leone

Nach der von der Regierung Sierra Leones im Kampf gegen das Ebola-Virus verhängten dreitägigen Ausgangssperre schreibt Kamanda – Mitglied des internationalen Jugendbeirats – über die Auswirkungen der Ausgangssperre auf die Menschen, die in seiner Gemeinde im Norden des Landes leben:

Von 19. – 21. September mussten wir alle zu Hause bleiben. Wir haben gebetet, dass unsere Familie verschont bleibt und die Epidemie bald vorüber ist.

Wir durften das Haus nicht verlassen. Niemand durfte nach draußen, außer Vertretern der Behörde, ehrenamtliche Gesundheitshelfer und das medizinische Personal. Sie haben allen Bewohnern erklärt, wie sie eine Ansteckung mit Ebola vermeiden und die Krankheit daran hindern können die Grundfesten unseres sehr beliebten Landes zu erschüttern, wo wir uns doch gerade im Aufschwung befanden.

Wenn das Zuhause zum Gefängnis wird
Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es ist, den ganzen Tag zu Hause sitzen (oder liegen) zu bleiben, ohne nach draußen gehen zu dürfen, ohne in der Gemeinde zu laufen. Es war, als hätten wir drei Tage im Gefängnis gesessen. Aber es war eine richtige Entscheidung, um die Menschen vor Ebola besser zu schützen.

Meine Familie (27 Menschen) ist zu Hause geblieben, hat Radio gehört und ein bisschen gegessen (was überhaupt noch vorhanden war). Sie haben gebetet, Karten gespielt und ein paar Filme angeschaut, mit dem Computer, den ich von Plan für meine Arbeit im Jugendbeirat bekommen habe. Am dritten Tag haben uns Gesundheitsbeauftragte aufgesucht und über Ebola aufgeklärt – wie man Frühsymptome erkennt und darüber, wie man sich vor dem Virus schützen kann. Sie haben uns Seife gegeben, damit wir uns die Hände regelmäßig waschen.

In manchen Dörfern nahmen Menschen den Reißaus und versteckten sich im Busch. Meine Mutter, meine Stiefmütter und meine Brüder haben sich auch versteckt, denn sie hatten gehört, Gesundheitshelfer würden sie zu Hause aufsuchen, ihnen das Ebola-Virus einspritzen und dann alle kranken Menschen gezwungenermaßen zu einem Ort bringen, wo nur an Ebola erkrankte Menschen sind. Das waren natürlich falsche Informationen.

Als sie mich auf mein Handy anriefen, konnte ich sie beruhigen. Ich habe ihnen den Sinn dieser dreitägigen Ausgangssperre erklärt, und wie sich jeder zu verhalten habe und wie sie sich vor dem Virus schützen können.

Hunger und Durst
Als Journalisten einer örtlichen Radiostation, Radio Bankasoka, wurden ein Arbeitskollege und ich damit beauftragt, zu kontrollieren, was in den drei Tage in dem Bezirk alles passiert.

Der Präsident unseres Landes hatte die Bevölkerung dazu aufgerufen, drei Tage zu Hause zu bleiben, und diese Ausgangssperre ist bei den Menschen in der Regel gut angekommen. Aber einige Menschen waren sehr unglücklich darüber, denn der Staat hatte für diese dreitägige Ausgangssperre weder Essen noch Trinken zugesagt. Viele arme Familien hatten drei Tage lang nichts zu essen und nichts zu trinken.

Schon in normalen Zeiten, das heißt, ohne Ebola, fällt es einer armen, kinderreichen Familie schwer, sich ein Essen pro Tag zu leisten. Stellen Sie sich vor, drei Tage nacheinander! Familienoberhäupter, bei denen man vermutete, sie seien an Ebola erkrankt, wurden unter Quarantäne gestellt.

Besonders schlimm ist der Gedanke, dass nun so viele Kinder elternlos geworden sind, das zerbricht mir das Herz. In einer Gemeinde zum Beispiel haben drei Kinder ihre Eltern durch Ebola verloren. Diesen Kindern muss man unbedingt helfen!

Die Krankenhäuser sind leer
Als ich im lokalen Radio hörte, dass gerade in meinem Bezirk 35 an Ebola erkrankte Menschen im Sterben liegen, kamen mir die Tränen. Wie wird die Situation in einem Monat oder in einem Jahr aussehen? – dachte ich. Es ist furchtbar.

Viele Menschen haben die Gesundheitszentren verlassen, aus Angst, mit dem Ebola-Virus infiziert und als Ebola-Kranke stigmatisiert zu werden. Sie vertrauen nicht mehr auf das lokale Gesundheitspersonal. Auch schwangere Frauen und Mütter von Kleinkindern unter 5 Jahren weigern sich, die Gesundheitszentren aufzusuchen. Die öffentlichen Krankenhäuser, wie auch die anderen Gesundheitszentren, stehen leer.

In meinem Bezirk wurden 81 Häuser unter Quarantäne gestellt, nur die Sicherheitsmaßnahmen, um diese Quarantäne umzusetzen, waren eher dürftig. Ich habe den zuständigen Gesundheitsbeauftragten dazu gefragt.

In den unter Quarantänen gestellten Häusern sowie in den Behandlungszentren herrscht Lebensmittelknappheit. Verdachtspatienten flüchten auch deshalb und tragen zur Ausbreitung der Krankheit bei.

Ein an Ebola erkrankter Mann, der gestern Nacht aus einem Ebola-Zentrum geflüchtet ist, sprach mit einer meiner Kolleginnen. Dabei verschlang er Kekse. Er hätte im Ebola-Zentrum die ganze Zeit nichts gegessen, er müsse jetzt etwas essen. Keiner traute sich, ihn anzufassen. Die Behörde wurden zwar benachrichtigt, aber der Mann ist wieder auf der Flucht. Dies ist eine sehr riskante Situation.

Was wird nun wohl als Nächstes geschehen?
Viele Ebola-Fälle sind nun registriert und unter Quarantäne gestellt. Ich hoffe, dass sich die schreckliche Krankheit in den nächsten 21 Tagen eindämmen lässt und wir etwas mehr Bewegungsfreiheit bekommen.

Aber ich denke, die Zahl der Toten in den unter Quarantänen gestellten Häusern und in den Behandlungszentren wird steigen, denn die an Ebola erkrankten Menschen bzw. die Verdachtsfälle bekommen kaum oder gar keine medizinische Versorgung und kaum etwas oder gar nichts zu essen.

Kinder und arme Menschen werden weiterhin an Ebola sterben, denn diese Bevölkerungsgruppen sind zurzeit die am stärksten gefährdete Gruppe.

Wir brauchen Mediziner und Fachleute aus dem Ausland, die sich mit Ebola und mit den Behandlungsmethoden auskennen und wissen, wie man ein Gesundheitstzentrum verwaltet. Die Bewohner trauen dem lokalen Gesundheitspersonal nicht mehr und haben die Krankenhäuser verlassen.

Ich glaube, dass jemand wie ich etwas tun kann. Die Jugendvereine sollten sich an Radiokampagnen mehr beteiligen und auf den sozialen Netzwerken viel aktiver werden und die Bevölkerung dazu aufrufen, sich untersuchen bzw. behandeln zu lassen. Schwangere Frauen und Mütter von Kleinkindern unter fünf Jahren z.B. müssten ermuntert werden, die Gesundheitszentren wieder aufzusuchen.

Kinder und Jugendliche sehen die Realität aus einer anderen Perspektive. Wir kennen unsere Rechte und unsere Verantwortung und wir sind bereit, diese Verantwortung zu übernehmen.

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