10 Handlungsempfehlungen an Nichtregierungsorganisationen für die Nothilfemaßnahmen nach Taifun Haiyan

von Maike Schulz
Plane gesponsort von Plan

Aus solchen Planen können Notunterkünfte gebaut werden. (Foto: Plan)

Gepostet am 13. November 2013 von Alex Jacobs

Heute ist es mir gelungen, dass Roger Yates mir ein paar Minuten seiner Zeit schenkte. Er ist bei Plan International als Direktor für Katastrophenhilfe beschäftigt und hat mehr als 25 Jahre Erfahrung. Wir haben gemeinsam 10 Handlungsempfehlungen für Nichtregierungsorganisationen, die nach dem Taifun Haiyan Hilfsmaßnahmen auf den Philippinen durchführen, identifiziert.


1.    Konzentrieren Sie sich auf die Prioritäten. Versuchen Sie nicht, alles gleichzeitig zu tun. Akzeptieren Sie, dass am Anfang ein gewisses Maß an Chaos und Verwirrung herrscht. Zu den unmittelbaren Prioritäten gehören wahrscheinlich: (a) Verstehen, wie die Dinge auf den Philippinen funktionieren und wer was tut; (b) Ausarbeitung von Plänen auf Grundlage der lokalen Bedürfnisse, nicht auf Basis der von Gebern bereitgestellten Mittel; (c) Vorausschauendes Denken bei der Organisation der ersten Maßnahmen, damit diese in den kommenden Wochen dem Bedarf entsprechen. Bereiten Sie sich darauf vor, die Prioritäten anzupassen, wenn sich die Umstände in den nächsten Wochen verändern.

2.    Verstehen Sie die Rolle der Armee und der Regierung. Die Armee wird bei den Soforthilfemaßnahmen wahrscheinlich eine führende Rolle übernehmen, zusammen mit internationaler Unterstützung. Möglicherweise betreibt die Armee den Flughafen, räumt die wichtigsten Straßen frei, kontrolliert die Logistik und sorgt für Sicherheit. Nichtregierungsorganisationen sollten verstehen, wie die Armee organisiert ist und worin sie ihre Rolle sieht – und ebenso sollten sie verstehen, wie die Regierung organisiert ist. Nichtregierungsorganisationen können Einfluss auf Armee und Regierung ausüben und ergänzende Rollen definieren. Beispielsweise sind Nichtregierungsorganisationen möglicherweise besser darin, Verteilaktionen zu organisieren und mit marginalisierten Gruppen zusammenzuarbeiten.

3.    Arbeiten Sie mit der lokalen Verwaltung/der städtischen Regierung und anderen Gemeindeleitern zusammen. Diese wissen, wer wo lebt (oder lebte) und wie die Dinge laufen. Allerdings werden sie wahrscheinlich nur über geringe Kapazitäten verfügen, Nothilfe zu leisten. Nichtregierungsorganisationen sollten Führungspersonen in Städten, Gemeinden und Dörfern zuhören, wenn sie (a) Nothilfemaßnahmen planen und Empfänger von Hilfsleistungen identifizieren und (b) überprüfen, wie sie ihre Maßnahmen verbessern können.

4.    Halten Sie die Öffentlichkeit (in den betroffenen Gemeinden) auf dem Laufenden über: (a) wann und wo Nichtregierungsorganisationen Hilfe leisten werden; (b) wichtige Botschaften zur öffentlichen Gesundheit; (c) wie die Menschen Informationen über vermisste Personen/Todesfälle weitergeben und bekommen können und (d) andere Prioritäten, die für die betroffene Bevölkerung wichtig sind (z. B. Transportmöglichkeiten, Rolle der Behörden). Nichtregierungsorganisationen können Informationstafeln aufstellen, Flugblätter verteilen, Nachrichten über das Radio ausstrahlen und lokale Medien und Netzwerke nutzen.

5.    Arbeiten Sie zusammen, nicht unabhängig voneinander. Nichtregierungsorganisationen sollten ihre Rolle als Teil einer lokal geführten, größeren Initiative sehen. Alle Nichtregierungsorganisationen sollten die Pläne anderer Akteure berücksichtigen, wenn sie ihre eigenen Maßnahmen planen, und sie sollten über ihre Aktivitäten informieren. Sie sollten ihre Bedarfsanalysen und Pläne online veröffentlichen (über Koordinierungs-Webseiten wie Humanitarian Response oder GDACS). Sie sollten lokale Partner und Organisationen unterstützen. Alle Nichtregierungsorganisationen sollten bereit sein, ihre Maßnahmen im Lichte dessen, was andere Akteure tun, anzupassen. Und Geber sollten diese Flexibilität unterstützen, wenn nötig.

6.    Unternehmen Sie besondere Anstrengungen, die hilfsbedürftigsten und am stärksten betroffenen Menschen (z. B. heranwachsende Mädchen) ausfindig zu machen. Diese haben wahrscheinlich besondere Bedürfnisse und werden bei den Hauptaktivitäten leicht übersehen oder an den Rand gedrängt. Nichtregierungsorganisationen können wesentlich dazu beitragen sicherzustellen, dass diese Gruppen in vollem Umfang von den offiziellen Hilfsmaßnahmen profitieren. Allerdings werden hierfür wahrscheinlich gesonderte Ressourcen notwendig sein.

7.    Unterschätzen Sie nicht die Wichtigkeit des seelischen Wohlbefindens. Die Menschen brauchen Hilfe, um mit dem unmittelbaren Schock, dem Trauma und der Trauer umzugehen. Auch müssen sie dabei unterstützt werden zu bewältigen, was mit ihren Familien und ihren Zukunftsplänen geschehen ist. Nichtregierungsorganisationen können helfen, die seelische Belastung zu verringern, beispielsweise indem sie praktische gegenseitige Unterstützung innerhalb der Gemeinden fördern (etwa beim Zugang zu Hilfsangeboten), umfangreiche lebensverändernde Entscheidungen vermeiden und die Menschen mit Würde behandeln.

8.    Unterstützen Sie lokale Märkte und gehen Sie so bald wie möglich zu Bargeldauszahlungen über. Die lokalen Märkte funktionieren wahrscheinlich besser als angenommen. Sie werden sich rasch erholen, wenn sich Chancen ergeben und dadurch Jobs entstehen – und die Menschen Würde und Normalität zurückerlangen. Nichtregierungsorganisationen sollten lokale Märkte so gut wie möglich unterstützen. Beispielsweise sollten sie Waren vor Ort einkaufen, wann immer dies möglich ist, und den Menschen Bargeld geben, damit sie selbst entscheiden können, was sie kaufen wollen.

9.    Schaffen Sie mit der Öffentlichkeit vor Ort eine beidseitige Kommunikation. In den nächsten Wochen sollten Nichtregierungsorganisationen die Öffentlichkeit darüber informieren, wie die Menschen mit ihnen in Kontakt treten können. Jedes Mal, wenn das Logo einer Nichtregierungsorganisation oder eine Informationstafel angebracht wird, sollten auch die Kontaktdaten und Namen von Mitarbeitern genannt sein. Nichtregierungsorganisationen sollten transparent über ihre Vorhaben und Budgets informieren. Sie sollten lokale Medien nutzen und sicherstellen, dass die lokale Bevölkerung in die Projektplanung einbezogen wird. Außerdem sollten sie die Menschen vor Ort systematisch um Feedback zu den durchgeführten Hilfsmaßnahmen bitten – und diese Rückmeldungen dann auch berücksichtigen. Geber sollten die sich daraus ergebende Flexibilität unterstützen.

10.    Permanente Häuser zu bauen ist schwierig. Überstürzen Sie nichts! Überlegte Baumaßnahmen brauchen Zeit. Zahlreiche soziale, rechtliche und technische Dinge müssen berücksichtigt werden. Nichtregierungsorganisationen sollten nicht erwarten, dass die Menschen innerhalb eines Jahres von temporären Notunterkünften (wie Zelten) in permanente Häuser umziehen können. Möglicherweise müssen sie für lange Zeit in Zelten leben. Die Errichtung von temporären Unterkünften kann eine Option sein. Die Nichtregierungsorganisationen sollten in Erwägung ziehen, den Menschen Materialien von geeigneter Qualität für den Häuserbau zur Verfügung zu stellen – oder Geld, damit sie die Baumaterialien selbst kaufen können.

Lektionen aus den Maßnahmen nach dem Tsunami im Jahr 2004
Der Evaluierungsbericht der Tsunami Evaluation Coalition aus dem Jahr 2004 war eine umfangreiche Initiative, die große Anerkennung fand. Der Bericht kam zu folgenden Ergebnissen:

„Internationale Hilfsmaßnahmen waren dann am effektivsten, wenn sie lokale Akteure befähigten, anleiteten und unterstützten.“

„Die lokale Bevölkerung führte die meisten unmittelbaren lebensrettenden Maßnahmen und Soforthilfe-Aktivitäten selbst durch, wie es nach Katastrophen meist der Fall ist.“

„Eine der größten Schwächen der internationalen Maßnahmen waren das mangelnde Verständnis des lokalen Kontextes und das Zögern und/oder die Unfähigkeit, sich mit lokalen Gemeinden, Gruppen und Organisationen abzustimmen sowie mit ihnen und durch sie zu arbeiten.“

„Das Schlüsselthema hier ist Ownership. Hilfe funktioniert am besten, wenn lokale Gemeinden und Behörden bei der Planung und Umsetzung der Programme befragt und einbezogen werden.“

„Die Eile, Gelder schnell und sichtbar einzusetzen, führte zu vielen mangelhaft durchgeführten Hilfsprojekten und war nicht im besten Interesse der betroffenen Bevölkerung.“

Empfehlung # 1: Die internationale humanitäre Gemeinschaft braucht eine grundsätzliche Neuorientierung – anstelle der bisherigen Hilfsleistungen sollten die Gemeinden dabei unterstützt und angeleitet werden, ihre eigenen Prioritäten in der Not- und Katastrophenhilfe umzusetzen.

Empfehlung # 2: Alle Akteure sollten versuchen, ihre Kapazitäten im Bereich der Katastrophenhilfe auszubauen und die Verbindungen und Koordination mit anderen Akteuren im Gefüge der internationalen Katastrophenhilfe zu verbessern, auch mit Akteuren aus den betroffenen Ländern selbst.“

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